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Nicht einmal ein Jahr zog nach der Premiere des schwedischen Streifens “So finster die Nacht” ins Land, und schon wurde die amerikanische Neuauflage des hochgelobten Vampir-Horrors angekündigt. Unheilvolle Unkenrufe waren bei solch einem hastigen Handeln natürlich vorauszusehen, der fiese Verdacht nach einem schnellen Abschöpfen des "Twilight"-Hypes bereits vorprogrammiert. Die zugegebenermaßen berechtigten Zweifel bezüglich einer ähnlich weichgespülten Banalität verlaufen sich nach Sichtung von “Let Me In” jedoch schnell im Nichts: Matt Reves liefert mit seinem kunstvollen Kleinod ein atmosphärisch astreines Remake ab, welches sich neben dem meisterlichen “Durst” nun ebenfalls in die Riege moderner, mitreißender Blutsauger-Balladen einordnen darf.

Ein verschneiter Winter im Los Alamos der frühen 80’er Jahre: Der zwölfjährige Owen (Kodi Smit-McPhee) fristet ein vollends verlassenes Dasein, weder seine getrennt lebenden Eltern noch etwaige Freunde geben dem Jungen Halt. Sein Schicksal scheint sich zu wenden, als die gleichaltrige und ebenso introvertierte Abby (Chloe Moretz) in die Nachbarwohnung zieht - zwischen den beiden Einzelgängern entwickelt sich eine innige Beziehung. Was Owen jedoch nicht weiß: Die mysteriöse Mordserie, welche sich in letzter Zeit ereignet, beruht auf einem grässlichen Geheimnis seiner neuen Freundin, welche mithilfe der leergesaugten Leichen ihren dämonischen Blutdurst stillt…

Über Sinn und Unsinn eines solch raschen Remakes kann man lange diskutieren, Fakt ist: Durch die Neuinterpretation wird die emotional ergreifende Geschichte um zwei erschreckend einsame Kinder nun auch einem etwas größeren Publikum zugänglich gemacht. Dass dies mit einer Anpassung an amerikanische Sehgewohnheiten einhergeht, muss nicht immer zwangsläufig von Nachteil sein - zumindest nicht, wenn dabei eine solch betörende Bildsprache wie in diesem Fall herauskommt: Matt Reeves kleidet seine ruhige und kühle Horror-Ballade in eine düstere Collage aus verfremdenden Weichzeichnern und farblosen Panoramen, die von einer kunstvollen Kamera eingefangen und mit melancholischer Musik untermalt werden - die äußerliche wie auch innerliche Kälte wird schmerzhaft spürbar gemacht.

Inmitten dieser trostlosen Tristesse dient der bei Nacht in künstlich-gelbes Licht gehüllte Spielplatz als letzter Rückzugspunkt für Owen, einem einsamen Einzelgänger, der sein schreckliches Schicksal resigniert akzeptiert. Von den Eltern unbeachtet (es ist bezeichnend, dass man das Gesicht seiner Mutter durch die Wahl geschickter Kamerawinkel nicht ein einziges Mal wirklich sieht) und von seinen Klassenkameraden ignoriert oder schikaniert, frisst der Außenseiter jeglichen Frust in sich hinein. Lediglich im Schutz seiner in wärmende Farbe getauchten Zuflucht vermag er den angestauten Aggressionen Luft zu machen - eben jener Ort der kindlichen Freiheit ist es, welcher ihm ein dringend benötigtes Ventil und durch das erste Treffen mit Abby schließlich auch einen Ausweg gewährt.

Die introvertierte Intensität, mit welcher Kodi Smit-McPhee diese traurige Figur zum Leben erweckt, sorgt angesichts der Schwere des Stoffs durchaus für Staunen. Getoppt wird diese Darbietung jedoch noch von Chloe Moretz, welche die tragische Tiefe ihres Vampir-Mädchens mit bedrückender Brillanz vermittelt. Auch wenn sie Owen schlussendlich aus seiner lebensverneinenden Lethargie herausreißt, ist ihre scheinbare Stärke doch nur oberflächlicher Natur - im Inneren ist sie eine ebenso verlassene und verzweifelte Seele wie ihr neuer Weggefährte. Das mit seiner eigenen, andersartigen Existenz hadernde Geschöpf ist nicht nur im kindlichen Körper, sondern auch im unreifen Geist einer Zwölfjährigen gefangen - die typische Vorstellung des alten, und daher weisen Vampirs wird hier köstlich konterkariert.

Die sich daraus ergebenden, krassen Gegensätze strahlen eine ganz besondere Anziehungskraft aus: Das abartige Aufeinandertreffen unerfahrener Unschuld und erbarmungsloser Brutalität begeistert mit äußerst beklemmenden Bildern - die morbiden Motive des blutüberströmten Mädchens brennen sich ins Hirn. Auch auf emotionaler Ebene sorgt die kindliche Konstellation für Erfrischung, wenn sich die unbeschwerte Naivität mit ersten, unbeholfenen Schritten des Erwachsenwerdens vermengt - die “Bettszene” der beiden darf wohl als eine der rührendsten Sequenzen der Kinosaison gewertet werden. So subtil zeigt man sich leider nicht immer: Die tödlichen Attacken von Abby leiden an relativ schwachen Spezialeffekten - hier wäre weniger mehr gewesen, was im schonungslosen Schlussakt, welcher die gnadenlose Gewalt lediglich akustisch andeutet, bestens bewiesen wird.

Fazit: Ruhige Melancholie, raue Härte, rührende Emotionalität - “Let Me In” vereint all diese Aspekte in einer wunderschön inszenierten Blutsauger-Ballade, die mithilfe ihrer zwei blendend aufspielenden Jungdarsteller eine ebenso ergreifende wie erschreckende Geschichte über Einsamkeit und Liebe erzählt. Freunde fremdartiger Vampir-Filme können sich in letzter Zeit wahrlich an einem famosen Programm erfreuen!

9/10

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