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Über den Sinn und die Notwendigkeit amerikanisierter Remakes ist schon viel diskutiert worden, denn fast immer ist ein gelungenes Original eben nicht mehr verbesserungswürdig, gerade wenn es eine spezielle Handschrift trägt, dessen Herz eben nicht einfach mal so kopiert werden kann. Gleiches widerfährt Regisseur Matt Reeves („Cloverfield“), der zwar reichlich Szenen von „So finster die Nacht“ maßstabsgetreu einfließen lässt, jedoch nicht den emotionalen Kern der Außenseiter-Romanze in den Vordergrund rückt.

New Mexico in den Achtzigern: Der zwölfjährige Owen ist ein Außenseiter an seiner Schule und leidet unter der Scheidung seiner Eltern. Als er die gleichaltrige Abby aus der Nachbarschaft kennen lernt, findet er in ihr eine Verbündete mit der er gerne Zeit verbringt. Doch noch kennt er nicht ihr düsteres Geheimnis…

Die Hammer Film Studios machen es sich mit dieser Produktion einfach und springen auf den Zug plumper Plagiate auf, in der Hoffnung, dass möglichst wenige Genrefans das Original kennen. Auf den ersten Blick bietet Reeves Streifen ja auch eine recht versierte Optik mit leicht überstrapaziertem Goldgelb-Filter, jedoch einigen netten Kameraperspektiven, doch mit Einführung der Hauptfiguren wird klar, dass er den Kern der Vorlage nicht erkannt hat.

Auf dem Papier bleibt es zwar die Geschichte zweier Außenseiter. Doch die Erzählung bringt kaum Feingefühl für seine Figuren auf. Die Suche nach Anerkennung, die sensible und hochgradig zerbrechliche Verbindung, das Pendeln zwischen Realität und Fantasie und nicht zuletzt die Sehnsucht nach Nähe wird hier zu einer aalglatten Coming-of-Age Geschichte mit kleinen Horroreinlagen reduziert, was obendrein über weite Teile die leicht surreale Stimmung der Vorlage vermissen lässt.

Zwar performen die Jungmimen recht ordentlich und mit einigen Nuancen, doch beide versprühen nicht ansatzweise das Charisma der Originaldarsteller, was ebenfalls zur weniger intensiven Stimmung beiträgt.
Hinzu kommen kurze, aber deutlich heftigere Actioneinlagen, die innerhalb der Inszenierung zwar schick aussehen, jedoch überhaupt nicht zum Grundton der ansonsten ruhig erzählten Geschichte passen. So fließt ein wenig mehr Blut und es gibt einen sehenswerten Make-up Effekt in Form eines entstellten Gesichts, doch am Ende wirkt die oftmals blutverschmierte Abby fast schon wie eine kleine Furie und nicht wie ein bemitleidenswertes Vampirmädchen, welches seinem Schicksal nicht entfliehen kann.

Wer also „So finster die Nacht“ noch einigermaßen präsent hat, kann sich „Let Me In“ in jeder Hinsicht schenken, denn er kopiert zwar optisch ansprechend und untermauert das Geschehen mit einem gefälligen Score, doch die Seele des Originals kann er zu keiner Zeit widerspiegeln. Denn trotz guter Darstellerleistungen und passablen Effekten kommt es bei der Geschichte vor allem auf Gefühl an, was Reeves kaum adäquat umzusetzen gelingt.
Stattdessen mischt er der Geschichte einige neue Elemente bei, spielt mit einigen Gewalteffekten und lässt deutlich mehr Blut fließen, doch darüber hinaus bleibt seine Zweitverfilmung ein vergleichsweise emotionsloses Plagiat eines grandiosen Erstlings, dessen Qualitäten im Direktvergleich umso deutlicher zum Vorschein kommen.
4 von 10

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