Den meisten älteren oder auch beleseneren Semestern dürfte „Gullivers Reisen“ von Jonathan Swift bekannt sein und da das Buch aus dem Jahre 1726 stammt kann man es auch ohne weiteres als Klassiker der (Jugend-) Literatur bezeichnen. Im Laufe der Jahrhunderte wurde aus einem sozialkritischen und auch satirischen Buch ein sehr vereinfachtes Kinderbuch, dass nur noch Gullivers Reisen nach Liliput und Brobdingnag beinhaltete.
Diesem weitaus simpleren Ablauf folgten auch nahezu alle Verfilmungen des Stoffs von denen „Herr der drei Welten“ wohl die bekannteste sein dürfte. Damals, im Jahre 1960, zeichnete sich noch der Herr der Knetmännchen, Ray Harryhausen, für die Special Effects verantwortlich und seitdem gab es nur noch einige wenige TV-Verfilmungen der Gulliver-Story zu sehen...
Was also lag näher, als den guten alten Gulliver mal wieder auf eine neue Generation von zahlenden Kinogängern loszulassen, zumal die Handlung ja auch noch das Potenzial bot auf den hippen 3D-Trend aufzuspringen und dadurch gleich noch etwas mehr Taschengeld aus der ins Auge gefassten minderjährigen Zielgruppe herauszupressen...
An Ideen um an das Geld anderer Leute zu kommen war Hollywood noch nie arm und so nahm das Übel seinen Lauf. Man setzte tatsächlich zwei Drehbuchautoren darauf an um die Reste der Originalstory von Swift auf modern zu bürsten, was dann ungefähr so aussieht.
Lemuel Gulliver (Jack Black) ist der interne Briefträger eines TV-Senders und total verknallt in die Reporterin Darcy (Amanda Peet). Als er einen neuen Kollegen einarbeitet und dieser bereits am nächsten Tag sein Boss ist kommt seine kleine Welt aus Videogames, Star Wars usw. die ersten Risse, denn so kann er niemals bei Darcy landen. Also bewirbt er sich als Reisereporter und erhält prompt den Auftrag eine Reportage über das Bermuda-Dreieck zu schreiben.
Gulliver schippert los, trifft plötzlich auf einen unheimlichen Sturm und strandet in Liliput. Dort wird er zuerst bekämpft, findet dann aber in Horatio (Jason Segel aus „How I Met Your Mother“) einen Freund und kommt durch einige „Heldentaten“ und eine Unmenge an Lügen und Aufschneidereien auch zu Ansehen. Einzig General Edward sieht seinen Einfluss in Liliput schwinden und schlägt sich schließlich auf die Seite von Liliputs Gegnern, was auch dazu führt, dass Gulliver entzaubert und verbannt wird...
Der Rest der Story besteht aus einer Art Resteverwertung aus Filmen des produzierenden Studios 20th Century Fox (alleine schon die dämlichen „Star-Wars-Zitate“ nerven auf der ganzen Linie), Gullivers Coming-Of-Age und ansonsten ganz, ganz wenig. Eben der übliche, altbekannte Mix aus Pop-Kultur-Klamauk mit erstaunlich wenig gelungenen Gags und gnadenlos klischeehaften Wandlung unseres Helden vom Aufschneider zum wahren Helden.
Zugegeben, einige der Special Effects sehen ganz ordentlich aus, aber gerade in Sachen 3D bietet der Film nahezu nichts. Dies dürfte daran liegen, dass der Streifen nicht in 3D konzipiert und gedreht wurde, sondern im Nachhinein in 3D konvertiert wurde. Nach „Avatar“ heißt das Zauberwort bei den Filmstudios also noch immer 3D, auch wenn seitdem kaum ein in 3D gedrehter oder auch konvertierter Film ernsthaft Anklang beim Publikum fand. „Gullivers Reisen“ reiht sich auch in dieser Beziehung in die Schlange der 3D-Totengräber ein, denn ich wage zu prophezeien, dass das Publikum sich nicht mehr lange durch Extra-Zuschläge an der Kinokasse für Fake-3D-Filme verarschen lässt.
Neben Jack Black werden hier einige mehr oder weniger prominente Namen wie z.B. Emily Blunt, Jason Segel und Amanda Peet aufgeboten, die allesamt mehr können, als sie hier zeigen. Segel z.B. ist eine totale Fehlbesetzung, wirkt als Horatio und im ganzen Setting komplett deplatziert, dabei ist er in der genannten TV-Serie wirklich gut. Amanda Peet war wohl die einzige Darstellerin weltweit überhaupt, die nicht schon andere Engagements hatte und deshalb die Rolle von Gulliver`s Love Interest annahm um die Raten fürs Auto abzahlen zu können. Emily Blunt, die deutlich mehr kann, als sie hier zeigen darf, verkommt in ihrer Prinzessinnen-Rolle nahezu zur Statistin usw. usw.
Der eigentlich Hauptdarsteller, Jack Black, das Biest, spielt nun schon zum x-ten Mal den über 40jährigen kleinen Jungen, der sich mit Videospielen, Rock Musik und Albernheiten durchs Leben manövriert. Sorry, aber auch wenn Black diese Rolle tatsächlich zu leben scheint, irgendwann kann man es echt nicht mehr sehen. Bei mir war der Punkt schon mit „School Of Rock“ erreicht, obwohl der wenigstens noch etwas Charme hatte. Nein, Black spielt hier zwar wie immer ohne angezogene Handbremse quasi eine One-Man-Show, aber was zu viel ist ist zu viel!
Rob Lettermans Film ist auf Grund der genannten Einzelpunkte leider nicht mehr geworden als eine seelenlose, unkomische und vor allem unspektakuläre Verfilmung eines Stoffes, die ohnehin nicht das Potenzial hatte, ohne gravierende Eingriffe in die Handlung, bei einem modernen, kindlichen Publikum landen zu können.
Fazit: Den Weg ins Kino oder in die Videothek kann man sich im Fall von „Gullivers Reisen“ wirklich sparen und falls man tatsächlich mal mit dem Film im Privat-TV konfrontiert werden sollte, dann dürfte man sich ausnahmsweise an jeder einzelnen Werbeunterbrechung freuen. Denn diese gibt dem Zuschauer die Chance entweder den Kanal zu wechseln oder vielleicht sogar Swifts Buch zur Hand zu nehmen und „Gullivers Reisen“ in der eigenen Phantasie mitzuerleben.