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"Denkst du es gibt sowas wie das Böse?"

Der scheue 12-jährige Owen (Kodi Smith-McPhee) fristet ein Leben als Außenseiter. Die Beziehung zu seinen Eltern ist durch deren Scheidung am einschläfern und in der Schule wird er regelmäßig von einer Gruppe Halbstarker bedrängt und angegriffen. Freunde hat er keine. Dies ändert sich, als in der benachbarten Wohnung die scheinbar gleichaltrige Abby (Chloe Moretz) und deren väterlicher Begleiter (Richard Jenkins) einziehen. Obwohl das blasse Mädchen zunächst forsch gegenüber Owen auftritt entwickelt sich zwischen beiden eine tiefe Verbundenheit. Häufig treffen sie sich nach Einbruch der Dunkelheit auf dem vor dem Heim liegenden Spielplatz oder kommunizieren mittels Morsezeichen. Owen weiß bis dahin nicht, dass sich Abby einzig von menschlichem Blut ernährt und ihr Begleiter in der Nachbarschaft umher zieht, um Passanten zu töten und Blut für sie zu beschaffen.

Durch den Erfolg von "So finster die Nacht", der schwedischen Verfilmung zum gleichnamigen Roman von John Ajvide Lindqvist, folgt kaum zwei Jahre später das amerikanische Pendant "Let Me In". Regisseur Matt Reeves ("Cloverfield") orientiert sich eindeutig an der Filmvorlage anstatt dem Roman, der durch das deutlich wiedergegebene Thema Pädophilie weniger massentauglich wäre als es das Horrordrama ohnehin schon ist. Ganze Brocken verwendet Reeves in seinem Remake wieder, verändert aber den Erzählrhythmus und bleibt insgesamt weniger subtil. Die ungewöhnliche Dramaturgie und die emotionale Kühle  findet sich aber auch in "Let Me In" wieder.

Reeves verschiebt das Umfeld von Schweden nach New Mexico und verändert auch die zeitgeschichtlichen Hintergründe. Immer wieder blitzen in "Let Me In" Bezüge zum Kalten Krieg in den 80ern und einer klassifizierten Gesellschaft durch. Die Einteilung in Gut und Böse findet sich besonders in der Erwachsenenwelt wieder, die zwischen göttlicher Moralvorstellung und satanistischem Wirken unterscheidet. In diesem Umfeld nehmen die beiden kindlichen Protagonisten ein besondere Stellung ein, denn beide stehen außerhalb dieser extremen Gesinnungseinteilung. Dies hebt die Neuverfilmung von "So finster die Nacht" ab.
Ohnehin stehen die Kindcharaktere mehr im Mittelpunkt als im Original. Der Einsatz einer Gruppe von Arbeitslosen wurde durch benachbarte Personen ausgetauscht und minimiert und die Eltern von Owen bleiben weitgehend gesichtslos. Ein wenig mehr kommen dafür die Ermittler und Abby's Begleiter zum Zuge.

"Let Me In" erzählt erneut eine an sich nicht sonderlich innovative Geschichte ums erwachsen werden. Was sie außergewöhnlich macht sind ungewöhnlichen Charaktere, die ernstzunehmenden Widrigkeiten und die fantastischen Elemente. Das Vampirdrama erschafft eine sensibel erzählte Romanze, die gekonnt zwischen herzerwärmender Zuneigung, kindlicher wie naiver Zurückhaltung sowie schauderhaften Spannungsmomenten wechselt.
Dass dies so gut gelingt, liegt an der tiefgehenden Charakterzeichnung. Der Film bietet Figuren die verständlich und schnell erfasst werden, gleichzeitig aber ein komplexes Verhalten vorweisen. Beide Hauptcharaktere leben ein Außenseiterdasein und sind nicht imstande sich zu integrieren. Während Owen aus Mangel an Anknüpfpunkten zu Kindern und Eltern zwischen Hass und Resignation hin und her getrieben wird, hat Abby bereits Grenzen überschritten. Ihre übernatürliche Existenz verleiht ihr Schönheit und Anmut, aber auch ein raubtierhaftes, dunkles Wesen, dass sich nicht in die Gesellschaft eingliedern lässt. Durch diese glaubwürdige Präsentation ist der Bezug zu beiden schnell hergestellt.

Neben den psychologischen Aspekten, die hin und wieder auch für Längen sorgen, geht der Film aber auch in einer überschaubaren Anzahl auf Kollisionskurs. Und dies nicht gerade zimperlich. So entsteht neben der melancholischen Atmosphäre eine raue, bedrohliche. "Let Me In" ist dabei ein wenig zeigefreudiger als "So finster die Nacht" und bietet neben expliziter Details auch optisch sauberere Bilder.
Die Kamera ist stets dicht am Geschehen, wechselt aber gekonnt die Positionen und erzeugt so grandiose Bilder der winterlichen Landschaft. Lineare wie auch offene Kulissen finden sich zuhauf, zu denen die fast immer präsente Musikuntermalung für eine gruselige Stimmung sorgt.

Die intime Beziehung der beiden Außenseiter wird von den Jungdarstellern Chloe Moretz ("Kick-Ass") und Kodi Smit-McPhee ("The Road") eindrücklich interpretiert. Beide erzeugen ein meisterhaftes Abbild ihrer sehr wechselhaften Figuren. Richard Jenkins ("Ein Sommer in New York") und Elias Koteas ("Der seltsame Fall des Benjamin Button") bleiben dagegen taktisch im Hintergrund und bieten edlen Support.

Die Unterschiede zwischen "So finster die Nacht" und "Let Me In" finden sich im Detail. Das Remake ist rasanter inszeniert und genauer definiert als seine beschaulich ruhige Vorlage, enthält aber die enorm dichte und als kalt empfundene Atmosphäre. Die schauspielerischen Leistungen sind gleich beeindruckend wie auch die erschaffene Charatertiefe. Durch den Wechsel des Umfelds und anderer politisch wie auch religiöser Einflüsse enthält "Let Me In" eine eigenständige Note. Technisch ist das Remake eindeutig im Vorteil, das die Coming-of-Age Handlung nicht neu definiert und ausgerechnet im Finale gegenüber dem originalen Film unterliegt.

8 / 10

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