Vorneweg : der Film wurde noch nicht nach den Dogma-Regeln gedreht, die Lars von Trier gemeinsam mit seinem Freund Thomas Vinterberg (der dann 1998 den Dogma-Film 1 "Das Fest" drehte) aufstellte.
Doch sieht man sich den Film an, so sind hier schon einige Regeln umgesetzt wie z.B. die ständige Handkamera und das Fehlen einer begleitenden Filmmusik. Allerdings hat der Film keineswegs den Charakter eines Homevideos, die Bilder sind gut ausgeleuchtet und meist von klarer Schärfe.
Lars von Trier selbst beschrieb in einem Interview der Wochenendbeilage der "Süddeutschen Zeitung", daß man diese Dogma-Regeln durchaus aus Freude am Filmen und keineswegs zur dauerhaften, immer ernsthaft zu befolgenden Grundregel aufgestellt hatte. Worum es vor allen Dingen geht, ist die ehrliche Umsetzung von
Emotionen....
Und genau darum geht es in diesem Film...
Die Story geht ohne irgendwelche Einleitungen und Erklärungen gleich in die Vollen :
Bess heiratet zur völligen Überraschung ihrer Verwandten, Freunde und der übrigen Dorfbewohner einen unbekannten Mann, der auf einer Ölbohrinsel arbeitet. Jan erscheint mit seinen Freunden in dem abgelegenen schottischen Ort und wirkt das ganze Hochzeitsfest über wie ein brachialer Fremdkörper, dem die sehr gottesfürchtigen, nach sehr patriarchalichen Strukturen lebenden Einwohner mit Mißtrauen begegnen.
Wie es Bess, die im Dorf als wunderlich, schwach und etwas dümmlich, aber auch als gottesfürchtig und selbstlos angesehen wird, Jan kennenlernen konnte ? - Wen interessiert das ?
Denn darum geht es nicht - die eigentliche Geschichte ist einfach zu erzählen :
Nach der Hochzeit verbringen Bess (Emily Watson in ihrer ersten Filmrolle) und Jan (Stellan Skarsgard) ein paar glückliche Wochen, bevor er wieder auf die Ölbohrinsel zurück muß. Hier passiert ein Unfall, der Jan so stark verletzt, daß er vom Hals ab querschnittgelähmt ist und auch um sein Leben fürchten muß.
In seiner Verzweiflung und auch bei teilweiser geistiger Abwesenheit will er, daß Bess ihm ihre Liebe beweist, indem sie mit anderen Männern Sex hat....
Es ist nicht der Plot, sondern es ist die Art, wie Lars von Trier diese Geschichte erzählt, die mich von der ersten Minute an nicht mehr los ließ. Schon die Hochzeitsfeier zog mich komplett in ihren Bann :
- man spürt die Wucht der aufeinanderprallenden Welten : hier die total kontrollierte und disziplinierte Welt der Dorfbewohner - dort die überbordenden Gefühle von Bess, die sie sich durch Jans Anwesenheit endlich zu leben traut...
Von Trier scheut sich nicht beide Seiten in ihrem Extrem zu zeigen und den Betrachter bewußt dazu zu zwingen, sich mit der totalen sich selbst aufgebenden Liebe von Bess und einer nur den Regeln eines gottesfürchtigen Lebens - bis hin zur Verstoßung der eigenen Tochter und Enkelin - untergeordnetem Verhalten der Dorfbewohner und ihres Pfarrers zu konfrontieren.
Zuerst wirkt da das Leben im Glasgower Krankenhaus (wo Jan behandelt wird) - hier besonders in der Person des Stationsarztes (Adrian Rawlins) - beruhigend normal, sozusagen nachvollziehbar. Doch mit weiterem Verlauf des Filmes taucht man immer tiefer in die Gefühlswelt der Bess ein, so daß diese scheinbare Normalität etwas diffuses und abstoßendes erhält...
Das liegt zum Einen daran, daß es Von Trier gelingt, keine Person zu verteufeln. Selbst das Verhalten der Dorfbewohner und Bess strenger Mutter wird nicht als sadistischer Akt dargestellt ,sondern man spürt wie jeder Einzelne durch die eigenen Regeln bestimmt wird und das zuvorderst auch der Wunsch dahinter steht, Bess zu schützen - auch oder gerade weil man sie nicht versteht...
Aber zum Anderen liegt das vor allem an Emily Watson. Wie es ihr gelingt, diese junge Frau darzustellen , die sich nicht gegen ihre Umwelt schützen kann und teilweise wie ausgeliefert wirkt, dabei aber noch in den schwächsten Momenten unglaublich stark und konsequent ist - das kann ich gar nicht mehr unter dem Begriff des Schauspiels abspeichern.
Man muß das erlebt haben....und damit ist auch meine ganze Analyse der letzten Zeilen hinfällig -
Auf diesen Film muß man sich einfach einlassen, dann ergreift er einen mit einer Wucht, daß man ihn nie wieder vergißt und einen sprachlos hinterläßt... (10/10)