Review

Eine erschöpfte Frau taumelt im strömenden Regen durch die nordenglische Heide. Mit letzter Kraft erreicht sie ein einsames Gehöft, schafft es noch, an der Tür zu klopfen, bevor sie in den Armen des Hausherrn zusammenbricht. Von da an entfaltet sich in zahlreichen Rückblenden die romantische, ein wenig gruselige und zualleroberst tragische Lebensgeschichte dieses armen Geschöpfs mit Namen Jane Eyre.

Langsam, aber nie langweilig erzählt, erfahren wir – die Zuschauer – von einem Schicksal, das schon in Kindertagen vom frühen Tod der Eltern überschattet ist, als Ziehtochter einer wahrlich gemeinen Tante und schließlich in einer von grausamen Erziehern geleiteten Mädchenschule in der Mitte des 19. Jahrhunderts endenden Jugend. Jane, selbst aus einem besseren Hause stammend, werden all die ihr mit der Geburt zustehenden Chancen auf ein gutes Leben genommen – stattdessen wird sie unter Entbehrungen, Schmerzen und Demütigungen zur Gouvernante geformt. Erst mit Abschluss dieser Ausbildung scheint sich das Leben des bescheidenen, aber ebenso intelligenten wie scharfzüngigen Mädchens zum Besseren zu wenden. Ihr erster Arbeitsplatz, Thornton Hall, wird ihr ein ebenso warmes wie wohlwollendes Zuhause bieten. Und dann ist da ja noch der gutaussehende Hausherr Mr. Rochester, der von Anfang an Interesse an der jungen Frau zu zeigen scheint. Endlich scheint Jane Eyre ihr Schicksal überwunden zu haben, doch schon bald soll sich ein Schatten aus vergangenen Zeiten auf ihr Glück legen…

Der zweite Langfilm des studierten Geschichtswissenschaftlers Cary Joji Fukunaga (True Detective, Beasts of No Nation) besticht durch eine großzügige Ausstattung, wahrlich fantastische Bilder und eine Riege der besten Schauspieler, die man sich für eine Literaturverfilmung nur wünschen könnte.

Mia Wasikowska spielt die (im Buch gerade einmal 17-jährige) Jane ganz im Sinne des Romans mit einer Zurückhaltung, die mitnichten aus Schüchternheit, sondern aus Intelligenz und der durch erlebte Grausamkeit geschürten Vorsicht rührt. Ihr Aussehen, die perfekte Mischung aus grauer Maus und interessanter Schönheit, wird auch schon in der literarischen Vorlage beschrieben. Da wundert es nicht, dass der wie immer großartig aufspielende Michael Fassbender als deutlich älterer Gutsherr sie erst unterschätzt, sich aber – kaum dass er hinter die scheinbar biedere Fassade blickt – unsterblich in sie verliebt. Und doch bleibt er immer ein bisschen zu unnahbar, zu bedrohlich, als dass man ihr, der von Beginn an als Sympathieträgerin gezeichneten Jane, das Glück mit diesem Mann wünscht. Unterstützt wird das Ensemble durch das Who's Who der britischen Schauspielriege, sei es Judi Dench als wohlmeinende Haushälterin, Jamie Bell als – gerade in seiner zur Schau gestellten Stärke – schwächelnder Vikar oder Sally Hawkins als arrogante Nebenbuhlerin.

Schon Charlotte Brontës Roman hat neben Elementen des Schauerromans und der romantischen Literatur vor allem eine Geschichte von Emanzipation zu erzählen: Hier geht es um zwei Liebende, denen das Glück erst dann vergönnt ist, wenn sie sich endlich auf Augenhöhe begegnen. Fukunaga verstärkt diesen Aspekt noch mehr durch schlaue Kürzungen – gerade zum Ende hin. Vielleicht ist gerade das der Grund, warum der ruhig und unspektakulär erzählte Film in seinen zwei Stunden nie wirklich langweilig wird. Ein geschicktes Pacing sowie ein gut gesetzter Schnitt halten bei der Stange, während das eigentliche Mysterium durchaus zu enttäuschen weiß. Und doch kann man diesen Film allen Freunden gothischer Schauermärchen empfehlen – auch wenn er gerade dieses Versprechen nicht einlöst.

Stattdessen erwartet den geneigten Filmfreund eine Art Antithese zu den locker-leichtfüßigen Emanzipationsgeschichten einer Jane Austen. Mit einem intelligenten Drehbuch, brillanten Bildern und einem stark aufspielenden Ensemble bietet sich hier eine der wirklich guten Literaturverfilmungen - mit einer starken Botschaft: Eine Beziehung sollte auf Augenhöhe geschehen, auch wenn das bedeutet, dass man dafür selbige verlieren muss.

Details
Ähnliche Filme