Review

Bereits als Halbwüchsiger liebte ich es, in Fernsehzeitungen zu schmökern und mir den Inhalt von Filmen durchzulesen, die auf den Sendern liefen. Einer dieser Filme war „Das Böse“ aus dem RTL-Nachtprogramm, dessen Handlung in geschriebener Form mich immerhin so fasziniert haben muß, daß ich mich noch heute daran zurückerinnern kann. Als ich auf dem Flohmarkt die Möglichkeit erhielt, ihn mir zu besorgen, nutzte ich sie. Die erste visuelle Begegnung verlief jedoch eher enttäuschend. Ich hatte mir mehr versprochen. Bei der zweiten Besichtigung indes ergab sich für mich ein komplett anderes Bild.

Don Coscarelli, 2002 mit seiner speziellen Variante des Lebens von Elvis Presley in „Bubba Ho-Tep“ in Undergroundkreisen auf sich aufmerksam gemacht habend, schuf mit „Das Böse“ einen in Horrorkreisen recht geschätzten kleinen Film von rund 80 Minuten Länge (ohne Abspann). Was ihn so besonders macht und wodurch er sich von so vielen seiner Genregeschwister unterscheidet, ist die seltsame Abstrusität, die sich durch den gesamten Plot zieht, ohne dabei lächerlich zu wirken, gepaart mit einer eigentümlichen Atmosphäre, die in Zusammenarbeit mit dem melancholisch-düster vor sich herwabernden Score so zentnerschwer auf den Bildern liegt, daß ein ganz besonderer Reiz während der Rezeption beim Zuschauer ausgelöst wird.

Zu besagter Abstrusität trägt auch bei, daß die Handlung sich nicht allein auf gruselige Elemente verläßt, sondern sowohl in Richtung Fantasy als auch gerade am Schluß in Richtung Science-fiction ausschlägt. Beginnen tut „Das Böse“ allerdings als klassische Horrorgeschichte: Der 13-jährige Mike (Michael Baldwin), dessen Eltern bei einem Unfall ums Leben kamen, lebt gemeinsam mit seinem älteren Bruder Jody (Bill Thornbury) in einem amerikanischen Kaff in der Nähe eines Friedhofs. Eines Tages beobachtet er dort heimlich mysteriöse Geschehnisse eines riesenhaften Mannes (Angus Scrimm), der problemlos den schweren Sarg eines Freundes von Cody schultert und ihn in eine Leichenhalle trägt, in der fliegende Kugeln mit Messeraufsätzen wirbeln und Zwerge in schwarzen Kutten ihr Unwesen treiben.

Nicht übermäßig vertieft, aber dennoch allgegenwärtig zieht sich das Motiv der Verlustangst durch die Geschichte: Nachdem Mike seine Eltern verloren hat, befürchtet er, bald auch seinen Bruder, zu dem er aufsieht, zu verlieren. Er könnte ihn im Stich lassen und umziehen, wie er einer Astrologin und deren Enkelin in einer der ersten Szenen offenbart – oder er könnte sich eine Freundin angeln, weshalb Mike auch argwöhnisch dabei zusieht, wie Cody eine anonyme Blondine abschleppt. Darum fällt es ihm schwer, ihn allein zu lassen, wenn der mal wieder auf eigene Faust Nachforschungen anstellen will. Es ist nicht allein die Neugierde, die ihn antreibt. Dies gibt dem Film eine weitere Ebene, die mehr berührt und involviert als einzig auf die Produktion von Stimmung runterreduzierte Gruselplots ohne weiteren Unterbau.

