Regisseur Guillem Morales („Uncertain Guest - Du bist nicht allein.“) zweiter abendfüllender Spielfilm wurde von Guillermo del Toro produziert und reiht sich in die Welle iberischer Thriller, Mystery- und Horrorfilme ein, die seit Ende der 1990er das Genre-Fan-Herz erfreuen: „Julia’s Eyes“ erschien 2010 und entpuppte sich als Psycho-Thriller, der nach längerem einmal wieder die Prämisse der eines Sinnes beraubten Protagonistin aufgreift.
Die an einer degenerativen Krankheit leidende Sara (Belén Rueda, „Das Waisenhaus“) ist erblindet und plant offenbar, sich das Leben zu nehmen. Nachdem sie ihren Kopf in die Schlinge gesteckt hat, ist es jedoch ein Unbekannter, der den Hocker unter ihren Beinen wegstößt und damit ihr Schicksal besiegelt. Ihre Zwillingsschwester Julia (ebenfalls Belén Rueda) spürt, dass etwas vorgefallen ist und glaubt nicht an einen Selbstmord, schließlich habe sich Sara gerade erst einer Augenoperation unterzogen. Der Stress, den dieser Vorfall bei ihr auslöst, führt bei der unter derselben Krankheit leidenden Julia jedoch zu einer rapiden Verschlechterung ihres Zustands, sodass auch sie zu erblinden droht. Zum Missfallen ihres Ehemanns Isaac (Lluís Homar, „Die Jagd beginnt“) stellt sie auf eigene Faust Ermittlungen an und stößt dabei auf eine Art „Phantom“, das sich stets unerkannt im Dunstkreis ihrer Schwester aufgehalten zu haben scheint. Der Fall wird vermeintlich geklärt, als Isaac tot aufgefunden wird und sie erfährt, dass er anscheinend eine Affäre mit Sara hatte. Als Julia ebenfalls ihr Augenlicht verliert und die Operation über sich ergehen lässt, geschehen jedoch weiterhin rätselhafte Dinge. Was ist wirklich passiert und wer ist der mysteriöse Unbekannte?
Der Prolog zeigt Saras Tod: Blind tastet sie sich im Dunkeln durch ihr Haus und fühlt sich verfolgt. Verzweifelt bittet sie eine unsichtbare Person, sich zu erkennen zu geben. Im Keller angekommen kommt es zum Todesfall, bei dem das Publikum erfährt, dass sie tatsächlich nicht allein ist. Nachdem der Unbekannte sie in ihren Todeskampf gestoßen hat, fotografiert er seine Tat. Welch ein Auftakt dieses mit Mystery- und Horror-Motiven arbeitenden Psycho-Thrillers, der nun die titelgebende Julia auf den Plan ruft! Diese sieht sich einem ohnehin schon „unsichtbaren“ Gegner ausgesetzt und verliert darüber hinaus auch noch sukzessive ihr Augenlicht. Und die Abgründe, in die sie schaut, sind düster. Ihr Mann hat ein Geheimnis, im Blindenzentrum erfährt sie, ihre Schwester habe einen Freund gehabt – ist er der „Unsichtbare“? –, dann erhängt sich auch noch ihr Mann und sie erblindet, während der Mörder fleißig Spuren verwischt und Mitwisser umbringt.
Der in gedeckten Farben und Grautönen gehaltene Film ist beinahe wie ein Giallo durchstilisiert, die Kameraarbeit herausragend und die Hauptdarstellerin in ihrer Mischung aus Kämpferin und verängstigter Kranker eine Wucht. Als besonderes Gimmick visualisiert man ihre Sehschwäche in Point-of-View-Einstellungen; nach der OP zeigt man die Menschen in Julias Umkreis gar nur noch ab dem Hals abwärts, ihre Gesichter bleiben unerkannt. Damit tappt man als Zuschauer(in) fast genauso im Dunkeln wie Julia. In ihrem neuen Haus muss sie nach der OP eine Augenbinde tragen, ihr Pfleger Iván (Dani Codina) kümmert sich aufopferungsvoll um sie – weshalb sie fast mit ihm anbändelt. Der Horroranteil erhöht sich mit visualisierten Alpträumen Julias, einer verdammt gruseligen Szene, in der sich jemand nachts in ihrem Schlafzimmer befindet, sie berührt und sie daraufhin in Panik gerät, sowie einer verdammt unangenehmen Szene mit einer Nadel. Home-Invasion-Motive mischen sich in die ohnehin schon bedrückende Stimmung. Die Tristesse des Ambientes mit dem für Spanien ungewöhnlich verregneten Wetter trägt ihren Teil zur entsprechenden Atmosphäre bei.
Was dann schließlich wie ein hochspannendes Finale erscheint, ist letztlich leider lediglich der Auftakt zu einer viel zu langgewordenen Endsequenz, auf die eine sehr pathetische Pointe im Epilog folgt. Hier weist der Film, der über weite Strecken nicht weniger als ein nahezu perfekter Whodunit?-Psycho-Thriller ist, dann doch Defizite auf. Das ist schade, denn ansonsten reiht sich „Julia’s Eyes“ in die Riege spannender Thriller-Kost um blinde Protagonist(inn)en für ein alles andere als blindes Publikum nahtlos ein. Morales legt viel Wert auf die visuelle Ästhetik seines Films, etabliert ein gekonntes Verwirrspiel und hält sich mit spekulativen Schauwerten weitestgehend zurück (ein paar Oben-ohne-Szenen in der Umkleide des Blindenzentrums ließ er sich dennoch nicht nehmen), sodass eine ablenkungsfreie Konzentration auf die abgründige Handlung geradezu erzwungen wird.