Der siebte gemeinsame Fall des Kölner TV-Krimi-Ermittlerduos Max Ballauf (Klaus J. Behrendt) und Freddy Schenk (Dietmar Bär) datiert auf das Jahr 1999 und entstand unter der Regie Ben Verbongs, dessen einziger Beitrag zur „Tatort“-Reihe er bleiben sollte. Das Drehbuch stammt von Verbong und Edgar von Cossart.
Der kleine Jürgen (Christian Mickeleit) – Sohn der Hauswirtin (Saskia Vester, „Winterschläfer“) Ballaufs – ist tot. Er wurde erschossen auf der Schultoilette aufgefunden. Zuvor war er bereits von Mitschülern terrorisiert und misshandelt worden. Diese, u.a. der aufmüpfige Tucky (Tom Schilling, „Oh Boy“), hatten ihn zuvor bereits gezwungen, sich an ihren Einbrüchen zu beteiligen und stehen wiederum in Konflikt zu kleinkriminellen türkischstämmigen Mitschülern, die andere Mitschüler „abziehen“ und mit kleinen Mengen Drogen dealen. Der ältere, bei der Polizei aktenkundige Johannes Schmitz (Nikolaus Benda, „Der Superbulle und die Halbstarken“) gibt an, die „deutschen“ Schüler vor „den Türken“ beschützen zu wollen und hängt ständig mit seinem Auto vor der Schule herum. Als Tucky & Co. bei einem ihrer Raubzüge erwischt und aufs Polizeirevier gebracht wurden, erspähten sie dort auch Jürgen im Gespräch mit den Kriminalbeamten. Musste Jürgen sterben, weil man ihn für einen Verräter hielt?
Die Domstadt nicht als Karnevalshochburg und rheinländische Toleranz-Oase, sondern als sozialer Brennpunkt mit ethnischen Konflikten bis hin zu Mord – das ist der Ausgangspunkt dieses „Tatorts“, der sich gut gemeint auf Milieustudien und Ursachenforschung begibt, dabei jedoch in Klischees und eigenartigen Konstruktionen versackt. Interessant ist die Mauer kindlichen Schweigens, die sowohl aufs Angst als auch Misstrauen und nicht zuletzt Kodex fußt und durch die kaum ein Erwachsener zu dringen vermag, was es den Ermittlern lange Zeit schwer macht. Jedoch will dieser „Tatort“ zu viel auf einmal und vermengt zahlreiche Handlungsstränge, die jeder für sich bereits für einen einzelnen Beitrag zur Reihe geeignet gewesen wären: Mobbing an der Schule und daraus resultierende Verzweiflung der Opfer, sich sozial benachteiligt wähnende Schüler mit Migrationshintergrund, die damit ihre Überfälle rechtfertigen, Drogen und Waffen in Schülertaschen, ein sich aufspielender mutmaßlicher Rechtsextremist (hier hanebüchener- und weltfremderweise mit Horror- und Punk-Plakaten an den Zimmerwänden), der Kinder um sich reiht und unter falschen Schutzversprechungen ausnutzt sowie junge Rabauken aus prekären familiären Verhältnissen, die einem lieblosen Zuhause zu entfliehen versuchen und dadurch auf die schiefe Bahn geraten – das ist viel zu viel auf einmal, wodurch die Figuren- und Charakterzeichnungen auf der Strecke bleiben.
Zudem geben die Ermittler, allen voran Ballauf, ein schräges Bild ab: Mir nichts, dir nichts schleust sich Ballauf als neuer Sportlehrer in Jürgens Klasse ein und unterrichtet die Schüler, als könne so gut wie jeder diesen Job aus dem Effeff machen. Und obwohl er seiner Hauswirtin und ihrem Sohn Jürgen sehr nahe zu stehen bzw. gestanden zu haben scheint, wirkt er seltsam anteilnahmslos, kann nach Jürgens Tod mit Kollege Schenk scherzen und scheint persönlich kaum betroffen. Entgegen seines Softie-Habitus fasst er die (prä-)pubertären Delinquenten aber gern mal hart, an der Grenze zur Misshandlung im Dienst, an. So richtig zusammenpassen will all das nicht, zumal allein schon fragwürdig erscheint, dass Ballauf in diesem Fall ob seiner persönlichen Betroffenheit überhaupt ermitteln darf.
Immerhin gelang es aber, melancholisch-triste Bilder Kölns einzufangen, die maßgeblich zur intendierten Atmosphäre beitragen und gut zur allgemein ziemlich miesen, depressiven Phase des ausklingenden 20. Jahrhunderts passen. Sehenswert ist auch Tucky-Jungmime Tom Schilling, der hier aussieht wie ein kleiner Punk. Und Dietmar Bär, der hier in erster Linie als um seine Tochter bangender Vater sowie als schlechter Fußballtorhüter in Erscheinung tritt und für einige eher alberne humoristische Szenen herhalten muss, ist eigentlich immer gern gesehen – auch in schwächeren „Tatorten“ wie diesem.
Kurioses Detail: Offenbar hat Johannes-Schmitz-Darsteller Nikolaus Benda 2005 in der Krimiserie „Soko 5113“ einen gewissen Klaus Behrendt gespielt...