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"Soll er sich auf dem Raster beweisen."

Fast 30 Jahre hat es gedauert, bis der zu diesem Zeitpunkt technisch revolutionäre und mit dem Thema der Digitaltechnik ironisch umgehende Science-Fiction Klassiker "Tron" einen Nachfolger bekommt.

Bereits seit über 20 Jahren ist der einstige Vorsitzende des Encom Konzerns Kevin Flynn (Jeff Bridges) spurlos verschwunden. Seitdem lebt sein Sohn Sam (Garrett Hedlund) bei Kevin's Freund und Kollegen Alan Bradley (Bruce Boxleitner) auf. Eines Tages berichtet Alan Sam von einer Nachricht von seinem Vater, welche er aus Kevin Flynn's Büro erhalten habe. Sam begibt sich zur alten Spielhalle seines Vaters, wird aber in dem dortigen, verstaubten Büro nicht fündig. Als er sich an den alten Computer anmeldet, wird er durch eine Laserkanone digitalisiert und kommt in einer virtuellen Welt wieder zu sich. Zunächst muss er sich vor dem dem virtuellen Ebenbild Kevins und Herrscher über die abstrakte Welt Clu zur Wehr setzen. Unerwartete Hilfe erhält er von der tatkräftigen Quorra (Olivia Wilde), die ihn zu seinem wirklichen Vater führen will.

So wie sein Vorgänger bildet die Handlung von "TRON: Legacy" bloß einen Rahmen um dem Publikum tolle Effekte und atemberaubende Szenen zu zeigen. Dies funktioniert zunächst auch noch gut. Die Einführung geht schnell vonstatten und kaschiert die Schwächen der klischeehaften Figuren und fehlenden Tiefgang. Diese treten dann jedoch zur Hälfte der Laufzeit in den Vordergrund.
Während der ruhigeren Szenen und einem bemühten Aufbau der Figuren ist die fehlende emotionale Komponente spürbar. Im Gegensatz zum Vorgänger fehlt hier auch der augenzwinkernde Umgang mit der künstlichen Welt. War in "Tron" noch ein sich nur durch Ja und Nein äußerndes, kugelförmiges Wesen ein zur Heiterkeit auflockerndes Element, fehlen solche Spielereien nun völligst. Stattdessen klatscht "TRON: Legacy" uns ein paar philosophische Elemente entgegen, die nicht zu Ende gedacht werden.

Vorkenntnisse sind von Vorteil, denn es gibt immer wieder Stellen, wo das Original zitiert wird. Die Digitalisierung und Teleportation geht diesmal recht schnell und undeutlich vonstatten, sodass sich Nichtkenner unweigerlich fragen, was das leuchtende Licht nun war und wo Sam plötzlich ist. Denn gerade durch den sehr realistischen Looks der digitalen Welt verliert der Gedanke an den Cyberspace schnell an Bedeutung.
Diese Modernisierung kommt wiederum den Actionsequenzen zugute, die sich erneut durch Lightcycle-Rennen und Disc-Duellen, sowie einer finalen Flugsequenz im Shooter-Stil äußert. Nach wie vor sind diese Szenen stilistisch einzigartig und enthalten durch akrobatische Manöver mehr Dynamik als noch zuvor.

Zugegeben, die Effekte sind auf aktuellem Niveau. Die Erwartung einer technischen Revolution, wie sie einst in "Tron" geboten wurde, bleibt allerdings aus. Einerseits ist der Look fabelhaft. Grell als auch düster gehalten. Die Anzüge sehen deutlich stylischer als als früher. Aus der farbenfrohen und teils sterilen Digitalwelt ist ein futuristisches und atmendes Utopia geworden. Mit Gewitter und staubähnlichen Wolken. Die Bikes, die Deaktivierer und Schiffe wirken nun etwas mechanischer und viel kraftvoller. Flynns Wohnung hingegen hat den minimalistischen Flair von Kubricks "2001: Odyssee im Weltraum".
Dummerweise entsteht durch die digitale Perfektion der Eindruck keine digitale Welt sondern eine Paralleldimension vor sich zu haben. Die neue Welt ist zu greifbar geraten und lässt die Abstraktion des Vorgängers missen. Auch der Umstand der missenden Funktionen der leuchtenden Anzüge, dem Ausdruck der Energieströme und anderer vergessener Details von "Tron" lassen den Nachfolger zu oberflächlich erscheinen.

Dagegen macht die musikalische Untermalung alles richtig. Der pulsierende Soundtrack von Daft Punk gibt dem Film eine kraftvolle Dynamik und Dramatik. Bereits der Vorgänger enthielt futuristische Klänge die einen surrealen Eindruck hinterließen. Kein Vergleich aber zu dem neuen Soundtrack, der den Zuschauer wuchtig in den Kinosessel drückt.
Überraschend zurückhaltend sind dafür die 3D-Effekte die im Kinoformat Pflicht sind. Allein die einleitenden Sätze mit dem Verweis, dass "TRON: Legacy" ganze 2D-Sequenzen enthält, riechen bereits nach einer Mogelpackung. Und tatsächlich sind sämtliche in der Realität spielenden Szenen ohne Tiefenwirkung. Und dafür mehr ausgeben?

Nach so langer Zeit die damaligen Darsteller Jeff Bridges ("Crazy Heart") und Bruce Boxleitner ("Babylon 5") erneut zu sehen, erfreut das Herz des Fans. Während Boxleitner relativ wenig Laufzeit gegönnt ist, hat Bridges eine gekonnt gespielte Doppelrolle, wobei seine digitale, jüngere Variante eindeutig zu künstlich erscheint. Garrett Hedlund ("Death Sentence - Todesurteil") ist bemüht, jedoch nicht charismatisch genug, um den beiden Größen die Stirn zu bieten. Olivia Wilde ("Dr. House") verhält sich passend ihrer zurückhaltenden Rolle, ganz klarer Vorteil also für Charaktermimen Michael Sheen ("Frost/Nixon") der in seinem Auftritt am Rande alle anderen vergessen lässt.

"TRON: Legacy" ist ein grafisches Update von seinem Vorgänger, erneut stilistisch einzigartig, wenn auch etwas zu realistisch. Die Aneinanderreihung von künstlichen Szenerien, die ihre seelenlosen Charaktere in den subtilen Blau- und Rot-Neontönen zu kaschieren versucht, funktioniert zu Beginn hervorragend, schweift aber ab der Hälfte des Films etwas ab. Der Versuch mehr Tiefe und Handlungsfreiheit zu erlangen scheitert durch haarsträubende Motivationen der Charaktere. Die Kombination aus den fantastischen, jedoch nicht revolutionären, Bildern und der grandiosen Musik ist, was den Science-Fiction Film aus der Masse heraus hebt und ihm eine Daseinsberechtigung gibt. Und natürlich die kultigen Lightcycle-Rennen und Disc-Duelle.

7 / 10

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