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Wenn das Leben dir Zitronen reicht, mach Limonade draus

Giulietta Masina ist hier Hure und Clown, Freundin und Nervensäge, hohle Fritte und Poetin, Königin der Straße und Gespött der Leute. Immer positiv, immer voller Hoffnung und Lebensfreude. Egal ob man fast im Fluss ertrinkt oder wieder mal von Männern enttäuscht wird. Sie war die größte weibliche Muse Fellinis - nach "Le Notti Di Cabiria" weiß man wieso. In einer Performance für die Ewigkeit folgen wir der mitteljungen Prostituierten Cabiria durch die Abenteuer ihrer Nächte - und wer da nur Bettgeschichten erwartet, könnte kaum verkehrter liegen. Eine stärkere Frau in Filmen vor 1970 wird man kaum finden. Gutgläubig, naiv, hoffnungsvoll und romantisch. Aber ebenso selbstbewusst, kraftvoll, unkaputtbar. In den biederen 50ern eine einfache Straßenschwalbe zur Powerfrau machen - das gab es damals wohl nur in Italien. Und selbst dort nur bei Fellini. Er zeigt hier höchst eindringlich, dass sich Romantik und Feminismus nicht ausschließen müssen. Cabiria ist die größte Powerfrau ihrer Epoche.

Die Abenteuer der vielschichtigen Cabiria gehören zu den erinnerungswürdigsten des italienischen Neo-Realismus'. Neben der anbetungswürdigen Protagonistin helfen die feinen Schauplätze und pfiffigen Witze dabei, den Weg ins Herz jedes Cineasten flutschend zu vollziehen. Realismus und Romantik, Chaplin und Konkurbine, Männer und Melancholie. Oft meint man Gegensätze zusammen Mambo tanzen zu sehen. Sinnlich und fröhlich. Außer "La Dolce Vita" und in gewissen Phasen "8 1/2" gibt mir kein Werk Fellinis mehr. Einen "geradeauseren" Film von ihm findet man nicht. Zugänglich und der perfekte Einstiegs-Fellini, ohne je seinen Anspruch an der Kasse abzugeben. Beeindruckendes Weltkino aus einer längst vergangenen aber niemals vergessenen Zeit. Im Finale bricht dann jedes Herz, doch die Masina küsst es mit einem einzigen Blick direkt in die Kamera wieder wach. Seht her, mich kriegt nichts und niemand klein. Das Leben ist schön. Trotz aller Tiefen. Es lohnt sich. Dieser Film auch.

Fazit: die Abenteuer, die Stimmung, die Frau - keines davon wird man je vergessen. Giulietta Masina gehört die Nacht. Die Leinwand. Und mein Herz gibt's gratis dazu. Positiv wie "Pretty Woman", poetisch wie eine griechische Tragödie. In meiner Fellini Top 3. Das dürfte alles sagen. Famos. Melancholisch. Magisch.

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