Review

Eigentlich ist das Thriller-/ Horroruntergenre des Terrorfilms für mich mittlerweile ein rotes Tuch. „Funny Games“ fand ich misslungen. Konservativ und altklug. „Last House on the left“ konnte mich nur in der Wes Craven-Version und dort auch nur wegen des niedlichen Zeitkolorits überzeugen. „The strangers“ war ein aufgeblasener Witz von einem Film und dessen Vorbild „Them“ die Enttäuschung des Jahres. Zu den gelungeneren Vertretern zählte da noch am ehesten „I spit on your grave“ (wohlgemerkt das Remake). Nun gut, eventuell ist es der (mittlerweile ja schon beinahe obligatorische) rape-Anteil der mir etwas gegen den Strich geht. Denn die zugrunde liegende Prämisse, den Einbruch kompromissloser, unberechenbarer Gewalt in die bislang ungetrübte Familienidylle finde ich an sich äußerst reizvoll.

Da die Drehbücher des Genres auf Grund der Natur der Sache, wie man so sagt, nicht sonderlich viel an Originalität aufbieten können, muss also für das absolute Gelingen eines solchen, Regisseur und Crew der ausschlaggebende Punkt sein. Wie ich auf diese Annahme komme? „Kidnapped“ ist solch eine gelungene Operation: ein astreiner, spannender und hoch edel gefilmter Vertreter. Ganz im Ernst: So unoriginell die Story sein mag, so schablonenhaft die Figuren, so perfekt ist dieser Film durchkomponiert. Durch ein anderes Review dieser Seite habe ich erfahren, dass der Regisseur des hier vorliegenden Flicks zuvor schon ein Meisterwerk (wenn auch in kleinerem Rahmen) abgeliefert hat: Denn mittlerweile einzeln veröffentlichten „romantischen“ Zombiekurzfilm „I´ll see you in my dreams“, den ich an dieser Stelle noch einmal besonders empfehlen möchte. Schon hier zeigte er das verdammt gute Gespür für Schnitt und Kamera (im Grunde handelt es sich um den besseren „Dellamorte Dellamore“).

Nun also ein Geiselthriller. Und der geschätzte Director tut mir den Gefallen, es diesmal keine sadistischen Hinterwäldler (oder gelangweilte Kiddies, die noch iddenlosere Variante) sein zu lassen, die auf eine stinknormale Familie losgelassen werden, sondern einfach nur an Geld interessierte Gangster, die allerdings äußerst kompromisslos vorgehen. Eigentlich komisch, denn jeder 2. ARD-Krimi könnte so etwas zeigen, aber genau wegen dieser Voraussetzung empfinde ich „Kidnapped“ als geerdeter und akzeptabler als vergleichbare Filme. Hier geht es einfach vornehmlich nicht darum an ein paar normalen Menschen seine perversen Neigungen auszuleben und sie zu erniedrigen, hier geht es nur darum alles „so schnell und einfach“ wie möglich über die Bühne zu bringen. Versteht mich nicht falsch, in z.B. „The devil´s rejects“ war es genau dieser Umstand der den Film zu einem wahrhaft schmerzhaften und gleichzeitig  gelungenen Werk machte. Aber hin und wieder tut es gut, einfach mal nur einen heftigen Thriller ohne den üblichen Psychopaten zu sehen (auch wenn es hier natürlich auch die besonneneren und die gewaltgeilen Kandidaten gibt).
Kidnapped“ hat aber eine besondere Komponente, die ihn auf ein viel höheres Level hievt als vergleichbare Konkurrenten. Er hat eine ungemein realistische, fast schon dokumentarische Atmosphäre. Dies gelingt ihm durch die spärlich verwendete Musik (es dauert sehr lang bis zum ersten Mal wirklicher Soundtrack zu hören ist), die guten, realistisch aufspielenden Mimen und die großartige Kamera. Ich habe versucht mitzuzählen und bin beim gesamten Film auf 14 Schnitte gekommen. So gesehen ist der Film in einzelne Kapitel aufgeteilt, die für sich einen relativ abgeschlossenen Rahmen der Geschichte erzählen und komplett ohne Schnitt auskommen. Dabei erlaubt sich der Kameramann teilweise famose Tricks, wenn er zu Beginn etwa dem Vater im Auto beobachtend zur Seite sitzt und dann in der Einfahrt des Hauses geschickt die Kamera aus dem Auto trägt und danach eine Kamerafahrt durch das neubezogene Haus der Familie vollführt. Diese Szene dürfte 10 – 15 Minuten in Anspruch nehmen und ist, wie alle anderen, so perfekt getimt gefilmt, mit Schuss-Gegenschuss, geschickten Fokussierungen und Wechseln der verfolgten Personen (bei der besagten Szene, erst Vater, dann Gespräch mit Mutter, Mutter spricht mit Tochter etc., dabei verlässt die Kamera immer die vorher gefilmte Person und folgt dann der nächsten durch die unendlich wirkenden Räume des Hauses), dass man – wäre man unaufmerksam – gar nicht merkt dass kein Schnitt vorhanden ist. In etwa vergleichbar mit den berühmten Szenen aus „Children of men“ und dennoch sogar besser gelöst. Noch beeindruckender wirkt das in der Eröffnungssequenz, wenn ein vorheriges Entführungsopfer mit quasi-Steady-cam - sozusagen live-dabei - überfahren wird.
Dann ist da noch der Kniff mit dem Splitscreen. Selbst „24“, die Serie die diese Technik ja schon beinahe für alle Zeit ausdefinierte, kann sich da noch eine Scheibe abschneiden. Es gibt zwei dieser Szenen im Film und beide sind unglaublich spannend und gut gelungen.

