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Der triste Alltag in Frankfurt/Oder zwischen Plattenbauhölle und Eheproblemen eingefangen in den wackeligen Bildern einer Digitalkamera - wer will das sehen? Antwort: Der Fan des Programmkinos, der all die totgestylten, seelenlosen Hochglanzproduktionen des jüngeren deutschen Kinos satt hat.

Regisseur Andreas Dresen ("Sommer vorm Balkon", 2005)gelang 2002 das Kunststück, aus scheinbar banalen Versatzstücken einen intensives, beklemmend realistisches Drama um die Liebe zu formen, welches gerade durch die Verwurzelung im Alltag seine Intensität generiert.

Der Film erzählt die Geschichte zweier frustrierter Ehepaare: Ellen (Steffi Kühnert) arbeitet in einer Parfümerie, während ihr Mann Uwe (Axel Prahl), der in der eigenen Imbissstube "Halbe Treppe" hart schuftet - nach 13 Jahren Ehe haben sie sich nichts mehr zu sagen; ihre Beziehung ist Alltag und ihre Gefühle füreinender erloschen. Ähnlich verhält es sich mit einem befreundeten Paar: Radiomoderator Christian (Thorsten Merten) und Katrin (Gabriela Maria Schmeide) leben ebenso nur noch Macht der Gewohnheit nebeneinander her. Doch dann geschieht etwas: Ellen und Christian verlieben sich ineinander und haben eine Affäre, die nicht unentdeckt bleibt - was chaotische Konsequenzen nach sich sieht...

Trotz aller Dramatik findet der Film doch Raum, einige Skurrilitäten im Alltag der 4 Protagonisten unterzubringen: Da haben wir einerseits den Kanarienvogel Hans-Peter, dessen Verschwinden beinahe einen Ehekrach provoziert oder es liegen etliche Eisbeine in der Badewanne, als sich Ellen duschen möchte. Der Höhepunkt hier ist natürlich Katrins Reaktion, als sie Ellen und Christian in flagranti in der Badewanne erwischt - begleitet von der unruhigen Handkamera. Doch gerade diese verwackelten digitalen Bilder symbolisieren die aufgewühlte Gefühlslage unter den 4 grandios aufspielenden Hauptpersonen perfekt. Einige Szenen wurden von dem Ensemble improvisiert, was ob der vermittlten Echtheit der gespielten Emotionen deren Klasse beweist. Untermalt mit minmalistisch anmutender Instrumentalmusik der "17 Hippies" gelingt eine intensive Parabel auf den trostlosen Alltag in der brandenburgischen Provinz, der Fragilität der neuen Liebe - und der Erkenntnis, dass alles, was länge währt doch irgendwie gut wird.

Fazit: "Halbe Treppe" ist eine positive Überraschung des jüngeren deutschen Films. Andreas Dresen gelingt eine schonungslose Skizzierung der Alltags- und Gefühlslebenprobleme der Protagonisten, ohne in Sozialkitsch abzurutschen. Ein gerade durch seine Echtheit berührender Film, der mit klasse Schauspielern aufwartet, welche allesamt wirken, wie dem Leben entsprungen - auch wenn die Dokumentarfilmoptik zuweilen etwas gewöhnungsbedürftig ist.

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