Wie angenehm ist es auch, das Klischee des die-Beobachtungen-nicht-glauben-Wollens einmal komplett ignoriert zu sehen. Es dauert nur wenige Minuten, bis Mike seinen Bruder auf seine Seite gezogen hat und fortan mit zusätzlicher Unterstützung des Eisverkäufers Reggie (Reggie Bannister) nicht allein Nachforschungen anstellen muß. Zwar mag Cody als Verantwortungsträger Mike nicht mit dabei haben und ihn am liebsten im gemeinsamen Haus verbarrikadieren, aber letzten Endes wird es doch immer eine echte Kooperation. Tatsächlich geht das ständige Hin und Her zunehmend auf die Nerven, wenn Mike mehrfach hintereinander ausbüchst. Dabei fällt zugleich mehrfach die verdächtige Abwesenheit der Polizei in dieser Geschichte auf, weil die Helden stets auf eigene Faust ihre Untersuchungen starten, aber dieses logische Loch wird mit der Auflösung auf der Schlußgeraden gestopft, genau wie so manche andere Ungereimtheit (z.B. die, daß Mike in schöner Regelmäßigkeit hinter dem Steuer eines fahrenden Wagens sitzt). Auch kann damit die hanebüchene Sci-fi-Plotentwicklung hin zu eingeschrumpften Zwergsklaven auf einem anderen Planeten ohne weiteres erklärt werden. Es lassen sich darüber hinaus rückblickend auch Vermutungen anstellen, wo ein gewisser Wes Craven für das Original der „Nightmare on Elm Street“-Reihe abgeguckt hat. Man mag den Twist als bereits 1979 ausgelutscht bezeichnen, aber im Kontext und unter Berücksichtigung der wirren Story, in der sich abgetrennte Finger auch in undefinierbare Fluginsekten verwandeln können, paßt er perfekt und macht nicht den Eindruck, angehängt zu sein wie bei Freddy Kruegers Premierenfilm.

Seine nicht genug gewürdigt werden könnenden Stärken besitzt „Das Böse“ aber wie gesagt ohne Zweifel im Stimmungssektor. Wie so viele andere Urteile ist die Indizierung und gar Beschlagnahmung der ungekürzten Fassung ein wahnsinnig schlechter Witz, denn blutige Effekte gibt es maximal zwei, und die sind für die Geschichte so untergeordnet wie nur möglich. Der morbide Friedhof ist ein atmosphärisches Highlight. Die Handlung spielt überwiegend bei stockfinsterer Nacht, selbst die eigenen sicheren vier Wände der beiden Hauptfiguren werden zu einer Bedrohung, aber nichts toppt die Wirkung der klinisch reinen Leichenhalle, bei der sich schon beim ersten Anblick die Nackenhaare aufstellen. Der Auftritt des Tall Man, dem Mike in der Stadt begegnet, in Zeitlupe gehüllt, ist an Unheimlichkeit kaum zu überbieten. Überhaupt spielt sich der Film nur an wenigen Orten ab, aus denen das Maximum herausgeholt wird. Das Budget dürfte nicht allzu üppig gewesen sein, die wenigen Effekte rund um die fliegenden Kugeln sind sehr schlicht und wenig überzeugend.

Die Musik von Fred Myrow und Malcolm Seagrave setzt sich aus minimalistischen Motiven zusammen (hier stand offenbar „Halloween“ Pate), kleine Tonfolgen, unter eifriger Mithilfe des Synthesizers, die aber ins Ohr gehen und durch wenig melodisches Dröhnen ergänzt wird. Sie ist eindeutig als Kind ihrer Zeit identifizierbar, aber weckt mindestens nostalgische Erinnerungen, wenn nicht mehr. Auf jeden Fall trägt sie viel dazu bei, die unreal erscheinende Welt, in der sich der junge Mike befindet, zu vermitteln.

Die Darsteller stehen bei dieser Atmo-Bombe natürlich im Hintergrund, Glanzleistungen werden keine verlangt und sind auch weit und breit nicht zu sehen. Michael Baldwin müht sich redlich, ohne Eindruck zu hinterlassen und Bill Thornbury tut nicht mehr als nötig, aber die beiden erreichen das erforderliche Mindestmaß und werden mühelos als Identifikationsfiguren akzeptiert. Angus Scrimm ist hauptsächlich wegen seiner imposanten Statur auffällig, aber seine Figur als Grabräuber innovativ und gruselig genug, um drei Fortsetzungen zu gewährleisten. Allgemein enthält „Das Böse“ eine sehr überschaubare Anzahl an Protagonisten, zumal fast ausschließlich aus der Sicht des ruhigen Mike erzählt. Aus heutiger Sicht fassungslos zurück lassen die kriminellen Frisuren der männlichen Schauspieler. Letzteres soll die Wertung selbstverständlich nicht weiter beeinflussen.

„Das Böse“ ist krude und reichlich abgehoben, was einen nicht selten denken läßt, man befände sich in einem sonderbaren Paralleluniversum, in dem die Uhren alle anders ticken als auf der Erde, ein finsterer Hochgenuß für alle Liebhaber stimmungsvoller traumähnlicher Gruselstorys, zudem mit einem kleinen doppelten Boden mit den Themen Verlustangst und Verdrängung. Wohltuend zurückhaltend ohne aufregende effekthascherische Schlenker. 8/10.

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