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"Das wars. Sie singt ihr was vor und wird wieder jung. Gruselig, oder?"

Bereits kurz nach ihrer Geburt wird das Königskind Rapunzel von Gothel entführt und in einen Turm eingesperrt. Rapunzel birgt das Geheimnis von Gothel's langjähriger Jugend, ausgelöst durch eine besondere Blume, der Rapunzels Haar durch einen bestimmten Gesang zum glühen bringt und dabei eine magische Wirkung entfaltet.
Auch fast 18 Jahre später gehorcht Rapunzel ihrer vermeintlichen Mutter und verlässt den Turm nicht, obwohl sie die geheimnisvollen Lichter, die jedes Jahr an ihrem Geburtstag am Himmel erscheinen, neugierig machen. Einzig das kleine Chamäleon Pascal ist ihre Gesellschaft. Sie erhält allerdings unerwarteten Besuch durch den gewieften Flynn Rider, der nach dem Diebstahl einer Krone auf der Flucht vor den Palastwachen und dem Pferd des Hauptmanns, Maximus, ist. Rapunzel streckt ihn nieder und erkennt, dass sich durch ihn ein paar Tage Aufenthalt außerhalb des Turms ermöglichen. Flynn soll sie zu den schwebenden Lichtern bringen und anschließend wieder zum Turm begleiten, um seine gestohlene Krone zurück zu erhalten.

Nachdem der klassisch gezeichnete Zeichentrickfilm "Küss den Frosch“ nicht den erwarteten Erfolg eingefahren hat, widmet sich Disney wieder dem computerunterstützten Animationsfilm. Erneut ist ein Märchen die Vorlage, die allerhand Modernisierungen durchmachen muss. Allein der Zusatztitel von "Rapunzel - Neu verföhnt" dürfte bereits bei so manchem die Haare zu Berge stehen lassen. Und tatsächlich wollen die teils immens modern geratenen Dialoge nicht zur mittelalterlichen Kulisse passen. Dies mag aber nicht das einzige sein, was dem animierten Märchen nicht steht.

"Rapunzel" erzählt eine wenig innovative Coming-of-Age-Geschichte inklusive frechem Witz, romantischer Passagen und flotter, aber einfallsloser Action. Im Mittelpunkt stehen zwei Figuren.
Die erste ist, wie könnte es anders sein, die titelgebende Prinzessin, in einem ungewöhnlich selbstbewussten Format. Der offensichtliche Widerspruch zwischen ihrer jahrelangen Gefangenschaft und ihrem meist sehr souveränen Auftreten ergeben keinen Sinn. "Rapunzel" will hier aber auch erst gar keine Ebene zu einem realistischen Format eröffnen, denn die mit großen Kulleraugen ausgestattete Heldin nutzt ihre Haarpracht nicht nur für Klettereien. Sie fungiert auch als Mittel der Fortbewegung, als Waffe und Schauwert.
Den Gegenpol zu ihr bietet der gutmütige Dieb Flynn, dessen Abenteuer den größten Raum einnehmen. Scheinbar war dies ein Versuch, das vor allem weiblich gedachte Publikum um einen großen Jungenanteil zu vergrößern. Aber genau hier tut sich Disney keinen Gefallen.

Wie zu erwarten bildet sich eine Romanze zwischen den beiden Hauptfiguren. Jedoch ist diese unerwartet feinfühlig und nimmt nur einen kurzen Teil der Laufzeit ein. Das Übermaß des flotten Erzählstils und dem Schwerpunkt auf Flynn raubt "Rapunzel" seine Harmonie und bietet bestenfalls einen optischen Reiz. Denn besonders ideenreich sind die Actionszenen nicht.

Ebensowenig ausgearbeitet sind einige Nebenfiguren die kaum Platz bekommen. So verkommt eine skurrile Schar an Räubern zu Witzfiguren, die nur gegen Ende des Animationsfilms zur Unterstützung der Hauptcharaktere erneut auftritt. Ähnlich verhält es sich mit den wirklich bösen Jungs und Mädels. War Gothel in der ursprünglichen Geschichte noch eine mächtige Zauberin, so ist sie in der Disney Fassung eine gewöhnliche Frau, ohne besondere Kräfte. Das sorgt dann nicht nur für eine ziemlich lahme Antagonistin, sondern führt auch zu einem schnell abgehandelten Showdown.
Besser geraten sind da die obligatorischen tierischen Helfer. Das Chamäleon Pascal und das Pferd Maximus stehlen immer wieder den eigentlich Akteuren die Schau. Der gelungene augenzwinkernde Humor wird größtenteils von diesen beiden initiiert. Mal durch das angedichtete Benehmen eines Hundes oder aber ironische handlungsweisen.

Im technischen Bereich bietet "Rapunzel" einige Höhen des Animationskinos. Neben einer lebendigen und detaillierten Welt brilliert der Film durch besonders glaubhaft animiertes Haar, was in der Computeranimation schon immer ein mühsames Geschäft war. Zu Beginn ist jedoch ein wenig Einarbeitung gefordert, denn der kunterbunte Barbie-Look und die gewollt comichaften Figuren mögen nicht jedem gefallen.
Zur kunterbunten Optik gibts poppige Musik, die lahm und seelenlos ins Geschehen integriert wurde. Die jazzlastigen Songs in "Küss den Frosch“ waren mit Sicherheit eine Frage des persönlichen Geschmacks aber immerhin passend zum Thema gewählt. Bei "Rapunzel" scheint die Musikauswahl jedoch willkürlich und unangemessen arrangiert.

Kindgerecht und kaum innovativ erzählt "Rapunzel" eine abgedroschene Geschichte ums Erwachsen werden. Schlichte Charaktere, ideenlose Actionsequenzen und emotionslose Musik stehen einer prächtigen Optik, einer feinfühligen Romanze und gelungenem Humor gegenüber. Der Animationsfilm hätte so viel mehr leisten können, wenn er mit dem traditionellen Schema gebrochen und etwas überraschendes geboten hätte. Für ein erwachsenes Publikum bleiben da nur die Tiere als heimliche Helden in den Gedanken hängen.

5 / 10

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