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Die Geschichte Jesu erzählt von Italiens größtem filmischen Provokateur - daraus kann ja nur ein Meisterwerk für die Ewigkeit werden, oder? Filmpreisnominierungen und -auszeichnungen und begeisterte Kritiken sind da jedenfalls sehr eindeutig. Sogar die katholische Kirche, eher bekannt dafür, viele künstlerische Herangehensweisen an biblische Geschichten eher misstrauisch zu beäugen, listet Pier Paolo Pasolinis „Das Erste Evangelium nach Matthäus" als überaus sehenswertes Werk.

Pasolini selbst bleibt bis heute eine der schillerndsten Gestalten des italienischen Kinos - Marxist, Katholik, provokanter Kritiker der konservativen Regierung, Schaffer eines der berüchtigsten und meistumstrittenen Werke der Filmgeschichte („Die 120 Tage von Sodom"): Sogar sein brutaler, bis heute Rätsel aufgebender Tod passt in diese einzigartige Geschichte. Sieht man sich sein sonstiges Oeuvre an - „Kleine Vögel, große Vögel", „Gastmahl der Liebe", „Teorema" - kann einen die eher klassische Herangehensweise an die Lebensgeschichte Jesu vielleicht ein wenig überraschen. Doch wie so viele italienische Regisseure jener Zeit kommt auch Pasolini aus dem Neorealismus, und das merkt man seinem Bibelfilm vollkommen an.

Formal fällt „Das Erste Evangelium nach Matthäus" nämlich auf den ersten Blick überaus schlicht aus: eine simple Schwarz-Weiß-Bildgebung, gemächliche Kamerafahrten, Originaldrehorte und Laiendarsteller, die ihre Rollen nicht immer sehr überzeugend, sondern mitunter recht theatralisch und steif geben. Der Score ist bis auf wenige aufbrausende Momente extrem zurückgefahren und brodelt höchstens kaum wahrnehmbar im Hintergrund. So erzeugt Pasolini über weite Strecken eine semi-dokumentarische Atmosphäre, die das Geschehen durchaus stärker in die Realität holt, als es eine aufwendige, verkünstelte Inszenierung á la Hollywood geschafft hätte.

Das größte Ereignis des Films ist allerdings Hauptdarsteller Enrique Irazoqui. Sein unspektakuläres Äußeres und seine ruhige, sanfte Stimme passen perfekt zur Charakterisierung eines Mannes, der Frieden und Liebe propagiert. Wenn er in langen Monologen Jesu Predigten nahezu wortgetreu rezitiert, fühlt man etwas von der anziehenden Magie, die von dieser Gestalt ausgeht. Auch der Schluss passt perfekt dazu, wenn er seine Auferstehung nicht etwa als spektakuläre Aktion, sondern eher als selbstverständliche Fortführung seiner theoretischen Erläuterungen inszeniert.

Und dennoch ist der Film im Schaffen Pasolinis keiner seiner stärkeren. Im Grunde krankt er in seiner wortgetreuen Bibelverfilmung an einer kaum zu überwindenden Problematik: Wer die Bibel kennt, wird hier nichts Neues entdecken, sondern nur längst Bekanntes aufgewärmt finden. Wer sie nicht kennt, wird sich wohl bald langweilen, da die Inszenierung nach dem noch recht drastisch gezeigten Kindermord des Herodes ziemlich abflaut und selbst Pein und Kreuzigung sehr zurückhaltend darstellt. Dramaturgisch stört die sehr episodenhafte Gestaltung immer mehr, die den Eindruck erweckt, stumpf von einer wichtigen Station zur nächsten gehen zu wollen. Und auch wenn Jesus hier in einigen seiner Dialoge als kampfbereiter Revolutionär gegen ein erstarrtes System erscheint, bleibt die religiöse Tiefe des Films doch sehr unhinterfragt und unkritisch - es heißt eben doch etwas, wenn die Katholische Kirche einen Film lobenswert findet.

Vor allem die zweite Hälfte zieht sich mit Dia- und Monologen endlos in die Länge, zeigt ereignisarm und unspannend Jesu Wirken und seine Anhänger, bevor das Ende dann doch wieder einen echten Paukenschlag zu bieten hat. Insgesamt aber fällt „Das Erste Evangelium nach Matthäus" deutlich langatmiger und unspektakulärer aus als so viele andere Filme Pasolinis. Von seiner filmischen Kraft ist hier immer wieder etwas zu spüren, von seiner erzählerischen eher weniger. Aber zugegeben - auch so ein filmischer Widerspruch gehört durchaus perfekt ins Gesamtschaffen dieses einzigartigen Regisseurs.

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