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In nahezu jeder Branche gibt es schwarze Schafe und wer im großen Stil umzieht, sollte eventuell auf eine scheinbar professionelle Logistikfirma verzichten und auf vertrauenswürdige Freunde und Arbeitskollegen zurückgreifen.
Der Streifen könnte, mal abgesehen von den überzeugenden Darstellern und der zum Teil ausufernden Gewalt, auch einen Maxi-Part von „Aktenzeichen XY“ darstellen, denn das Sujet vermittelt einen scheinbar routinierten Raubüberfall auf eine dreiköpfige Familie.

Die erste lange Einstellung macht bereits deutlich, wie intensiv man sich mit der visuellen Umsetzung auseinander gesetzt hat: Ein Opfer mit einer Plastiktüte über dem Kopf strauchelt mit den Armen auf dem Rücken gefesselt durch die Einöde, bis er von einem Auto angefahren wird. Es kristallisiert sich heraus, dass die drei Gangster, welche kurz darauf Vater Jaime, Mutter Marta und die achtzehnjährige Isa in ihrem frisch bezogenen Haus überfallen, nicht zum ersten Mal ein Verbrechen begehen.
Dennoch scheint der Plan der Täter mit der Zeit aus dem Ruder zu laufen…

Der spanische Regisseur Vivas dürfte Michael Hanekes „Funny Games“ mehr als nur einmal unter die Lupe genommen haben und versucht, wenn auch mit anderen Mitteln, die Bedrohung in den heimischen vier Wänden knallhart, möglichst realistisch und mit zynischer Note versehen durchzuexerzieren.
Dabei kommen ihm primär die ausgezeichneten Darsteller zugute, wobei Manuela Vellés als Isa das volle Programm an verzweifelter Hysterie abruft und allein für sich betrachtet mächtig an den Nerven des Betrachters zerrt.

Obgleich die Figurenzeichnungen etwas vage ausfallen und wir es bei der Familie mit Durchschnittsbürgern und deren minimalen alltäglichen Problemen zu tun haben und auch die drei Gangster nicht über den Status Kopf- Triebtäter- Sensibelchen hinauskommen, fesselt die Prämisse mit Eindringen der zunächst Maskierten sogleich.
Langsam schnürt sich die Bedrohung wie eine Schlinge um den Hals der vermeintlichen Opfer, wobei Vivas über weite Teile auf zwei parallel ablaufende Handlungsstränge setzt:
Dad muss in Begleitung des Kopfes zum Geldautomaten, um mit allen drei Karten abzuheben, während die beiden anderen die Frauen in Schacht halten. Zwischenzeitlich klingelt es natürlich an der Tür, es werden obligatorische Fluchtversuche unternommen, doch vorerst hält sich die Darstellung von Gewalt in Grenzen, welche sich zunächst mehr im Kopf abspielt.

Die zweite Hälfte wird dann mit einem Kehlenschnitt und dem Brechen eines Armes eingeleitet und findet seinen Höhepunkt mit dem Zertrümmern eines Schädels mithilfe einer hässlichen, aber hierfür besonders geeigneten Vase. Zum Showdown überhastet Villas die Ereignisse allerdings, als wolle der dem Publikum sein zynisches Ende nicht allzu heftig in die Magengegend drücken, - da überstürzen sich die Ereignisse binnen einer Minute.
Und während die Verwendung von Split Screen beim ersten längeren Einsatz ausgezeichnet funktioniert, ist dieser Kniff beim zweiten maßlos überfrachtet. Zwar stimmen das Timing und die Zusammenführung der beiden Bildhälften, doch mittendrin prasseln schlicht zu viele Einzelheiten auf beiden Seiten auf einen herein.

Zweifelsohne kann man sich der Grundkonstellation nur schwer entziehen, denn die Unberechenbarkeit der Eindringlinge und die Ungewissheit über die Situation der jeweils anderen Familienmitglieder weiß latent Suspense zu erzeugen.
Das Ganze wird zudem souverän performt, bis auf einige Szenen mit Handkamera in sauber komponierte Bilder verpackt und bietet im Gesamtbild routiniertes, wenn auch nicht allzu tief gehendes Terrorkino:
Mitreißend, kompromisslos und auf seine schlichte, aber handwerklich versierte Art Lebensgefahr zum Miterleben.
7,5 von 10

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