Von allen Vorstellungen, die mir über das Leben nach dem Tode bekannt sind ist Don Coscarellis eine der am wenigsten erbaulichen: vergesst das Konzept von Himmel und Hölle oder das rituelle Auslöffeln der Karmasuppe, der große Gleichmacher kommt tatsächlich als zwei Meter größer Bestatter aus einer anderen Welt daher, der gut abgelagerte Leichen aus ihren Gräbern holt, wiederbelebt und auf eine handliche Größe komprimiert als Sklaven in die extradimensionale Heimat schafft. Und wenn es gerade an frisch verstorbenen Kandidaten mangelt legt der Kerl auch gerne mal selbst Hand an, gerne auch mal, nachdem er seine männlichen Opfer vorher in Gestalt einer geilen Blondine zerpimpert hat. Nun ist Coscarelli zum Glück Regisseur und kein Priester, aber wenn sich auch nur ein Funke des beschriebenen bewahrheiten sollte, dann gnade uns allen Gott! Ach 'Nee, geht ja dann nicht.
"Das Böse" kommt dabei heraus, wenn ein absolut Unwissende sich an die Produktion eines Horrorfilmes wagt und statt eines gut kalkulierten Schockers eine mild gruselige Abhandlung zum Thema "Trauerarbeit mal anders" dreht. Jepp, Coscarelli hat selbst betont, dass er bis zu diesem Film keinen Peil vom Genre hatte und hat trotzdem ein Kleinod geschmiedet, dass zu begeistern weiß, wenn man sich mit dem Überbordwerfen von Konventionen anfreunden kann. Meine persönliche Historie hat im Übrigen das damals noch aktive "Black Metal Radio", ein Onlinesender für Schwarzmetaller und verwirrte Teenies wie mich zu verschulden, die zwischen den ganzen Ballerorgien auch gerne mal Filmmusik einspielen (in diesem Fall aus Teil 4). Irgendwann googelt ich den Film, sah den Trailer, wurde neugierig, sah den Film und brachte Freunde mit der deutschen Synchro zum Lachen, die den jungen Spongebob zu Teeniezeiten zeigt. Und das, obwohl Sprecher Santiago Ziesmer dort bereits 23 war. Die Magie der Bilder eben. Oder der Tonspur.
Vor dem Vorspann gibt es bereits den ersten Filmtod als Apparetiv: ein Kerl, dessen Darsteller sich optisch zwischen dem jungen Pink Floyd-Drummer Nick Mason und Volksclown Achim Mentzel bewegt (Ruhe in Frieden, Brudi!) bekommt von oben genannter Blondine ein Messer in die Brust gerammt.
Die Kumpels von Tommy (so der Name des unglücklichen), Eisverkäufer Reggie und Rockmusiker Jodie, betrauern als EINZIGE (!) Tommys Tod in der örtlichen Kapelle, während Jodie kleiner Bruder Mike den Friedhofswärter beim Alleinstemmen des vollen Sages beobachtet. Da der Bursche seit dem Tode ihrer beider Eltern in Jodies Augen ohnehin psychisch stark angrknackst da steht und bald eh auf eine längere Tour geht glaubt der Ältere ihm kein Wort, bis die untote Suppe überkocht und das Trio für Ruhe im heimatlichen Karton sorgen will.
Mörderjawas, Killerkugeln, der Tod auf Latschen: "Das Böse" hat eine Vielfalt an eigenartigen Ideen parat, die den Film zu was besonderem, selbst nur halt eher bedingt Sinn machen. Insgesamt habe ich jedes Mal wieder große Freude an dem kleinen Grusler mit seinen drolligen Monstren und damit, wie diese unser Protagonistentrio auf die Pelle rücken. Einzig der Tallman genannte Totenlulatsch und seine silbernen Sphären sind eine wirkliche Bedrohung für die Lebenden, der Rest lässt sich mehr oder minder bequem abschütteln. Und dennoch werden die Zombiezwerge zu etwas vollkommen unbegreiflich gefährlichem hichstilisiert, was sie für keinen körperlich halbwegs Fritten Erwachsenen, nicht mal für das schluffige Pubertier Mike sind.
Was mit dem nicht stimmt wird schon recht früh in der Handlung klar: der neugierige Bursche ist einfach der einzige in seinem offenkundig saudamlichen Heimatkaff, der rafft, was vor sich geht und das, obwohl die Stadt sowas wie ein kleines okkultes Epizentrum darzustellen scheint, an dessen Rand stumme Wahrsagerinnen semimagischen Schabernack mit ihren Kunden treiben und vor deren Augen auch gerne mal das Stundenbudget gen Portemonnaie beamen. Aber leichenstehlende Friedhofsbedienste? So ein Schwachsinn!
Der Film biegt sich an einigen Punkten die Logik schlimmer zurecht als Julian Reichelt es zu BILD-Zeiten je konnte, erschafft dabei aber dennoch einen stimmigen kleinen Mikrokosmos, der sich zurecht seine Fangemeinde erspielt hat.
Wem das noch nicht durchgeknallt genug ist, der kann sich auf den Rest der Reihe freuen, der das ganze Geschehen nach einem zwei Filme langen Umweg als Action-Roadmovies zur postapokalyptischen Zeitreise - und - identitätsverwirrspiel werden lässt. Mit mitunter durchwachsenen, aber dennoch kultigen Ergebnissen. Möge ein/e jede/r sich ihren/seinen persönlichen Kanon nach Gutdünken zurechtklöppeln, ich drucke derweil "Tallman liebt dich!" - Sticker für die Ungläubigen.