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Was ist das eigentlich, ein „Asi-Film"? Vielleicht so ein Streifen wie „College Animals"? Also ein nicht eben auf hohem Niveau wandelnder Teeniefilm, der allerdings fürs Kino zu billig produziert ist? Oder darf ein echter „Asi-Film" mit - man entschuldige bitte den abgegriffenen, überstrapazierten Begriff - „Kultpotential" auch ein teurerer Film à la „Superbad" oder „Hangover" sein, also ein Produkt, das im Prinzip massentauglich ist? Und muss oder kann so ein Film überhaupt aus Amerika kommen? Die Dänen haben mit ihren in China verspeisten Hunden, ihren Delikatessen und allen voran ihren Adams Äpfeln immerhin unstrittig bewiesen, dass hochwertige Filmwahre dieser Sorte nicht nur nicht unbedingt aus den Staaten kommen muss, sondern dass Europa wahre Meisterwerke des Genres produzieren kann. Auch die Deutschen lieferten bereits durchaus honorable kleine Juwelen, wie etwa „Bang Boom Bang", in dieser Kategorie ab. Dass nun aus unserem kleinen Nachbarland Holland nach den inzwischen betagten Flodders ein weiterer Genremeilenstein auf den europäischen Filmmarkt geworfen wurde, stand nicht eben zu erwarten, obwohl „New Kids Turbo" die Kinoadaption einer holländischen Serie ist. Teil Zwei ist übrigens bereits in Arbeit.

Richard, Robbie, Rikkert, Barrie und Gerrie sind eine Clique fauler, asozialer und selbstverschuldet arbeitsloser junger Männer, die weder willens noch im Stande sind, Rücksicht gegenüber anderen Mitmenschen an den Tag zu legen oder gar Verantwortung zu übernehmen. Dass sie aus ihrer beinahe anarchischen Attitüde nicht nur keinen Hehl machen, sondern sie - allerdings unreflektiert - kultivieren und pervertieren, führt in der Folge zu viel zerbrochenem Glas, schwer- und schwerstverletzten unschuldigen Mitbürgern, vielen toten Polizisten und einem Feuerwerk an Fäkalhumor. Der geringe Bildungsgrad und niedrige Intellekt der Fünf wird inszenatorisch schamlos ausgereizt und bildet praktisch den Fokus des Films. Als sie sich dann schlussendlich sogar dazu entschließen, gegen den Staat aufzustehen - erneut im Grunde genommen ohne jede eigene Strategie und Systematik - werden sie in ihrem Heimatdorf Maaskantje zu Helden hochstilisiert, die angeblich die Interessen aller armen Holländer und Opfer der Wirtschaftskrise wahrnehmen würden, indem sie sich weigern, weiter Arbeit für oder Abgaben an den Staat zu leisten. Und fertig ist das hauchdünne Plot, das allerdings nur dazu dient, einen obszönen Gag an den nächsten zu ketten.

Taugt der Film nun etwas? Gar für Erwachsene und nicht nur für unsere Heranwachsenden, die sich während der Pause gern über die am Wochenende konsumierten „krassen Filme" profilieren wollen? Das kommt darauf an. Ist man für Fäkalhumor und strohdumme Geschichten im Sinne zünftiger Männerabendunterhaltung empfänglich, dann hat man nun nach Uwe Bolls „Postal" erneut einen Partykracher auf dem Tisch. „New Kids Turbo" geht keine Kompromisse ein: Behinderte, Schwule und Frauen werden als solche karikiert und lächerlich gemacht, im besten Wissen, dass man sich darüber auf mitteleuropäischen Schulhöfen austauscht. Der Gewaltgrad ist für einen für die Jugend konzipierten Streifen dieser Art dazu noch unerwartet hoch. Hier gibt es nicht nur An- und Überfahrene am laufenden Meter, sondern Dutzende in den Bauch und in den Kopf Totgeballerte, deren Abgang durchaus blutig bebildert wird.

„New Kids Turbo" bedient absichtlich die niedersten Instinkte in uns Männern. Nicht dass die Frauen mit ihren oberflächlichen „Sex and the City" und „Deutschland sucht das hunderttausendste Supermodel" im Schnitt irgendwie anspruchsvoller wären, aber hier, und das müssen wir Herren der Schöpfung zugeben, kommt das Kind (oder besser der Jugendliche) in so manchem Mann auf recht undankbare Weise zum Vorschein. Ruhmreich ist das für uns nicht. Übrigens jongliert der Film ein wenig mit der Bandbreite seines potentiellen Zielpublikums. Der Streifen um die fünf Asozialen und ihre Orgie der Vernichtung wirkt sehr europäisch, sowohl vom Setting her als auch von seiner kostengünstigen Machart. Das wird so manchem nicht gefallen. Und auch in seiner politischen Komponente - die überraschender Weise doch vorhanden ist, wenngleich sie erst in den letzten zwanzig Minuten des Films zutage tritt - ist er wenig amerikanisch. Nachdem die ersten zwei Drittel praktisch nichts anderes bieten als eine ununterbrochene Sukzession an Primitiv- und Hauruckhumor, der allenfalls Jugendlichen und (männlichem) Spartenpublikum gefallen dürfte, ändert Regisseur Steffen Haars zum Ende hin ein wenig seine Marschrichtung. Die fünf Chaoten nerven, verletzen und töten nicht mehr wahllos, sondern schaden mehr oder weniger gezielt dem Staat und seinen Dienern. Hier tritt eine zuvor nicht im Plot erkennbare Sozialkritik ans Licht, die sicherlich den ein oder anderen doch dazu bringen wird, Gnade vor Recht mit „New Kids Turbo" ergehen zu lassen und ihn sozusagen als politisches Statement etwas genervt, aber doch wohlwollend durchzuwinken. Der politische Aspekt ändert jedoch, wenn auch nicht in ausufernder Weise, letztendlich den Charakter des Films. Das ist schade, denn eine so platt und primitiv verpackte politische Botschaft entfremdet „New Kids Turbo" manch anderem doch etwas. Die Fans echten Blödsinns müssen sich also mit hier etwas fehlplatzierter Systemkritik impfen lassen, die nur mäßig überzeugend als reiner Spaß verkauft wird.

Der neueste filmische Tiefschlag in die Magengrube des guten Geschmacks wird die Gemüter spalten. Anspruch oder Intellekt wird man hier ebenso vergebens suchen, wie erwachsenes, weibliches Publikum. Mit ein paar Bieren und ein paar Freunden, die aber nicht etepetete sein sollten, lässt sich „New Kids Turbo" ohne weiteres, wenn auch womöglich nur einmal, für einen recht unterhaltsamen Filmabend verwenden. Die große Bambule bleibt aber - je älter man wird - aus.

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