Lea: "Und wann's uns net taugt geh ma Kellnern für acht Euro in da Stund. Oder Plakatieren. Oder wir werden Statistinnen."
Hanna: "Aber hör zu, wenn eine von uns nicht mehr mag, dann hör'n wir beide auf. Das macht keine von uns allein, weder du noch ich."
Lea: "Klar, wir machen's z'sammen."
Zu Beginn ist es noch so etwas wie ein reizvolles Abenteuer, umweht vom aufregenden Duft der Gefahr, vom prickelnden Hauch des Verbotenen, vom anrüchigen Aroma des Sündhaften. Lea (Anna Rot, In 3 Tagen bist du tot 2) und Hanna (Magdalena Kronschläger, Steirerblut) sind zwei junge Frauen, die zwecks Studium (Schauspiel respektive Kunstgeschichte) den Schritt in die große fremde Stadt Wien gewagt haben. Aufgewachsen auf dem Lande kennen sich die beiden von Kindesbeinen an und sind beste Freundinnen. Um ihre knappen Finanzen aufzubessern, entschließen sie sich, beim kleinen "Tag und Nacht Escortservice Wien" anzuheuern. Es ist ja leicht verdientes Geld, und wenn es ihnen nicht gefällt, hören sie halt wieder auf und machen was anderes, wie zum Beispiel Kellnern. Doch so leicht, wie es sich die beiden vorstellen, ist das Geld auch wieder nicht verdient. Die Sexarbeit verändert sie, das Studium geht den Bach runter, und ihre innige Freundschaft droht langsam zu zerbröckeln.
Lea: "Foahrst du zu an Kunden?"
Hanna: "Mm-hmm. Sonderwünsche die i net mach und trotzdem will er mich. Hoffentlich kommt er schnell, dann schaff ich's noch auf die Uni."
Regisseurin Sabine Derflinger (Vollgas) und Ko-Drehbuchautorin Eva Testor (die auch die Kamera übernahm) begeben sich mit ihrem Film Tag und Nacht auf schwieriges Terrain. Anhand der beiden durchaus sympathischen Protagonistinnen Lea und Hanna veranschaulichen sie eindringlich, wie Studentenprostitution funktioniert bzw. funktionieren könnte. Die engagierten Filmemacherinnen haben die Thematik penibel recherchiert und sowohl mit Studentinnen gesprochen, die in diesem Gewerbe tätig sind, als auch mit Kunden, die ihre Dienstleistungen in Anspruch nehmen, um der Realität so nahe wie nur möglich zu kommen. Aus den diversen Schilderungen hat man im Anschluß die Figuren kreiert, die im Film zu sehen sind. Obwohl es sich um einen Spielfilm handelt, der eine fiktive Geschichte erzählt, erscheint das ganze Szenario doch so authentisch, daß man sich ohne weiteres vorstellen kann, daß sich die Geschehnisse im echten Leben genauso zutragen könnten. Es erscheint einfach nichts gekünstelt oder zu weit hergeholt, wobei hinzukommt, daß klischeehafte Untiefen geschickt umschifft werden. Tag und Nacht ist keine seichte Hollywoodware, ganz bestimmt nicht.
Lea: "Was bin ich eigentlich für dich? Es geht euch immer nur ums Ficken, immer nur um Sex."
Claus: "Könn ma über was anderes sprechen?"
Lea: "Ich schlaf jetzt mit allen, okay?"
Claus: "Hm?"
Lea: "Ich schlaf mit jedem. Und ich lass mich dafür gut bezahlen. Also, wenn du ficken willst, dann zahl g'fälligst!"
Derflinger und Testor nehmen bis zum Ende eine neutrale Position ein, schlagen sich weder auf die eine, noch auf die andere "Seite". Sie verurteilen niemanden. Es gibt keinen erhobenen Zeigefinger, keine moralinsaure Message, keinen predigenden Unterton, keine romantisch verklärte Schönfärberei. Prostitution ist nun mal ein harter Beruf, an dem frau nur allzu leicht zerbrechen kann, zumal es sehr schwierig ist, den richtigen Zeitpunkt für den Absprung zu finden. Einige Zeit denken Lea und Hanna, sie hätten alles im Griff. Doch nach und nach beginnt ihnen die Sache zu entgleiten, werden Grenzen überschritten. In Tag und Nacht geht es allerdings nicht nur um Sex. Der Fokus liegt auf Leas und Hannas alltäglichem Leben, begleitet sie in die Disco, zu einer Prüfung, in ein Café, zu einer Hochzeit, und so weiter. Er zeigt "einen Alltag voller Macht und Ohnmacht, voller Exzess und voller Banalität", wie es Cristina Nord im Klappentext zur österreichischen DVD-Veröffentlichung (Der österreichische Film - Edition Der Standard # 216) so schön und so treffend formuliert hat. Derflingers Intention war es auch nicht, einen spekulativen Film über Studentenprostitution zu machen; es interessierte sie vielmehr, wie zwei unterschiedliche Frauen, die freiwillig in dieses Metier reinschnuppern, damit zurechtkommen bzw. wie es sie verändert. Und das ist ihr, meiner Meinung nach, großartig gelungen.
Hanna: "War's wenigstens schön?"
Lea: "Männer kommen und gehen. Aber wir zwei sind Königinnen."
Hanna: "Wer, wir zwei? Wir zwei Frauen oder wir zwei Huren?"
Der Sex wird nüchtern, freizügig, ungeschminkt und ohne falsche Scham dargestellt. Sowohl Frauen als auch Männer zeigen sich nackt, und hin und wieder schwindelt sich sogar ein erigierter Penis ins Bild. Was diesen nur selten erotischen Szenen eine unter die Haut gehende Intensität verleiht, ist das fantastische Spiel der beiden Hauptdarstellerinnen. Bei den Geschlechtsakten sind ihre Gesichter fast immer zu sehen, und in diesen spiegelt sich eine ganze Palette von Emotionen wider. Für Gänsehaut sorgen vor allem die unangenehmen Momente, wie Unbehagen, Verwirrung, Verzweiflung und Abscheu (Vor dem ungustiösen Sexpartner? Oder doch vor sich selbst?). Man meint fast, die Gedanken hinter der Stirn rattern zu hören. Gedanken wie "hoffentlich ist es bald vorbei", "was zum Teufel mache ich hier eigentlich" oder "warum tut er mir das an". Und doch gibt es auch schöne, humorige, geile Momente, ein auf und ab, wie das Leben halt so ist. Daß Tag und Nacht aus Österreich kommt, kann er zu keiner Zeit verleugnen. Es sind nicht nur die Sprache, die Mimen und die tollen Impressionen von Wien, es ist vor allem dieses unverkennbare, spröde und etwas eigenwillige Flair, das diesen Film so besonders macht und dafür sorgt, daß er einige Zeit im Kopf haften bleibt und daß man ihn nicht so schnell vergißt. Keine leichte Kost, gewiß. Aber eine verdammt lohnende.
Geschäftsmann (zu Hanna): "Weißt, was Dostojewski über Geld gesagt hat? 'Geld ist geprägte Freiheit.' Und jetzt frag ich dich (stopft ihr einen Geldschein in den Mund): Was machst du alles für Geld? Was?"