Ebenso bemerkenswert und den dokumentarischen Charakter unterstreichend: Bei den meisten Gewaltszenen wird ausgeblendet, bzw. sie geschehen so beiläufig, im Hintergrund, dass es noch unangenehmer und realistischer wirkt. Zumal man sich – vor allem gegen Ende – auch nicht unbedingt sicher sein kann von harten Szenen verschont zu werden. Nein, „Kidnapped“ ist schon verdammt hart, aber nie exploitativ (eine winzig kleine Szene vielleicht ausgenommen). Das Ende allerdings – auch wenn man es schon von Beginn an ahnt – setzt nochmal einen drauf und schockiert in seiner absolut harten Konsequenz.

Tja, allerdings: Ein Haar in der Suppe gibt’s natürlich immer. So gut alle beteiligten Schauspieler auch aufspielen, die Tochter (und evtl. auch nur in der dt. Synchro) ging mir mit ihrem Gejammer am Ende (wenn auch nachvollziehbar) ziemlich auf die Nerven. 10 Minuten bzw. eine gefühlte Stunde jemanden jammern und schluchzen zu hören, das war schon bei „Blair Whitch Project“ die Hölle (manche behaupten ja immer noch, dass Heather Donahue im Film die wahre Hexe war) und in diesem, ja da ist es mindestens ebenso schlimm. Dann noch die etwas unsinnige Szene etwa im ersten Drittel, als der Vater versucht, eine Frau am Bankschalter auf sich aufmerksam zu machen, und das obwohl er weiß dass er beobachtet wird und was seiner Familie passieren wird, wenn es auffällt. Unsinnig, unrealistisch und einfach nicht nötig. Abgesehen davon kann man „Kidnapped" allerdings weirklich nichts vorwerfen.

Von allen Terrorfilmen, die ich bisher gesehen habe, der einzig wirklich empfehlenswerte, der den Begriff auch ohne Zweifel verdient. Wie der Trailer schon sagt: „Kidnapped“ ist der neue „Buried“. Warum? Dieser ist nun schon die zweite positive Überraschung (nun gut, „Julias Eyes“ war auch super) aus dem schönen Spanien. Denn während frühere gelobte Beiträge, etwa „Nameless“ oder „The devil´s backbone“ formal schön, aber viel zu gediegen ausfielen, zeigen Sie nun („REC“ nicht zu vergessen), dass Sie die mittlerweile langweilig gewordenen Franzosen blutig, spannend vor allem aber würdig beerben.

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