John Lennon - vor den Beatles!
Es gibt reichlich Geschichten über die bekannteste Popband der Geschichte (oder eine der...) und ihre Story ist auch schon für andere Filme ausgeschlachtet worden, aber der langfilmische Erstling der Künstlerin Sam Taylor-Wood versucht es mit einem anderen Ansatz: anstatt die Erfolgsgeschichte für das Kino erneut auszumalen, widmet sie sich gemäß der Biographie von Lennons Halbschwester seinen Teenagerjahren und breitet so vor dem Publikum nicht nur die komplizierte Familiengeschichte der Lennons dramatisch aus, sondern gibt auch Fingerzeige, wie aus Lennon der Musiker wurde, den die ganze Welt kennt.
Dabei fällt das Wort "Beatles" nicht ein einziges Mal, es wird sogar bewußt vermieden (einmal kommt eine Figur sogar bei der Nennung nicht auf den entscheidenden Namen), stattdessen sind die Einflüsse und Adoleszenzjahre von größerem Interesse.
Wenn bei anderen Fällen "Coming-of-Age", also der Prozess des Erwachsenwerdens genannt wird, so ist dies hier wörtlich zu nehmen. John (selbst der Name Lennon fällt relativ spät) durchlebt den schmerzhaften Prozess der Aufgabe der Kindheit und der Ausformung der eigenen Interessen, was angesichts seiner Familiensituation nicht ohne Kampf von statten geht.
Wohnhaft bei Tante und Onkel, verliert er letzteren früh durch eine Leberkrankheit und bleibt bei der scheinbar unterkühlten Tante zurück. Daraufhin nimmt er Kontakt zu seiner eigentlichen Mutter auf, die mit einem anderen Mann und ihren übrigen Kindern in der Nähe wohnt, doch die von beiden Seiten gewünschte, weil nie ausgelebte Mutter-Kind-Beziehung steht unter einem schlechten Stern, da seine flatterhaft wirkende Mutter Julia (vermutlich wird hier eine bi-polare Störung geschildert) kaum in der Lage ist, stetig für ihre eigene Familie zu sorgen. Gleichzeitig erwacht bald die Liebe zur Musik, angeregt und gefördert von beiden Frauen in seinem Leben, allerdings entspringt der Reiz des Musikerdaseins zunächst den pubertären Kraftprotzereien und rebellischen Modeerscheinungen der Elvis- und Rock'n-Roll-Zeit. Dazu kommt noch ein Trauma über den Verlust des Vaters, der vor Jahren nach Neuseeland gegangen ist und das titelgebende Problem, eben nirgendwo hin zu gehören - ein Konflikt, der sich erst ganz zum Schluß auflöst, just als er England in Richtung Hamburg verläßt.
Wäre es nicht die Geschichte von John Lennon, wäre es wohl reines, kleines Arthaus-Drama, das sich hier abspielt, nur durch die Identität der Hauptfigur, deren Ruhm betont kleingehalten wird, erlangt der Film breitere Relevanz. Und das ist auch das Problem, denn die mit ein paar Verweisen auf die Beatles-Zeit gespickte Story (eine Fahrradfahrt an "Strawberry Fields" vorbei; John zeichnet ein Walroß, das später in einem der Songs verewigt wird), denn die robuste Teenagerstory rund um einen rebellischen, ziemlich unsteten und großmäuligen jungen Mann und seinen Familienschmerz trägt nur so gut, weil Taylor-Wood die dramatischen Anteile bis zum Anschlag aufdreht.
Was als sensibles Drama durchaus funktioniert hätte, gerät hier zu einer großangelegten Manöverübung in zeitgenössischem Lokalkolorit: Liverpool in den 50ern in allen Details, farbenprächtige Bilder, schrille Kostüme, britische Unterkühlung, Pubs, Oberschulen, pubertäres Gefummel im Park, Kettenrauchen, nicht zuletzt die knalligen Piers von Blackpool. Hier wird betont und auf Teufel komm raus unterstrichen und das betrifft vor allem die emotionalen Sequenzen, in der der hormongesteuerte Teenager die Nöte nicht mehr steuern kann, sondern wahlweise wie ein großkotziges Arschloch oder das heulende Elend von der Kette gelassen wird.
Alles ist so arrangiert, daß man es auch ja nicht falsch verstehen kann und das betrifft selbst die im Film erzählte Geschichte, die mit der Realität nicht immer so deckungsgleich erscheint. Weil es besser wirkt, wird die Mutter im Film zur schier unbekannten Figur, die es wiederzuentdecken gilt, die Tante zum Eisbiest, obwohl Zeit seiner Kindheit Julia Lennon ihren Sohn regelmäßig besuchte. Das sind kaum biographische Vergewaltigungen, dienen aber letztendlich nur zur Überdramatisierung der Situation, was dem Publikum wohl nicht bekannt sein dürfte, dessen Filmverständnis aufgrund der großen Stilmittelskala sowieso stark vereinfacht angesprochen wird.
Dennoch funktioniert der Film über weite Strecken sehr gut, was weniger an dem Lennon eher wenig ähnlich sehenden Aaron Johnson liegt (der für die Zeitspanne 1955-60, die der Film unbemerkt überbrückt, sowieso viel zu alt aussieht), als vielmehr an der detailreichen Ausstattung und dem stilsicheren Spiel von Anne-Marie Duff als manisch-emotionale Julia und der routiniert-brillianten Kristin Scott-Thomas als scheinbar kühle Mimi, die mit dem überemotionalen John ständig kollidiert.
Allerdings muß man auf den verständlichen Wunsch verzichten, irgendetwas von den "Beatles" hören oder sehen zu können, wobei zumindest die Teeanger-Ichs von Paul McCartney und George Harrison in der Story auftauchen - und es ist signifikant für das Restdrama, daß die Begegnung zwischen John und Paul am 6.Juli 1957 vor der St.Peters Church in Woolton zu den intensivsten und interessantesten und gleichzeitig positiv unspektakulärsten Momenten in einem Film gerät, der seine persönlichen Probleme mittelschwerer Natur sonst mit Leuchtreklamen anpreist.
Erfrischend ist, daß man Lennon auch hier nie zu einem Sympathen macht, sondern die tatsächliche Komplexität der Figur wahrt: John ist auch hier Hänger, Faulpelz, mieser Schüler, Rumtreiber, Großmaul und Arschloch - was Taylor-Wood nicht daran hindert, ihn so zu inszenieren, daß man ihn trotzdem mag, auch wenn die zeitweise übertriebene Emotionalität leichte Fremdschämreflexe auslöst.
"Nowhere Boy" entläßt seinen Protagonisten schlußendlich weder gereift, noch voll traumatisiert, aber eben erfahrener und lebensbereiter, söhnt sich nach vielen Schicksalschlägen aber immerhin mit den agierenden Figuren aus, um die Zuschauer dann die Verbindungen in die weithin bekannte Zukunft der Musiker knüpfen zu lassen.
So gesehen ist der Film zwar ein wenig gewollt und manchmal aufdringlich - und leider zu wenig intim - aber in der Darstellung seiner Charaktere und des Zeitgefühls mehr als gelungen und damit eine schöne Alternative zwischen totalem Arthaus und modernem Sensationskino. Daß das Publikum jedoch ständig den Beatles-Nachhall (oder Vorhall) erwartet, könnte die künstlerische Sorgfältigkeit etwas schmälern, aber das ist eben das Risiko, einen Film über eine berühmte Person zu machen.
Wir sind eben nur die "Eggmen" - er war das "Walrus"! (7/10)