Review

Mit der vierten „Ghost Story for Christmas“ anno 1974 wandte sich die BBC meiner wohl ewig liebsten Geschichte von MR James zu, dem „Schatz des Abtes Thomas“.
Auch wenn die Geschichte nicht ganz so böse und finster daher kommt und andere Stories wesentlich interessantere Besucher aus den Höllendimensionen oder den Geisterwelten aufzubieten hatten, war diese nicht nur die erste (neben dem „Kuperstich“), die ich las (denn sie ist für Kinder und Jugendliche zulässig), sondern sie beinhaltet eigentlich und hauptsächlich das Motiv der Schatzsuche, welches die Phantasie der Massen auch heute noch beflügelt kann (siehe: Dan Brown, Indiana Jones, National Treasure).

Präsentiert wird sie auf gewohnt umständliche Art und Weise: Mr. Somerton, ein Fachmann für Kirchenarchitektu r gerät an einem mysteriöse Überlieferung und verschwindet vorerst aus der Geschichte. Wochen später wird sein Pfarrer von dessen Diener benachrichtigt, bitte schnell in ein Nest an der deutsch-französischen Grenze zu kommen, weil sein Herr darnieder liegt. Nachdem er dem Wunsch durch eine Eisenbahn- und Fährenreise nachgekommen ist, muss er eine unbekannte Aufgabe erfüllen – und erst danach erfahren die Leser au s der Sicht Somertons, was alles auf der Suche passiert ist.

In der BBC-Version, die gerade mal adrette 37 Minuten läuft, haben die Macher in diesem Fall so einiges angepasst, damit die Figuren mehr Tiefe erhalten. Vor allem der relative Mangel an Übernatürlichem lässt Somerton von einem Wissenschaftler zu einem aufgeweckten Reverend mutieren, der zunächst mal zwei Okkultismus-Scharlatane bei einer Séance für einen seiner Schüler hochgehen lässt. Ein derart rationaler Zweifler ist natürlich reif für den Gegenentwurf und daraufhin folgt die Geschichte in Grundzügen der originalen Story – allerdings abzüglich der Reise auf den Kontinent und einiger komplizierter Rätseleien, die man leicht modifiziert hatte.

Stattdessen spielt die Handlung auf ein- und demselben Kathedralengelände, komplett mit den rätselhaften Kirchenfenstern und dem düsteren Fundort, der allerdings – anstelle des Brunnens in der Vorlage – durch einen unterirdischen Tunnel ersetzt wurde. Abgesehen von einigen dramaturgischen Simplifizierungen der Plots bleibt dann alles beim Alten, bis auf das ambivalente Ende, welches mehrere Interpretationen zulässt.

Dabei sind die Darstellerleistungen wesentlich engagierter als in den ersten Folgen und auch der Einbruch des Übernatürlichen in die Realität ist wunderbar interpretiert worden.
Natürlich kann die Opulenz der Vorlage nicht eingefangen werden, die noch mit verfälschten lateinischen Bibeltexten hantiert und in interessanten Schlussfolgerungen mündet, aber insgesamt ist das Ergebnis eine schöne Gruselstory für kalte Tage, die relativ zeitlos gehalten ist. (7,5/10)

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