Woody Allen huldigt in „Schatten und Nebel“ dem deutschen Expressionismus. Diese Epoche gehört zu den wichtigsten und einflussreichsten überhaupt in der internationalen Filmgeschichte. Wer mit den Werken von Fritz Lang, F.W. Murnau oder auch den Büchern von Franz Kafka vertraut ist wird bereits in den Anfangsminuten die optischen Qualitäten des Films zu schätzen wissen. Die monochromen Bilder erzeugen eine fremdartige und zeitlose Atmosphäre, die es nahezu unmöglich macht das Herstellungsjahr zu erkennen. Wunderbar altmodisch und sehr feinsinnig zeichnet Allen die Ästhetik jener Klassiker nach und hält sich akribisch an die historischen Vorgaben, was besonders am detailverliebten und dennoch sehr schlichten Setdesign auszumachen ist.
Vor allem die kafkaeske Grundsituation ist typisch für den Regisseur, mehr noch für seine zahlreichen Theaterstücke. Kleinman wird aus dem Bett geholt von einer Horde aufgebrachter Bürger und soll sich an einer organisierten Bürgerwehr beteiligen. Diese ominöse Gruppe sucht nach dem Würger (welcher aber nicht unbedingt immer würgt), einem gefürchteten Gewaltverbrecher. Während seiner nächtlichen Odyssee lernt Kleinman zwar einige mysteriöse Gestalten kennen, wie zum Beispiel die Schwertschluckerin Irmy (Mia Farrow), weiß aber die ganze Zeit über nicht so recht was seine Aufgabe in der ganzen Chose ist. Während er versucht dies raus zu finden verhält er sich des Öfteren wie Josef K., der Hauptprotagonist aus Kafkas „Der Prozess“, ringend nach einer Erklärung für das Ganze. Der Mörder erinnert natürlich sehr stark an den legendären Kindermörder aus „M – Eine Stadt sucht ihren Mörder“.
John Malkovichs Figur und die anderen weltfremden Artisten sind ebenso klar kafkaesk gezeichnet wie die pflichtbewusste, aber innerlich verunsicherte und verängstigte Hauptfigur Kleinman. Diese wird perfekt verkörpert von Woody Allen selbst, der mit seinem facettenreichen Spiel durch und durch überzeugen kann. Schauspielerische Glanzpunkte gibt es aber zuhauf, seien es Kathy Bates und Jodie Foster als selbstbewusste Huren oder auch Michael Kirby als schrulliger Killer. Auch Madonna kann in ihrer kleinen Rolle durchaus überzeugen und in noch kleineren Rollen sind sogar John Cusack und William H. Macy zu sehen. Dieses überaus prominente und erfahrene Ensemble harmoniert großartig miteinander und bildet die Basis für die Qualität des Films.
Die preisgekrönte Kameraarbeit von Carlo di Palma („Blow Up“) kommt auch „Schatten und Nebel“ sehr zugute, der komplett im Studio realisierte Film wirkt ungeheuer präzise und penibel fotografiert, ganz so wie es sich für einen Woody Allen-Film gehört. Nicht umsonst arbeiteten die beiden vorher und nachher oft zusammen – die beiden Altmeister harmonieren prächtig miteinander. Der exzellente Schnitt von Susan Morse („Manhattan“ und viele weitere Allen-Werke) ist perfekt getimt und unterstützt die gelungenen Bildkompositionen genauso wie der adäquate Score der weitgehend aus zeitgenössischen Kompositionen besteht. Technisch ist ein herausragendes Gesamtwerk gelungen welches mit irritierend kontrastreicher Beleuchtung und für den Expressionismus typischen Silhouettenspielen begeistern kann.
Leider ist die clever durchdachte Story nicht ganz so unterhaltsam wie sie klingt und hat gerade im Mittelteil einige Durststrecken für den Zuschauer parat. Wer sich an einer gewissen Handlungsarmut nicht stört und sich mit poetisch angehauchten Dialogen zufrieden gibt, dem wird aber auch dieser Aspekt nichts ausmachen. Wen wundert es schon, dass auch dieser Film vom alten Woody nicht wirklich massenkompatibel ausgefallen ist? Mich jedenfalls nicht. Die Ecken und Kante in der Dramaturgie und die eingestreuten philosophischen Betrachtungen gefallen mir persönlich sehr gut und sind hier auch niemals aufgesetzt oder im Übermaß vorhanden. Auf Slapstick und sonstigen physischen Humor verzichtet Allen fast vollständig, zugunsten einer gediegenen und stilvollen Inszenierung. Nach knapp achtzig Minuten ist der Film um, die Handlung umfasst nur die eine Nacht doch das Leben der meisten Charaktere hat sich bedeutend verändert.
Fazit: Ein weiterer empfehlenswerter Woody Allen-Film, der in Deutschland und auch international kaum bekannt ist. Wie viele andere Werke des exzentrischen New Yorkers hat auch „Schatten und Nebel“ diese Missachtung nicht verdient, zumal die Besetzung mehr als Mainstream-tauglich ist.
7,5 / 10