Seit Mel Gibsons Braveheart ist das Mittelalter endgültig auch im Mainstream-Actionkino angekommen. Sämtliche Epigonen - ob hoch, oder weniger hoch budgetiert - orientierten sich seitdem am grimmig-schmutzigen Look des Oscar-prämierten Heldenepos. Dazu gehören unbedingt auch drastische Gewaltdarstellungen und aufwändige Schlachtengemäde. Mit den historischen Tatsachen nahm man es da selten sonderlich genau, auch hier ganz in der Tradition des großen Vorbilds.
Neben den erwähnten Zutaten braucht es zum Ritter-Hit nur noch einen schlagkräftigen Heroen und einen finsteren Antagonisten. Und wer wäre da besser geeignet als der vermeintlich diabolische englische König Johann Ohneland. Schließlich ist dessen Perfidie sozusagen filmhistorisch zementiert, machte doch der finstere Prince/King John schon dem wackeren Ivanhoe und unzähligen Robin Hoods das mittelalterliche Leben zur Hölle.
Johns Ruf als Unterdrücker des Volkes wurde bereits bei Ridley Scotts Neuinterpretation des Robin Hood-Legende fälschlicherweise mit seiner Weigerung die Magna Carta (1215) zu unterzeichnen begründet. Tatsächlich waren es die aufständischen Barone, die ihrem König in einer Schwächephase mehr Rechte und politische Mitbestimmungsmöglichkeiten abrangen. Die Freiheiten des einfaches Mannes bleiben davon gänzlich unberührt.
Solche Kleinigkeiten tangieren natürlich kaum des Hollywoodsche Geschichtsverständnis. In offenkundiger Anlehnung an den eigenen historischen Initiationsritus des Unabhängigkeitskrieges lässt man von jeher den idealistischen Freiheitskämpfer fröhlich auf sämtliche Epochen los, so ahistorisch das auch sein mag. Jüngstes Beispiel ist die englisch-amerikanische Koproduktion Ironclad.
Ähnlich der Scottschen Robin Hood-Version dient die „Große Urkunde der Freiheiten" als Aufhänger für eine historisch abenteuerliche Heldengeschichte. Diesmal geht es um den Tempelritter Marshal (James Purefoy), dessen Mentor Erzbischof Stephen Langton (Charles Dance) federführend an der Ausarbeitung der Magna Carta beteiligt war.
Als König John (Paul Giamatti) nach der erzwungenen Unterzeichnung den Papst zur Annullierung der Urkunde bewegt, flammt die Adelsrevolte erneut auf. William d´Aubignys, Lord of Belvois (Bria Cox), trommelt daraufhin eine kleine Gruppe bewährter Kämpfer zusammen und besetzt die strategisch bedeutsame - sie blockierte die Straße nach London - Burg Rochester. Unter der militärischen Führung des ehemaligen Kreuzfahrers Marshal versuchen sie die Feste gegen John und sein zahlenmäßig weit überlegenes dänisches Söldnerheer zu halten, bis die zu Hilfe gerufene französische Armee eintrifft.
Ob Ironclad ähnlich epische Ausmaße wie beispielsweise Königreich der Himmel angenommen hätte, ist reine Spekulation. Jedenfalls hatte die unabhängige Produktionsfirma Mythic Entertainment Finanzierungsschwierigkeiten für ihr Premierenprodukt, was ein eher schmales Budget von 25 Millionen US-Dollar und eine wahre Flut unterschiedlichster Produzenten zur Folge hatte. Auch der Ausstieg von Megan Fox, die für die weibliche Hauptrolle vorgesehen war, dürfte in dieser Hinsicht nicht unbedeutend gewesen sein.
Trotzdem gelang es einen recht namhaften und qualitativ hochwertigen Cast zu verpflichten. Bühnenerprobte Charaktermimen wie Paul Giamatti, Brian Cox oder Derek Jacobi bedeuten für jede Produktion eine Aufwertung und auch der als Mark Anton in der HBO-Serie Rome bekannt gewordene James Purefoy stammt ursprünglich aus dem Theatermilieu. Auch beim Production Design legte man sich mächtig ins Zeug. So wurde nicht nur bei Kostümen, Waffen und Ausstattung auf Authentizität geachtet, sondern sogar auf dem Gelände der walisischen Dragon Film Studios ein originalgetreuer Nachbau des berühmten Rochester Castle errichtet. Die Vorraussetzungen für ein ebenso unterhaltsames wie anspruchsvolles Mittelalterspektakel waren also durchaus gegeben.
