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„Das war noch nüscht, das wird noch was!“

Anlässlich des dreißigjährigen Jubiläums der öffentlich-rechtlichen Krimireihe referenzierte man auf den allerersten „Tatort“ namens „Taxi nach Leipzig“, der einen bundesdeutschen Ermittler in die damalige DDR nach Leipzig schickte. Mittlerweile schrieb man das Jahr 2000, die DDR war seit einer Dekade Geschichte und Leipzig hatte im Duo Ehrlicher (Peter Sodann) und Kain (Bernd Michael Lade) sein eigenes Kommissarsteam. Auf dieses treffen in diesem von Hans-Werner Honert, Fred Breinersdorfer und Wolfgang Panzer geschriebenen und von Kaspar Heidelbach inszenierten Fall („Tatort: Der Mörder und der Prinz“) die Kölner Ermittler Ballauf (Klaus J. Behrendt) und Schenk (Dietmar Bär). Es handelt sich bei dieser am 26. November 2000 erstausgestrahlten Episode also um ein Crossover.

„In' nahen Osten, mit alten Volkspolizisten rumstreiten?!“

Der Burschenschaftler Dr. Maik Frei wird in Leipzig erschlagen aufgefunden. Ein ähnliches Bild zeigt sich im Kölner Burschenschaftsmilieu: In einer aus Leipzig kommenden Bahn wird der Leichnam Dr. Karl Kuhns gefunden, der ebenfalls der Burschenschaft Votania angehörte – und offenbar mit Codein tödlich vergiftet wurde. Da beide kurz ihrem Tod ein Handytelefonat miteinander geführt hatten, kommen die Leipziger Ermittler um die Kommissare Ehrlicher und Kain sowie deren Kölner Pendants Ballauf und Schenk miteinander in Kontakt, zunächst noch inkognito. Obwohl in Leipzig kaum Interesse an einer Zusammenarbeit besteht, reisen Ballauf und Schenk in die Sachsenmetropole, um auf eigene Faust zu ermitteln. Nach anfänglichen Revierkämpfen rauft man sich zusammen und folgt einer Spur, die zu Professor Kleist (Vadim Glowna, „Steiner – Das Eiserne Kreuz“), dem Vorstand der Burschenschaft, führt, der pikanterweise auch Ehrlichers behandelnder Arzt aufgrund dessen Lungenerkrankung ist. Beide Mordopfer waren bei Kleist angestellt, hatten anscheinend etwas mit dessen Tochter Claudia (Theresa Hübchen, „Ärzte: Dr. Schwarz und Dr. Martin“), die aber eigentlich mit Professor Hauke (Max Herbrechter, „Auf eigene Gefahr“), dem Juniorpartner ihres Vaters, verlobt ist. Könnte Eifersucht ein Motiv gewesen sein? Oder spielen Kleists Forschungen eine Rolle – immerhin behauptet er, bahnbrechende Ergebnisse erzielt zu haben…?

Alles beginnt mit einer Röntgenaufnahme der Niere Ehrlichers, denn der Kommissar befindet sich gerade beim Arzt – Professor Kleist –, der etwas an dessen Lunge findet und ihn damit sehr verunsichert. Bereits die nächste Einstellung zeigt den Tatort, an dem Dr. Frei erschlagen wurde. Dass die Handlung beides zusammenführen wird, lässt sich hier noch nicht erahnen. Die Kölner Kommissare und „deren“ Leiche kommen ins Spiel und das Rätselraten ist zunächst groß. Klassische Ermittlungsarbeit gibt sich fortan mit der Abneigung der beiden Kommissarsduos gegenüber und dem daraus resultierenden Misstrauen und Gefrotzel die Klinke in die Hand. Insbesondere letzteres ist geprägt von Ost-West-Vorurteilen, aber auch recht unterhaltsam.

Man vernimmt den nach einer Burschenschaftsfeier verkaterten Ricardo Kleist (Matthias Koeberlin, „Schimanski: Rattennest“), Claudias Bruder, und spricht anschließend mit Claudia, während man als Teil des Fernsehpublikums versucht, den Überblick über all die eingeführten oder auch nur angesprochenen Figuren zu bewahren. Ein klassischer Splitscreen während eines Telefonats zwischen Ballauf und Ehrlicher stimmt nostalgisch, dass Ballauf sich bei den Burschifaschos als Kuhns Bruder ausgibt, erscheint etwas skurril, und dass eine Krankenakte verschwunden ist, verstärkt die Richtung Professor Kleist leitende Spur. Ehrlicher landet auf dem OP-Tisch und im Burschenschaftshaus kommt es während einer bizarren Zeremonie zum Showdown mit mehr oder weniger überraschender finaler Wendung.

„Quartett in Leipzig“ vermengt Kritik an pseudoelitären Burschenschaftsumtrieben mit Medizin-Thriller-Elementen und der Annäherung zwischen Ost- und Westdeutschland. Zu diesem Zwecke erzählt er eine überkonstruierte, Kommissar Ehrlich persönlich involvierende und gar als nächstes potenzielles Opfer präsentierende Geschichte, die eher unwahrscheinlich wirkt. Zudem ist dieser Fall etwas arm an Schauwerten, dafür schauspielerisch seriös gelöst. Die humorigen anfänglichen gegenseitigen Anfeindungen der Kommissarsteams machen hingegen Spaß, dass im Zimmer des toten Kuhn ein Blechreiz-Poster und weitere Ska-Plakate hängen, wirft Fragen auf, und die hoffnungsfrohe (heute überholt und naiv erscheinende) Aussage, dass sich Ost und West zusammenraufen könnten, um mit vereinten Kräften das Böse zu bekämpfen, ist vom grundsätzlich richtigen Geiste beseelt.

Mit kleinem Sodann- und Lade-Sympathiebonus komme ich daher auf 6 von 10 gemeinsam gezischten Pils.

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