Alle Jahre wieder ist es soweit: Disney's Animationsabteilung schickt zur Weihnachtszeit seine besten Leute an die Front, zum nunmehr fünfzigsten Mal.
Zeichentrick, bzw. auf neudeutsch "Animation" für die ganze Familie, komplett mit Lachen, Weinen, Seufzen und gut vermarktbarem Soundtrack, so lieben es die Familien auf der ganzen Welt. Doch seit Disney mit seinen handgezeichneten Filmen immer mehr Land an die computeranimierten Filme und ihre gut sortierten Storyabteilungen abtreten mußte, war der Abstieg wieder einmal vorprogrammiert, Disney schloß die Studios schließlich bald nach der Jahrtausendwende. Doch nichts hält ewig und schon bald versuchte es der ehemalige Platzhirsch mit einem Mix aus klassischer und technisierter Animation und ab 2007 wurde wieder ordentlich geschafft - optisch in alter Pracht, aber letztendlich ohne den scheinbar göttlichen Funken, der die bereits eingekaufte, aber unabhängig produzierende Konkurrenz von "Pixar" so unverwechselbar macht.
Nach netten Testläufen wie "Meet the Robinsons" und "Bolt" versuchte man sich 2009 dann wieder an einem klassischen Mix aus Musical und Märchen: "Kiss the Frog" geriet zum diskutierten Achtungserfolg, ohne jedoch die Welt wieder im Sturm zu erobern.
Und das gleiche Problem schleppt auch der nächste Versuch "Tangled", eine Variante des "Rapunzel"-Märchens wieder mit sich herum.
Im Kern ist es die klassische Gebrüder-Grimm-Story geblieben: eine Prinzessin wird als kleines Kind entführt und wegen seiner langen Zauberhaare in einem abgelegenen Turm festgehalten, bis ein kühner Recke sie befreit. Doch das lockt keinen Fünfjährigen mehr hinter seinem Nintendo DS hervor, also wurde flott modernisiert. Das schöne Mädchen hat nun die Kräfte einer magischen Blume inne und kann Jugend schenken und heilen, sobald es singt und jemand dabei seine Haare berührt, der Prinz ist einem lässig-luschigen Dieb mit gutem Aussehen gewichen und aus der Hexe ist einfach nur eine verbitterte alte Frau geworden, die grausamerweise einfach nicht altern will. Doch der Sturm und Drang und die Sehnsucht nach den alljährlichen Lichtern am Himmel - ein trauriges Suchzeichen aus dem Königreich ihrer Eltern - setzen sich durch und gemeinsam mit dem Dieb bricht man in die ungewohnte freie Welt auf, unterstützt von einem Chamäleon und zeitweise durch ein hartnäckiges Polizeipferd.
Alt trifft neu, das ist nicht immer leicht zu vereinbaren und das merkt man "Rapunzel" an allen Ecken und Enden an. Das Genre und die Geschichte komplett in den Sack zu stecken, draufzuhauen und zu schauen, was rauskommt, das haben sich die Altmeister dann doch nicht getraut, es hätte wohl nur wie eine mäßige "Shrek"-Kopie ausgesehen. Also versucht man sich am besten beider Welten und hofft, daß es funktioniert. Dieb Flynn (der eigentlich Eugene heißt) bedient sich also des flotten Aufreißerjargons moderner Bauart; Rapunzel ist hin- und hergerissen zwischen der naiven Reinheit und der irrwitzigen Euphorie des Anarchischen. Wie sehr sich das (bisweilen erfolgreich) beißt, beweist eine hinreißende Montage, in der das befreite Mädchen in schneller Schnittfolge endlos zwischen bejubeltem Ausflippen und tiefster Schuldgefühlsdepression hin- und hergerissen wird.
Angenehm dabei, daß man sanft mit den angestammten Elementen brechen will, etwa wenn die "Hexe" sich stets beschwert, daß sie immer die Böse sein soll, bis sie sich schlußendlich dazu bekennt, weil man sie nicht anders läßt.
