„Des is a Wahnsinn!“
Knapp fünf Monate nach seinem ersten Einsatz als Kriminalhauptkommissar hatte Ludwig Lenz (Helmut Fischer) seinen zweiten Fall in München zu lösen: Der mit nur 62 Minuten ungewöhnlich kurze „Tatort: Tod auf dem Rastplatz“ wurde von Frank Lämmel geschrieben und von Wilm ten Haaf inszeniert, der damit seinen sechsten von insgesamt sieben Beiträgen zur öffentlich-rechtlichen Krimireihe einreichte. Die Dreharbeiten fanden im November und Dezember 1981 statt, die Erstausstrahlung folgte am 12. April 1982.
„Dann droht wohl eine einstweilige Erschießung, was?“
Student Bruno Harkort (Werner Schulze-Erdel, „Tatort: Kein Kinderspiel“) jobbt als Lastwagenfahrer und wird eines Tages auf einem Autobahnrastplatz erschossen. Kommissar Lenz und seine Männer ermitteln unter anderem in Brunos Schwabinger Wohngemeinschaft, die sich zu Teilen aus Aktivisten der Anti-AKW-Bewegung zusammensetzt, der auch Bruno angehörte. Hängt sein Tod damit zusammen? Jedoch war Bruno an seinem Todestag lediglich für seinen Kollegen Werner Latsche (Manfred Lehmann, „Drei Damen vom Grill“) eingesprungen. Galten eigentlich ihm die tödlichen Kugeln? Und wenn ja, warum?
„Der hat a Pistoln!“
Werner Schulze-Erdel tippt auf seiner Schreibmaschine, als, äh, Werner anruft und um den Schichttausch bittet, womit die Zuschauerschaft einen Informationsvorsprung gegenüber der Polizei erhält. Auf dem Rastplatz hört man nur die Schüsse und sieht das Resultat; die Einschüsse werden nicht gezeigt, der Täter schon gar nicht. Die Ermittlungen führen in die WG, bei der es sich um keine Kommune handle, wie die Nachbarin betont. Die Bewohnerinnen und Bewohner seien gerade demonstrieren, auf ihre jungen Leute lasse sie aber nichts kommen, berichtet sie Lenz. Dessen Kollege Brettschneider (Willy Harlander) spricht derweil mit dem Spediteur und erfährt so vom Schichttausch, womit der erwähnte Informationsvorsprung dahin ist. Dabei bleibt es auch bis zum Schluss.
Im weiteren Verlauf erfährt man, dass Bruno und sein Mitbewohner Rolf (Pierre Franckh, „Lausbubengeschichten“) mehr oder weniger militante AKW-Gegner (gewesen) seien, weshalb Lenz & Co. nach einem Gespräch mit WG-Bewohnerin Nina (Gisela Freudenberg, „Berlin Chamissoplatz“) Rolf vorverurteilen. Schließlich habe dieser zuletzt häufig Streit mit Bruno gehabt, es sei um den akzeptablen Grad der Militanz gegangen und Bruno habe aussteigen wollen. Dies reicht der Polizei bereits, wobei das Fernsehpublikum wissen dürfte, dass sich diese auf dem Holzweg befindet – denn da sind ja auch noch Latsche und der Schichttausch. Als Lenz seinen Irrtum endlich bemerkt, kommt er in Wallung und Fischer kann sein schauspielerisches Talent unter Beweis stellen. Diese Entwicklung kulminiert in einen spannenden, aber sehr kurzen Showdown mit tragischer Komponente.
Autor Lämmel griff damit sowohl das Phänomen radikaler werdender politischer Strömungen in der Bundesrepublik als auch den schlechten Leumund junger, progressiv engagierter Menschen auf, der zu Drangsalierung und Vorverurteilung durch die Exekutive führt, die hier – wenn auch relativ sanft – kritisiert wird, und liefert gleich auch einen Grund mit, weshalb man in einem solchen Falle besser nicht mit den Kriminalbeamten reden sollte. Die am Schluss aus einem Fernseher im Hintergrund, aber doch deutlich vernehmbar erklingende Berichterstattung über eine eskalierende Demonstration und in diesem Zuge verletzte Polizisten scheint um Verständnis für die Polizei zu werben, rundet diesen „Tatort“ aber als gelungenes, interessantes Zeitdokument mit sozialem Gewissen ab, dessen knackige Kürze ihm guttut und dessen Besetzung Spaß macht.