Mit „The Stalls of Barchester“ begann 1971 die locker geführte Reihe der „Ghost Story for Christmas“, deren Macher sich in den ersten Jahren hauptsächlich bei dem britischen Autor Montague Rhode James bedienten, dessen Geistergeschichten zumeist die kreatürliche Furcht vor dem Unbekannten mit sehr ungewöhnlichen übernatürlichen Figuren und einer Vorliebe für Kirchenarchitektur verbanden.
Bis 1978 entstanden acht dieser Kurzfilme – die Länge schwankte zwischen einer guten halben Stunde und 50 Minuten – die ersten fünf davon auf Stoffen von MR James basierend.
Drei Jahre zuvor hatte es in der Reihe „Omnibus“ schon einmal eine Verfilmung gegeben, die sehr künstlerische (und werkgetreue) Umsetzung von „Whistle and I’ll come to you“, allerdings noch in Schwarzweiß und mit wenigen typischen Genreelementen. Jahre später wiederentdeckt, gilt die Verfilmung inzwischen als ein Klassiker.
So einen Erfolg nachzuholen, dürfte selbst unter Einsatz von Farbe den Machern der Christmas-Reihe schwer gefallen sein, dennoch ist das Ergebnis sehr ermutigend, wenn auch noch uneben.
Das Problem ist die Wahl der Geschichte an sich. „The Stalls of Barchester“ aka „Das Chorgestühl zu Barchester“ ist ein typische James-Geschichte, aber deswegen nicht unbedingt einfach nachzuerzählen.
Die Rahmenhandlung umfasst die Archivierung der Papiere der Gemeinde, wobei eine Truhe gefunden wird, die die Tagebuchaufzeichnungen des Erzdiakon Haynes enthält, neben noch einigen anderen Papieren.
In der Kurzgeschichte keltert der namenlose Erzähler au s diesem Fragmenten die Geschehnisse der Jahre 1816/17 (in der TV-Verfilmung hier hat man den Zeitpunkt auf die 1870/1880er Jahre verlegt) nach besten Wahrscheinlichkeiten zusammen, ergänzt durch Zeitungsausschnitte, Kirchenregister und Briefen/Tagebüchern.
Der Reiz ergibt sich aus dem Puzzlespiel, das der Erzähler verfolgt, ergänzt durch das „altmodische“ Englisch der Tagebuchaufzeichnungen. Der Clou sind die – zufälligen – Verflechtungen einer „Verfluchung“, gefasst in eine Kirchenschnitzerei mit einem (vermutlichen) Verbrechen aus Karrieregier.
In der TV-Form wäre so eine Darstellung spröde und antiklimatisch, weswegen es auch überraschend ist, dass man das Erzählkonstrukt tatsächlich beibehalten hat und die Tagebucheinträge eben mittels szenischen Rückblicken dramatisiert.
Was „Stalls“ bemerkenswert macht, sind dann auch genau diese Sequenzen, die Haynes zeigen, wie er unter Einfluss des (dem Zuschauer noch unbekannten) Fluchs, in den einsamen Winternächten zunehmend psychisch auseinanderbricht, weil er Erscheinungen hat und Stimmen hört, während er allein im Haus wohnt. Robert Hardy als mimisch eingefrorenes Enigma bietet eine klasse Leistung.
Gerade weil die Regie entschied, die meisten dieser Szenen komplett ohne Musik zu präsentieren (es gibt aber sonst reichlich Kirchengesang), wird man gefühlsmäßig kalt erwischt, während man mit der Figur unschlüssig in der Dunkelheit wartet.
Als Aufwertung kriegt man die entscheidende Nacht dann schließlich wirklich zu sehen, was in der Story angesichts des Formats ja nicht möglich war, dennoch endet die Suche des Archivars nach dem Fluch und den Schnitzereien im dramaturgischen Nichts – aber wenigstens wird so das Format einer historischen und architektonisch angehauchten Gespenstergeschichte gewahrt.
Ein insgesamt nicht eben typisch getakteter erster Versuch von „Auntie Beeb“ (BBC), dem Publikum einen wohligen Grusel zu verschaffen, ist es aber geworden, wenn auch aus heutiger Sicht dieser Kurzfilm schlechter gealtert ist als der künstlerische Versuch drei Jahre zuvor. Dennoch: 7/10!