Review

"Ach kommt schon Leute, das ist Frankenstein! Ihr hättet ja wenigstens den Film gucken können!" - Laurie Strode in "Halloween H20 - 20 Jahre später"

Das Buch habe auch ich nicht gelesen, aber ich habe gestern erst wieder den Film gesehen. Ich habe aber gelesen, es wurden viele Fakten aus dem Buch geändert. Die Person des Monsters wurde komplett umgeschrieben, die Handlung wurde von der Schweiz nach Bayern verlegt (eine geographische Angabe, die mit Ausbruch des 2. Weltkrieges verändert wurde) und es wurden einige Namen vertauscht. Dafür stand der Film in der Kritik. Man darf den Film aber nicht schlecht nennen, nur weil er keine 1:1 Kopie des Buches ist.

Die Geschichte von Frankenstein ist im Grunde genommen sehr morbide. Ein Mann der einen Menschen aus Leichenteilen erschaffen will. Das klingt doch geradezu wie eine mögliche Storyline des neusten Films von Alexandre Bustillo und Julien Maury, den Regisseuren von "Inside" und "Leatherface".


Nachdem "Dracula", aus dem Hause der Universal Studios und adaptiert vom gleichnamigen Roman von Bram Stoker, im Frühjahr 1931 in die Kinolandschaft einschlug wie eine Bombe, beschloss man bei Universal gleich den nächsten Grusel-Literatur Klassiker zu verfilmen. Die Wahl fiel auf Mary Shelleys "Frankenstein". Erstmals 1818 veröffentlicht, war das Buch zwar fast 80 Jahre älter als "Dracula", was Carl Laemmle, Gründer und Leiter der Universal Studios, anscheinend nicht davon abhielt sein OK zu geben. Als Regisseur wurde der wenig erfahrene James Whale ausgewählt. Bela Lugosi, der bereits in "Dracula" die titelgebende Rolle verkörpert hatte, wurde die Rolle des Monsters angeboten. Er lehnte jedoch ab, da er befürchtete man könne durch das Make-Up sein Gesicht nicht mehr erkennen. Statt ihm wurde der unbekannte Darsteller Boris Karloff gecastet. Edward van Sloan, der in "Dracula" schon Professor Van Helsing spielte, wurde in "Frankenstein" als Doktor Waldman eingesetzt. Auch Dwight Frye, der Fritz verkörpert, spielte bereits in "Dracula" die Rolle des Untertanen Renfield.

Der Film beginnt mit einer Einleitung von Edward van Sloan, der davor warnt, dass der Film manche Zuschauer möglicherweise entsetzen könnte und dass Personen mit schwachen Nerven lieber den Saal verlassen sollten.

In den Anfangscredits wird bereits eine verwirrende Atmosphäre etabliert indem man im Hintergrund verschwommen Augen sieht, die um einen abstrakten Kopf rotieren, dieser Kopf erinnert mich an Nosferatu. In ebendiesen Credits wird auch noch geheim gehalten, wer das Monster spielt. Es steht nur ein Fragezeichen an der Stelle wo eigentlich "Boris Karloff" hätte stehen sollen.

Die Handlung des Films beginnt mit einer Beerdigung auf einem Friedhof. Dr. Frankenstein und sein buckliger Gehilfe Fritz beobachten das Geschehen und graben den Verstorbenen im Anschluss wieder aus. Meiner Interpretation nach weist Frankenstein leicht Nekrophile Charakterzüge auf, wenn er seine Wange in dieser Szene an den Sarg hält und sagt "Er schläft nur! Er schläft und wartet auf ein neues Leben." Als Frankenstein und Fritz den Friedhof verlassen entdecken sie einen Gehängten, dessen Gehirn Frankenstein für seine Schöpfung brauchen könnte. Fritz schneidet den Toten also vom Galgen und Frankenstein bemerkt, dass das Genick gebrochen ist und er ihn aufgrund der Beschädigung des Rückenmarks nicht gebrauchen kann. Er beauftragt Fritz ein unbeschädigtes Gehirn zu stehlen. Fritz wird in einer Universität fündig und stiehlt das verkommene Gehirn eines Verbrechers nachdem er das makellose Gehirn eines schlauen Menschen fallen ließ.

Aus Sorge um Frankenstein besuchen ihn Dr. Waldman, seine Verlobte Elisabeth und Victor, der Elisabeth mehr mag, als ihr lieb ist. Gerade in der Nacht in der er sein Werk vollenden will. Von seinen ungebetenen Besuchern lässt er sich nicht abhalten und haucht mit seiner Schöpfung mittels eines Blitzes in einem Gewitter Leben ein. Als er sieht, dass sich die Finger des Ungetüms bewegen verliert er den Verstand und seine Gäste müssen ihn zurückhalten.

