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Independentkomödie, Regiedebüt, Geheimtipp, Literaturverfilmung, Comic-of-Age-Highlight - alles Begriffe, mit denen bei der Veröffentlichung von Richard Ayoades "Submarine" fast schon herumgeworfen wurde. Der Regisseur plötzlich in aller Munde, die Kritiker voll des Lobes - aber ist "Independant"-Kino der ungewöhnlichen Sorte dann auch wirklich immer so herausragend, nur weil sich alle einig sind, daß der Stil der Verfilmung; der Tonfall, der dem Roman von Joe Dunthorne ausgezeichnet nacheifert, ungewöhnlich gut getroffen sind.

Ayoades Langfilmdebüt ist, zugegeben, sehr schräg. Und zeitweise auch außergewöhnlich komisch. Versponnen nennt man so etwas gern, eine fast schon nostalgisch visualisierte Sicht auf die Zeit des Heranwachsens, verquer und untypisch erzählt. Alles in allem nicht eben das, was man so locker von dem Mann erwartet hätte, der in der britischen Sitcom "The IT-Crowd" den sozial total inkompatiblen Farbigen Moss spielt. Stattdessen künstlerische Hingabe, eine sehr große stilistische Sicherheit bei totaler narrativer Freiheit und viele skurile Untertöne.

Und doch kann so ein Film bei allen Qualitäten doch nicht immer die Verbindung zum Zuschauer herstellen, denn egal ob man der Vorlage folgt oder nicht, manches ist so clever, so schräg, so untypisch gestaltet, daß man dahinter schon fast die Absicht spüren oder schmecken kann. "Verqueres" kann auch gewollt sein oder sich zumindest so anfühlen und einiges in "Submarine" läuft diametral entgegengesetzt zu den wirklich magischen Augenblicken des Coming-of-Age-Kinos.

Die Geschichte und der Charakter des noch 15jährigen Oliver Tate, der sich eine Freundin erobert und sie trotz analytischster Bemühungen wieder verliert, während er versucht, die Ehe seiner Eltern zu retten, die zwischen Frustration und Depression mäandert, ist ein Spiegelbild dieses vermittelten Gefühls.
Oliver ist tatsächlich zeitweise clever und geschickt, hat trockenen Witz und ein Abstraktionsvermögen, daß man so manchem Intellektuellen nicht zu traut, aber er überschätzt sich auch über alle Maßen, ist ein Blender und Träumer, der glaubt zu verstehen, was er selbst noch gar nicht erlebt hat.
Ein Großteil seines Tuns ist auf seine obersten Ziele ausgerichtet (Freundin, Sex, Ehe retten, Nachbar vertreiben) und er glaubt, mittels kreativer Impulse, natürlicher (Hoch?)Begabung und analytischer Fähigkeiten, das Maximum seiner Ziele im Leben zu erreichen, gerät aber einen rückschlagsreichen Lernprozess, an deren Ende er die Leben seiner Mitmenschen dann aber indirekt doch beeinflußt hat.

Das ergibt dann eine ungewöhnliche, hochkomplexe Figur voller Überraschungen, aber gleichzeitig keine, die sich dem Zuschauer so weit annähert, daß er sie wirklich für sich erschließen kann. Zwar ist Craig Roberts stiller Underdog gut ausgesucht, abseits der typischen Nerds, aber er kann eigentlich nur mit den Augen arbeiten, wenn er mit permanenter Defensive oder stoischem Starren dem wirren Treiben des Lebens um sich begegnet. Dagegen wirken die Nebenfiguren wie sein depressiver Vater (ganz groß: Noah Taylor) und seine enttäuschte Mutter (Sally Hawkins mit leider zu wenig Screentime) geradezu plastisch - all die wortreichen Monologe Olivers sind nicht so aufschlußreich und überraschend wie jede einzelne Szene mit der unberechenbaren, brodelnden Yasmin Paige als seine Freundin Jordana, die man nie ausrechnen kann.
Doch "Coming-of-Age" steht und fällt mit seinen Protagonisten und Oliver ist zu skuril, um Nähe überhaupt zuzulassen. Zwar löst er manchmal einen Welpenreflex aus und hier und da nervt er auch mal erfreulich, aber meistens bleibt er blockiertes Enigma, was zwar dem Portrait eines tatsächlichen intelligenten Teenagers erfreulich nahe kommt, aber die Verbindung zum Zuschauer dennoch erschwert.

Es liegt aber ein wunderbar abgründiger Witz in den dialoglastigen Passagen und Handlungen Olivers, der seine Bereitschaft zum Verlust der Jungfräulichkeit damit begründet, daß es sowieso "mies wird, warum also warten?" und seine ersten euphorischen zwei Wochen mit seiner Freundin (die ohnehin nur aus bizarren pyromanischen Taten bestehen) als Super-8-Collage (und typischer Love-Affair-Parodie) präsentiert, doch dagegen arbeitet der sehr individuelle Erzählrythmus von Ayoade, der den Film zwar in drei Kapitel samt Pro- und Epilog gliedert, die man dann jedoch nur sporadisch als solche wahrnimmt. Stattdessen wirkt der Film eher wie eine Dekonstruktion der Erwartungen und typischen Strukturen.
Raffiniert und ungewöhnlich soll es sein und das ist "Submarine", aber solange ich das über weite Strecken an einem Film spüre, der trotz toller Aufnahmen und fehlender aufgesetzter Botschaft dennoch gewollt wirkt und in Sachen Zugänglichkeit und Spannungskurve eher desorientierend angelegt ist, muß ich den Film als Liebhaberstück an die Fans wirklich schräger Kleinodien weiterreichen, ohne meine unsterbliche Liebe diesem Unikat zu widmen, das nach vielen anderen Intellektuellen jetzt auch meine Wenigkeit erkannt hat.
"Submarine" ist trotz aller Sperrigkeit ein lebensbejahender Film, der vielleicht von Jugendlichen am besten verstanden werden kann, weil er die Nostalgie nicht zur Maxime erhebt und so schnell im Verquersein daherkommt, daß man ihn in späteren Lebensjahren gar nicht mehr schätzen kann, wie er erlebt werden muß. (7/10)

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