Ebenfalls erfreulich, daß Disney diesmal auf die totale Anthropomorphisierung der Tiere verzichtet, die Fauna darf endlich mal nicht sprechen, Chamäleon Pascal dient nur als fiepender Resonanzboden für die emotionale Lage der Szenen (oder als Pointenbetoner), Polizeigaul Max dagegen erhält sämtliche Züge eines gelehrigen und höchst selbstständigen Hundes, inclusive aller Manierismen bis zum Schwanzwedeln.
Doch die Story, das fällt zunächst noch nicht auf, ist ziemlich dünn, die Abenteuer mehr als überschaubar, außer einer Gesangsnummer in einer verrufenen Kaschemme mit muskulösen Tunichtguten und einer Verfolgungsjagd durch eine Mine ist nicht viel im Film enthalten, denn letztendlich muß die Vermarktungsbasis her: also darf Altmeister Alan Menken wieder mal ein halbes Dutzend grundschulkompatible Songs auf den Markt schmeißen, die bei einer Nettolänge von 90 Minuten schon ziemlich in die Laufzeit fallen.
Die sind dann zwar von altem Schrot und Korn, aber der Zirkus ist längst weiter gefahren, Disney setzt aber offenbar immer noch auf die Oscarrezeptur von "Die Schöne und das Biest" - und gerade in der deutschen Synchrofassung gerät das entsetzlich eckig.
Optisch ist der Film 1A, aber man verfällt dem Reiz, in den Möglichkeiten der eigenen Bilder zu schwelgen. Die Sequenz, in der Eugene und Rapunzel schließlich auf einem Boot dem Start von Tausenden von schwebenden Lampions zuschauen, ist sicherlich ein monumentaler Moment visueller Pracht, er ist aber auch genau die Art von Kitsch, die Neunjährigen gefällt, weil er Simplizität transportiert. Dagegen stehen die Ränke und Pläne der umsorgten Gothel, die egomanisch nur das eigene Spiegelbild im Sinn hat, im Botox-Zeitalter ein sehr moderner Ansatz, der sich nicht recht in das klassische Märchenszenario des betürmten Königreichs einfügen will, in dem König und Königin seit Jahren die Tränchen vergießen und im Drehbuch nicht mal eine Textzeile erhalten.
Hier wird versucht, es wirklich allen Besuchern recht zu machen und das klappt insoweit, daß man in Kauf nimmt, daß niemals ein geschlossener Film dabei herauskommt. Die Action ist 3D-kompatibel, die Bilder schwelgen in Farben, die Gags sitzen, das Gefühl wird druckbetankt und alles wird gleichzeitig mit einem Kübel eingemotteter Süßlichkeit übergossen und alles schreit: Seht her, wir können es noch!
Und ja, es stimmt, sie können noch alle Tricks, allein die Gußform hat Sprünge gekriegt und die Mode ist eine ganz andere geworden als noch 1937 (Schneewittchen), 1959 (Dornröschen) oder 1991 (Die Schöne und das Biest). Es ist voller und enger geworden im Karpfenteich und nicht ein oder zwei, sondern 12 bis 20 Animationsfilme konkurrieren pro Jahr um die Gunst des Zuschauers und die Mitbewerber sind inzwischen smarter, anarchischer oder risikoreicher als Disney.
"Rapunzel" ist schlußendlich nur zu empfehlen, sicher ein Spaß für die ganze Zielgruppenpalette, die manchmal noch "Familie" heißt, aber er wird nicht der Film werden, den man auf ewig in sein Herz schließt als das Maß der Kindheit. Disney führt die Parade nicht mehr an, es hat nur das Familiensilber aufpoliert und präsentiert es nun in einem vollautomatischen Schaufenster mit Knalleffekt. Das macht Spaß und sieht gut aus - und ist, traurigerweise, zu teuer in seinem Bemühen, es allen recht zu machen.
Neue Autoren braucht die Maus, die Motivation ist ja da. (7/10)