"HEY MY LADY IN BLACK HAVEN'T SEEN YOU FOR A WHILE KINDA MISS YOUR DEADLY SMILE"
David ist völlig fertig und am Ende der Fahnenstange angekommen. Ein mittelloser Stricher um die Dreißig, der sich weder gegen die jüngere immer dreister werdende Konkurrenz etablieren kann, noch bei der ihm ehemals wohlgesonnenen Türky Mafia ein Bein auf die Erde bekommt. Deren Obermacker verschenkt unseren Helden an eine reiche aber völlig durchgeknallte Koksnase, welche David zum persönlichen Vergnügen in ein Nobelhotel mitnimmt. Bei der nun folgenden Party ereignet sich leider ein recht unglücklicher Verkehrsunfall, welcher David endgültig in die Bredouille katapultiert. Nach einem letzten vergeblichen Gnadenbesuch bei seiner Ex landet der Looser in der Gosse. Rein zufällig (?) taucht der sympathische Homosexuelle Rainer auf und läd den Gepeinigten in eine Bar und später zu sich auf's Land ein. David fühlt sich jetzt pudelwohl, er glaubt sich in Sicherheit, hat in Rainer einen väterlichen Beschützer und potenten Liebhaber gewonnen, die Umgebung ist traumhaft, der Sommer ein Genuß und doch, wer oder was sind diese zwei wunderschönen Waldelfen, welche (optisch wie aus einem Biker Club entsprungen) tagsüber im nahe des Hauses gelegenen Bächlein planschen, oder sich unter blätterreichen Zweigen vergnügen, doch des Abends immer wieder vom Herrn des idyllischen Anwesens in den Keller gesperrt werden?
Hier ist er, der neueste Streich der Berliner Wachowski Brothers. Ein weiterer ambitionierter Independent Film, welcher es wirklich wert ist gepusht zu werden. Also mach ich hier mal den Pusher! Anders als den größten Teil des mir leider völlig unsympathischen respektlosen, ja ahnungslosen Premiere Puplikums, ging mir während der Vorstellung ein Licht auf. Ich fühlte mich liebevoll erinnert an die frühen Achtziger, als es nur so von Programm und Off Lichtspielhäusern in meiner Heimatstadt wimmelte. Neben äußerst sorgfältig und sinnvoll zusammengestellten Nachtdoppelvorstellungen (die sahen beispielsweise ungefähr so aus: DJANGO/KEOMA oder WIZARDS/HEAVY METALL) gab es auch waschechte Underground Hits, welche "ungelogen" Monate lang diverse Flohkisten ausverkauften und diese zu regelrechten Goldgruben werden ließen. DIE BETTWURST, DAS ENDE DES REGENBOGENS, PASO DOUBLE oder der genialische Schuß aus der Hüfte des leider viel zu füh abgenippelten Frank Ripploh, TAXI ZUM KLO, müssen in diesen Zusammenhang unbedingt Erwähnung finden. Freche, fantasievolle, manchmal etwas drastische Außenseiterproduktionen, die alle eines gemeinsam hatten: Filmemacher mit Mut, die nicht den geringsten Bock verspürten dem Mainstream verseuchten Puplikum in den Anus zu kriechen. Erfolgreich hielten diese Helden der Moderne stand und begeisterten mit ihren erfrischenden Zutaten ein immer größer und interessierter werdendes Insider Puplikum. Es herrschte eine friedliche Koexistenz mit den typischen Ku Damm Kinogänger. Man kam sich nicht in die Quere und jeder konnte fröhlich seines subjektiven (oder subversiven) Geschmackes fröhnen. Warum ich dies so deutlich schildere? Die Reaktion des eingeladenen (keiner mußte was bezahlen) zuschauenden Geschmeißes! Ignoranz, cineastische Unnkenntnis, Beschränktheit oder Borniertheit sind noch die zärtlichsten Beleidigungen die mir einfallen. Was habt ihr eigentlich von einem selbstproduzierten Exploitation Film erwartet? Hollywood??? Bleibt nächsten Herbst bitte gleich daheim, oder schaut euch im nahegelegenen Multiplex den neuesten US Hit an, aber belästigt um Satans willen niemals wieder Filmgourmets wie meinen Anhang und mich mit eurer Anwesenheit.
Zurück zum Werke der Herren Guder/Meier. SOMMERMÄRCHEN ist eine Reminiszenz an ALLES, was die Filmemacher seit ihrer Infektion mit dem höchst ansteckenden (bis heute existiert kein wirksamer Impfstoff) Kino Virus in lustvollen Jahrzehnten liebgewonnen haben. Anfangs fühlte ich mich an die frühen JOE DALLESANDRO Movies, Roland Klick, Uli Edel, Uwe Friesner oder Lothar Lambert erinnert. Wähnt man sich bis zur Mitte des Streifens noch in einem Stricherdrama, wird es in der ländlichen Umgebung echt spooky und ziemlich sexy! Was ich damit meine, sollte der geneigte Filmfreund selber heraus finden. Nur soviel: Jede sexuelle Orientierung wird von Guder/Meier bedient. Die Story möchte ich nicht spoilern, sehr wohl aber noch die Darsteller und Regisseure etwas abfeiern. Die beiden männlichen Hauptdarsteller agieren souverän. Während David locker in WIR KINDER VOM BAHNHOF ZOO reingepasst und überzeugt hätte, muß man vor Nachwuchsschauspieler Wilhelm nur erstaunt applaudieren. Witzig und spannend, wie er den kauzigen Mann mit finsteren Geheimnis interpretiert und die Liebesszenen sind sehr mutig gespielt. Respekt! Zu den Waldelfen, ich zitiere bei deren Anblick nur Telly Savallas: Entzückend!!! Die Nebenrollen sind mit absoluten Laien besetzt, was den starken Unterhaltungswert des Films nichts anhaben kann. Der Monolog des türkischen Babyface Zuhälters/Drogenbarons(?!) ist einfach nur kultiger Hochgenuß. Der koksende Berserker plus seine Nutte agieren absolut überzeugend und glaubhaft. Location und Inzenierungsstil/handwerkliches Können erheben sich im Bereich "germanischer Independent Film" über den Durchschnitt und lassen kürzlich abgefeierten Schmutz wie Snowblind oder Dead Past erschreckend erbärmlich daherkommen. Jungs, ich hoffe es wird endlich mal ein anständiger Vertrieb auf euch aufmerksam und ihr erhaltet dann die Aufmerksamkeit die ihr mit euren leicht durchgeknallten liebenswerten Eigenproduktionen einfach verdient habt.
Fazit:
Natürlich ist SOMMERMÄRCHEN nicht perfekt. Die Jungs sind "noch" nicht die meisterlichen Story Erzähler und das Ereignis hat kleinere Längen/Schwächen/Mängel. Na und? Habe mich köstlich unterhalten und gebe sieben Points. Objektiv dürften's nur dicke sechs sein, aber der Sukkubus mit dem schwarzen Schopfe verzückte mich so sehr, dass ich sehr wohl nen Zusatzpunkt geben MUSS!!!