Review

Gesamtbesprechung

Wenn RTL 2 zeitweise was gutes zu bieten hatte, dann war das wahrscheinlich diese nette kleine Serie namens "X-Faktor". Eine Sendung, die in jeder Episode fünf Geschichten erzählt, mit dem damals raffinierten Clou, dass der Zuschauer am Ende raten soll, welche von diesen Storys wirklich passiert sind und welche "ein Scherz der Drehbuchautoren war".

Allein der Vorspann verpricht Gänsehaut-Unterhaltung. Jedenfalls auf den ersten Blick. Möglichst gruselige Ausschnitte werden im Vorspann vorgeführt, dazu sagt irgendwann eine dunkle Stimme "X-Faktor - Das Unfassbare". Für einen Jugendlichen ist das natürlich DIE Sendung überhaupt, denn im Prinzip war das ein Horrorfilm, der Vor- oder Nachmittags lief und niemand sagte was dagegen. Damals hat X-Faktor auch noch grandios unterhalten, im Nachhinein entdeckt man aber, wie billig diese Sendung eigentlich war und wie naiv sie den Zuschauer behandelt.

Es läuft meistens so ab: Vorzugsweise Jonathan Frakes kommt auf eine von Nebel heimgesuchten Bühne, begrüßt den Zuschauer lieb und freundlich und plötzlich kommt ein charmanter Blitz ins Bild gesprungen. Dann steht Frakes plötzlich ganz woanders und hat irgendein Objekt vor sich. Meinetwegen ein Bild, was aussieht wie ein Hase. Frakes redet ein wenig um den heißen Brei, meint schließlich "Jeder von uns hat eine andere Seite." und dreht das Bild um. Plötzlich ist auf dem Bild kein Hase, sondern ein Mensch, eine Nase oder ein Akku-Bohrer zu sehen. Der Zuschauer klatscht erfreut in die Hände und die erste Geschichte fängt an. Und diese Geschichten sind meistens nach Schema F sortiert. Zuerst läuft die Kamera ruhig über eine Fläche, dann ertönt eine Männer- oder Frauenstimme, die ein wenig von sich erzählt. Meistens ist dieser erste Monolog hoffnungslos sinnlos, denn die Person in der Geschichte stellt sich nur vor, mit einem Namen, den man nach fünf Minuten eh wieder vergessen hat. Die Episode hat also angefangen und läuft für kurze Zeit ohne Höhepunkte weiter. Dann - so unerwartet wie möglich - wird dramatische Musik gespielt. Irgendwas ist passiert, das wissen wir jetzt. Zum Beispiel sieht die Person aus dem Fenster und bemerkt, dass der Müllmann eigentlich ein Vampir ist, der sich von dem Müll der Nachbarschaft ernährt (Nur ein Beispiel). Der Hauptprotagonist bekommt Panik und versucht, den fiesen Gegner auszumerzen. Meistens endet so eine Story altbekannt mit einem Happy-End, nur selten traut man sich, den Bösen gewinnen zu lassen. Wenn er dann mal gewinnt, heißt das Urteil am Ende "Diese Geschichte ist frei erfunden" und man denkt sich als Zuschauer "Das waren zehn Minuten meines Lebens die ich nie wiederbekomme."

Aber die Geschichten können auch völlig unspektakulär ablaufen. In dem Fall krankt eine Geschichte an seiner erzwungen romantischen Atmosphäre. Zum Beispiel findet ein altes Paar irgendein Objekt ihrer jungen Liebe, was plötzlich in einem Schaufenster zum Verkauf steht. Das ist dann so aufregend wie einmal niesen. Nur ist man beim niesen wesentlich mehr durch den Wind als nach so einer Episode.

Wenn unser Kumpel Jonathan dann am Ende ins Bild kommt, mit der epischen Ansage "Jetzt kommen wir zur Auflösung", dann sitzt man entweder gespannt wie ein Bogen im Sessel oder schaltet den Fernseher aus, weil das doch zu blöd geworden ist. Aber wenn man sich die Zeit für die Auflösung nimmt, ja dann... dann gehts los. Frakes nennt kurz die Episode, dann kommt ein kurzer Ausschnitt der langweiligsten Stelle eben jener Geschichte und schließlich sagt Jonathan entweder "Diese Geschichte ist ein Spaß unserer Autoren" oder "Ja, sie ist wahr. Etwas ähnliches ist 1969 in New Jersey passiert."
Aha? Etwas ähnliches? War der Geist des alten Obsthändlers an der Tür dann doch nur der Postbote? War das ominöse Getränk, was den verzweifelten Mann wieder munter werden ließ doch Kaffee? Das sagt Frakes leider nie, genausowenig darf man auf einen Beweis hoffen, wenn die Geschichte wahr ist. Das kann ja dann eigentlich jeder erzählen, aber Frakes ist halt prominent, der muss doch die Wahrheit erzählen... oder?

Die Qualität der einzelnen Episoden hält sich immer in unteren Durchschnitt. Meistens wirkt die Optik der Serie wie ein billiger Fernsehfilm. Die Schauspieler sind meist völlig unbekannt und teilweise auch untalentiert, und die Dialoge sind auch so aufregend wie die Produktbeschreibung an der Rückseite der Capri-Sonne.

Aber jedenfalls war das damals alles hoher Standart in der Fernsehlandschaft (Gerade auf so einen Knallersender wie RTL 2) und die Serie unterhielt auf ansprechenden Niveau. Frakes Spielerein am Anfang der Episoden sind und waren zwar schon immer alt und bekannt, aber irgendwie doch fazinierend. Und manchmal erwischt man sich eben doch, wenn die Geschichte letzendlich wahr gewesen ist und man selbst triumphierend herausbrüllt "Ich hab's gewusst!"

Fazit

Billig und klischeehaft, und doch unterhaltsam und irgendwie nostalgisch. X-Faktor war für viele Kinder und Jugendliche die erste Berührung mit dem Genre der Mystery oder des Horrors und die Geschichten waren teilweise so "gruselig", dann man die ganze Nacht drüber nachgedacht hat. Heute wirkt die Serie wie abgestandendes Bier, aber damals war das erste Sahne.

6/10

Details
Ähnliche Filme