Review
von Leimbacher-Mario
Hitchcock kommt mir seit neuestem spanisch vor
Ich war lange Zeit blind an "Julia's Eyes" vorbeigelaufen, hielt ihn für einen billigen Abklatsch von "The Eye" & Co. - wie ironisch! Bis mich immer mehr spannende, spanische Thriller in ähnlichem Stil überrannten, von "Summer Camp" oder "Das Waisenhaus" über "The Body", "Kidnapped" bis "To Steal From A Thief" - was Spanien in Sachen Qualitätsthriller, von Horror bis Gangster, raushaut, ist wesentlich breiter aufgestellt als z.B. die berühmtere, schnell abgebbte Hardcore-Horror-Welle aus Frankreich. Und "Julia's Eyes" gehört für mich fast in allen Belangen in diese oberste Liga spanischer Spannungsschrauben. Guillermo Del Toro als Producer steht nicht umsonst mit seinem Namen für Qualität. Es geht um eine langsam erblindend Frau, deren an derselben Krankheit leidende Schwester scheinbar Selbstmord begangen hat - doch Julia ahnt, dass da etwas nicht stimmt & wir als Zuschauer sind auf Grund des Gänsehaut-Prologs erstmal die Einzigen, die ihr glauben...
Verregnet, düster, grau in blau - der Look hat starken Wiedererkennungswert. Durch eine der heißesten U40er auf diesem Planeten, Belen Rueda, die auch noch spielen kann, kommt ungemein Sympathie zu der ohnehin immer aufrechten Spannung & Neugier. Doch der eigentliche Star des Films ist für mich der Regisseur bzw. wie er der scheinbar oft gesehenen Grundprämisse meisterhaft Spannung einhaucht. Ein paar Kurven schlägt der Film zu viel & das letzte Drittel verliert sich etwas, trotz enorm hoher Anspannung, doch insgesamt wären hier von Argento bis Hitchcock sicher einige Meister & sichtbare Vorbilder stolz. Wie gesagt, nicht jeder Twist oder "Das-ist-der-Killer!"-Moment sitzt oder ist so clever, wie er meint zu sein, die Hintergründe des gruseligen Schattenmanns bleiben zudem ärgerlich nichtssagenden. Doch wie der Film mit fehlenden Gesichtern, einem cleveren Bildausschnitt oder blinden Flecken spielt, verblüfft & hat man so selten gesehen. Es gibt einige Szenen die unter die Haut gehen & in Erinnerung bleiben, doch die Egoperspektive des Boogeymans, die seine Isolation & Unsichtbarkeit verdeutlicht, war mein Highlight & ließ fast etwas Mitleid aufkommen - trotz seiner nicht vorhandenen Charakterisierung.
Fazit: ein Vorzeige-Thriller, der alte Suspense mit neuer spanischen Schule verbindet. Sollte hinter keinem blinden Fleck liegen bleiben!