Elisabeth und Victor gehen zu Baron Frankenstein, Dr. Frankensteins Vater und erklären ihm alles. Der Baron, ein typischer mürrischer, über alles meckernder alter Mann, der mich an meinen eigenen Großvater erinnert, glaubt den beiden nicht und ist fest davon überzeugt, dass da "(...)ne andere Frau im Spiel." ist und will seinen Sohn besuchen um ihn davon zu überzeugen so bald wie möglich die Eheschließung mit Elisabeth abzuhalten.

Jetzt sind 30 Minuten des Films vergangen und obwohl das Monster seit 5 Minuten lebt hat man es noch nicht zu Gesicht bekommen. Die abweichende Zwischenszene mit Frankensteins Vater sorgt für noch mehr Spannung, wann man denn nun endlich das Ungeheuer zu Gesicht bekommt. Und jetzt ist es soweit: Die Tür geht auf und das Monster läuft rückwärts ins Zimmer hinein, dreht sich dann langsam um, gefolgt von drei schnellen Schnitten, mit jedem von ihnen sehen wir das Gesicht des Monsters etwas näher, bis das gesamte Bild ausfüllt. Es setzt sich auf einen im Raum stehenden Stuhl, doch als Dr. Frankenstein Licht hereinlässt erhebt sich das Monster und streckt seine Arme dem Licht entgegen. Noch nie in seinem kurzen Leben hat es Licht gesehen und das Licht weckt in ihm den Wunsch nach Freiheit.

Fritz, der das Monster hasst und Gefallen daran findet ihn mit einer Peitsche und Feuer, vor welchem sich das Monster fürchtet, zu quälen, gar zu foltern ist das erste Opfer des Monsters. Frankenstein und Waldman betäuben es. Frankenstein verlässt seinen Turm und Waldman verweilt um das Monster durch eine gewaltige Überdosis eines Schlafmittels zu töten. Doch das Monster kommt ihm zuvor.

Am Hochzeitstag von Herbert Frankenstein und Elisabeth ist das gesamte Dorf in ausgelassener Freude. Unbemerkt läuft das Monster zu einem See an dem die kleine Maria anfängt mit ihm zu spielen. Sie werfen Blumen ins Wasser. Als das Monster keine Blumen mehr hat nimmt es das Mädchen und wirft es in den See. Anschließend flüchtet es nach einem kurzen Abstecher bei den Frankensteins in die Berge.

Marias Vater klagt sein Leid beim Bürgermeister, der die ganze Stadt dazu auffordert den Mörder des Mädchens zu finden. Auch Herbert Frankenstein sucht mit einem Trupp und findet das Monster. Es überwältigt ihn und schleppt ihn in eine alte Mühle. Dort kommt Herbert wieder zu sich und steht dem Monster gegenüber. Nachdem das Monster Frankenstein von der Mühle geworfen hat stecken die Dorfleute diese an und es macht den Anschein, als würde das Monster in den von ihm gefürchteten Flammen sterben.


Der Turm in dem Frankenstein Experimente durchführt erinnert mit seiner schrägen, unförmigen Architektur an den deutschen Stummfilmklassiker "Das Cabinett des Dr. Caligari". Auch erinnert, wie bereits gesagt, das Gesicht in den Credits an Nosferatu aus gleichnamigem Film. Es ist also offensichtlich dass man sich bei diesem Film gern am Weimarer Stummfilm-Horror orientiert hat.

Das Monster ist eine zutiefst missverstandene Persönlichkeit. Es handelt nach seinem Instinkt, nicht nach logischen Denken. So ist es nicht verwunderlich, dass es seinen Peiniger Fritz ermordet. Das Monster weiß, dass es körperlich überlegen ist und dieses Privileg nutzt es natürlich zu seinem Vorteil aus. Der einzige Charakter der ihm nicht mit Vorurteilen aufgrund seines Aussehens und seiner geistigen Zurückgebliebenheit begegnet ist die kleine Maria. Der Versuch ob das Mädchen auch schwimmen kann ist ein ganz natürlicher "Was geht?" Versuch, wie ihn Kleinkinder oft ausüben. Das Monster ist also nichts weiter als ein Kleinkind in einem starken erwachsenen Körper.

Die Atmosphäre und Spannung in "Frankenstein" ist phänomenal und die schauspielerischen Leistungen sind super. Auch nach fast 90 Jahren macht der Film immer noch Spaß beim ansehen. Kein Wunder, dass Regisseur James Whale in den Folgejahren mehrere Erfolge, wie z.B.. "Der Unsichtbare" (1933) oder "Das Haus des Grauens" (1932) hatte. Auch Karloff wurde durch den Film zu einem Horrorstar, er spielte in den folgenden Jahren z. B. auch in James Whales "Das Haus des Grauens" mit. Nach Frankensteins Monster dürfte aber "Die Mumie" seine bekannteste Rolle sein, in die er, auch, 1932 zum ersten und einzigen Mal schlüpfte. Aber wir sehen Whale und Karloff erst 1935 in "Frankensteins Braut" wieder! Bis dahin gibt es für "Frankenstein" die volle Punktzahl.

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