Zumindest letzteres wurde eingelöst. Dank zahlreicher wuchtig inszenierter Schlachten und Kämpfe ist Ironclad recht kurzweilig geraten. Vor allem die Belagerung der Burg Rochester kann hier punkten. Durch nicht allzu schnelle Schnitte und einen immerhin moderaten Einsatz der unsäglichen Wackelkamera bleiben die gut choreographierten Kampfszenen recht übersichtlich und nachvollziehbar. Zudem gibt es eine Reihe drastischer Gewaltdarstellungen, die zwar bestimmt nicht jedermanns Geschmack sind, dafür aber durchaus die Realität mittelalterlicher Kämpfe abbilden (die deutsche „ab 16 Altersfreigabe" ist in dieser Hinsicht allerdings kaum nachzuvollziehen).
Abseits des blutigen Hauen und Stechens herrscht allerdings mediokre Eintönigkeit. Zwar verzichtet man erfreulicherweise auf das genreübliche Pathos, ergeht sich dafür aber in belanglosem Geplauder, das nicht nur den bühnenerfahrenen Cast unterfordert, sonder auch die Pausen zwischen den Metzeleien zur Geduldsprobe für den Zuschauer macht. Sinnbildlich dafür sind die plumpen Annäherungsversuche der jungen Burgherrin Isabel (Kate Mara), die dem zölibatären Marshal dermaßen offensiv und platt den Hof macht, dass man beinahe hofft, er würde endlich das Schwert gegen sie erheben.
Auch die Adelsrevolte gegen König Johann Ohneland wird nur mit ein paar wenig geistreichen Phrasen abgehandelt und zudem - wie bereits erwähnt - historisch inkorrekt eingebettet. So ging es keineswegs darum dem englischen Volk mehr Freiheiten zu verschaffen, sondern ausschließlich darum den Adel gegenüber dem König vor allem verfassungstechnisch besser zu positionieren.
Überhaupt nahm man es mit der historischen Faktizität nicht allzu genau. Bei einem Film der sich dermaßen explizit zahlreicher realer Figuren und Ereignisse bedient, eine unnötige und ärgerliche Vorgehensweise, die lediglich durch Schlamperei oder Desinteresse zu erklären ist. So wurde Rochester Castle natürlich nicht nur von 20-30 Verteidigern gehalten (man geht von 100-140 Rittern aus) und auch nicht von mehreren tausend Mann belagert. Bei der Einnahme der Feste wurde bewusst auf Hinrichtungen verzichtet, da die aufständischen Barone auch zahlreiche Anhänger King Johns in ihrer Gewalt hatten. Im Film dagegen weidet sich ein völlig außer Rand und Band geratener König an grausamen Verstümmelungen und Folterungen. Zu guter letzt lässt man das französische Entsatzheer ein gutes halbes Jahr zu früh eintreffen.
Ironclad ist so gesehen eine recht zwiespältige Angelegenheit. Einerseits bietet der Film eine Vielzahl ebenso drastischer wie spektakulärer Kampfszenen und ein durchweg überzeugendes Mittelalter-Setting. Andererseits nimmt er seinen historischen Gegenstand nicht sonderlich ernst und zimmert eine banale Heldengeschichte zusammen, die auch in jedem anderen Zeitalter angesiedelt sein könnte. Von der teilweise arg malträtierten Logik während der Belagerung mal ganz zu schweigen.
Die namhafte Besetzung bekommt kaum Entfaltungsmöglichkeiten, lediglich Paul Giamatti darf als teuflischer Johann Ohneland ein paar herrlich überzogene Tiraden und exaltierte Auftritte vom Stapel lassen. Hauptdarsteller Purefoy muss dagegen dauerhaft grimmig dreinschauen und ist ansonsten lediglich körperlich gefordert.
Da hat das offensichtliche Vorbild Braveheart trotz seines ebenfalls enormen Phantasiegehalts dann doch auf der ganzen Linie mehr zu bieten. Für ein Splatter-und Action-affines Publikum mag Ironclad durchaus seine Momente haben. Wer aber abseits der Metzeleien auch auf ein bisschen Geschichte (im doppelten Sinn) hofft, hat sicherlich bessere Alternativen.