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In Los Alamos, New Mexico, bekommt irgendwann in den 1980ern der ein tristes, einsames Leben führende und in der Schule gemobbte zwölfjährige Owen (Kodi Smit-McPhee, „The Road“) neue Nachbarn: Die anscheinend etwa gleichaltrige Abby (Chloë Grace Moretz, „Amityville Horror – Eine wahre Geschichte“) zieht zusammen mit einem älteren Herren – vermutlich ihr Vater – in eine Nachbarwohnung des Wohnblocks ein. Abby und Owen freunden sich vorsichtig miteinander an und sie lenkt ihn ein wenig von seinem Frust und seiner Wut ab. Was Owen zunächst nicht weiß: Abby ist ein Vampir in Gestalt eines zarten, jungen Mädchens und ihr vermeintlicher Vater ihr Wegbegleiter, der ihr Nahrung beschafft. Als dies einmal schief geht, ist Abby auf sich allein gestellt. Owen ist der einzige, den sie noch hat...

Wem das schwer bekannt vorkommt, der irrt nicht: „Let Me In“ ist die Neuverfilmung des schwedischen Bestsellers „Låt den rätte komma in“ von John Ajvide Lindqvist, der 2008 bereits in schwedisch-französischer Koproduktion von Tomas Alfredson („Four Shades of Brown“) verfilmt und hierzulande als „So finster die Nacht“ bekannt wurde. US-Regisseur Matt Reeves, der ebenfalls 2008 mit seinem Spielfilm-Debüt „Cloverfield“ auf sich aufmerksam machte, interpretiert die Geschichte in „Let Me In“, 2010 von den wiederauferstandenen „Hammer Film Productions“ britisch-US-amerikanisch koproduziert, neu.

In sehr schönen, lediglich manchmal übertrieben in Gelb/Gold-Filter getauchten Bildern und äußerst angenehmem, ruhigem Erzähltempo erzählt er die Geschichte einer fragilen, präpubertären Außenseiterromanze, die gleichzeitig Zweckgemeinschaft ist und zwei von ihrer Existenz bzw. von ihrem Umfeld gepeinigten Seelen Halt und Schutz bietet. Die Melancholie der winterlichen Tristesse, die erwärmt wird von der sich immer fester zurrenden Verbundenheit Abbys und Owens, wird immer wieder wohldosiert jäh durchbrochen von plötzlichen Ausbrüchen von Grausamkeit in grafisch expliziten Bildern, umgesetzt mittels gelungener Spezialeffekte und Make-up-Arbeiten. Ebenso grausam jedoch ist der Inhalt des Films, der urteilsfrei zeigt, wie sich ein bisher unbescholtener Junge auf einen Pakt mit diesem Grauen einlässt, weil er in seinem normalen Umfeld und der unwirtlichen Welt um ihn herum keine Hoffnung, keine Perspektiven mehr erkennt. Abbys für sie überlebenswichtigen blutigen Exzesse stehen einer vom Film keinesfalls einseitig als Ausnutzung dargestellte Verbindung zu Owen gegenüber, die ihrerseits überlebenswichtig für den Jungen scheint, um sich zu behaupten und seinen Lebenswillen wiederzufinden. Gut/Böse-Schwarzweißmalerei ist nicht Thema dieses Films. Trotz der Abgründigkeit und des Fatalismus dieser Konstellation erscheint sie nachvollziehbar, folgerichtig, gar begrüßenswert? Identifikationsfiguren von „Let Me In“ sind eben diese beiden Geschöpfe – keine Vampirjäger, Therapeuten, Sozialarbeiter, Eltern oder sonstige Vertreter der Erwachsenenwelt, die nur am Rande vorkommt, was wiederum den fehlenden Bezug zwischen ihr und Owen charakterisiert.

Mit diesem gänzlich unkitschigen, stattdessen zwischen subtil und offen bösartigen modernen, morbiden Vampirmärchen, das sich im Stile eines „Coming of age“-Streifens der sowohl Hoffnung als auch Verwirrung und Gefahr bergenden ersten Liebe auf höchst ungewöhnliche Weise annimmt und mit einem offenen Ende die Phantasie des Zuschauers zu Gedankenspielen anregt, trifft Matt Reeves den Ton der Vorlage bzw., da mir diese unbekannt ist, der Erstverfilmung. Offensichtlich ist er sensibel genug, um ebenso wie Tomas Alfredson seinem Publikum emotionale Kälteschauer durch die Wirbelsäule zu jagen. Den Jungschauspielern zuzusehen ist ein Genuss; wie auch in „So finster die Nacht“ ist es insbesondere die Rolle Abbys (die dort noch Eli hieß), die sich besonders hervortut. Chloë Grace Moretz gelingt es, gleichzeitig das nette Mädchen von nebenan sowie die mysteriöse, abgrundtiefe Traumgestalt zu sein und mit ihrer von der Regie herausgeforderten Ausstrahlung zu faszinieren. Kodi Smit-McPhee als Owen agiert lockerer und beweglicher als sein schwedisches Äquivalent und macht seine ebenfalls ausgesprochen gut, wenngleich er nicht denselben Wiedererkennungswert besitzt. Die von Michael Giacchino komponierte Filmmusik passt sich wunderbar der Stimmung des Films an bzw. sorgt häufig erst für selbige und ist ein weiteres schönes Beispiel für unaufdringliche und dennoch effektive musikalische Untermalung eines bildgewaltigen Films, der gern das Tempo zugunsten einer sich schleichend ihren Weg bahnenden, einlullenden und schließlich vereinnahmenden Atmosphäre drosselt.

Wo jedoch sind die im Vorfeld vollmundig angekündigten Variationen gegenüber „So finster die Nacht“? Wollte man sich nicht enger an die Literaturvorlage halten? Sicher, man geht stärker auf Thomas, Abbys vermeintlichen Vater, ein, der mehr Aufmerksamkeit bekommt und einige starke Auftritte hat, in denen Richard Jenkins glänzt. Man gibt sich noch etwas expliziter, was die Gewaltspitzen betrifft. Man verlagerte die Handlung von Schweden nach New Mexico und amerikanisierte die Namen. Das war es dann aber auch schon weitestgehend; letztlich ereilt „Let Me In“ das gleiche Schicksal wie so viele US-Neuverfilmungen erfolgreicher ausländischer Filme: Es ist eben genau das, eine Neuverfilmung, keine wirkliche Neuinterpretation. Es gibt keinerlei neue Ansätze, stattdessen wird die Handlung hier und da etwas vereinfacht und massentauglich verständlicher gemacht (was nicht immer schlecht sein muss), wird aber auch leider der sozialkritische Aspekt des Originals auf ein Minimum zurückgefahren. Zweifelsohne ist „Let Me In“ für sich betrachtet ein sehr guter Film, den sich anzusehen lohnt, der Tiefgang besitzt und länger nachklingt. Die Originalität aber tendiert leider gen null. Aufgrund der unbestrittenen Qualitäten des Films und weil Reeves und sein Team das Original definitiv verstanden haben, bin ich zwiegespalten und komme nicht umhin, „Let Me In“ anzuerkennen und auch ihm satte 8/10 Punkten zuzugestehen. Die Hälfte jener gebührt aber eigentlich Alfredson. Eigentlich schade, dass ein so gelungener, sehenswerter Film gleichzeitig so unheimlich verzichtbar ist...

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