Eines der populärsten Beispiele für misshandelnde Familienväter dürfte wohl der Roman und die dazugehörige Verfilmung „Nicht ohne meine Tochter“ sein, bei dem primär das Aufeinanderprallen zweier völlig konträrer Kulturen eine Rolle spielt. Alltäglicher, auch im wahren Leben, dürften jedoch jene Fälle sein, in denen es im Laufe der Ehe zu zunehmenden Aggressionen und damit einhergehender Gewalt kommt und den Frauen mit ihren Kindern nur noch die Flucht ins Frauenhaus bleibt. Etwas hollywoodesker und entsprechend hanebüchener verläuft hingegen diese Geschichte.
Soeben hat Jocelyn (Alexandra Breckenridge) den Rechtsstreit vor Gericht verloren, wonach ihr Ex Dennis (Billy Burke) seine beiden Kinder einmal wöchentlich sehen darf. Doch es kommt erneut zu einem Gewaltausbruch, Jocelyn tritt mit ihren Kids die Flucht an und kommt bei einer helfenden Untergrundorganisation unter, deren Fluchthelfer Jim (Ray Liotta) ihren persönlichen Schutz übernimmt. Doch schon bald sind ihnen das FBI und Dennis angeheuerter Detektiv auf der Spur…
Regisseur Doug Lodato unterstreicht mit seinem erst zweiten Spielfilm (nach zwanzigjähriger Pause), dass es ihm ein wenig an inszenatorischen Fingerspitzengefühl mangelt, denn zuweilen sind beim Editing derbe Patzer auszumachen, während er andernorts nicht konsequent genug vorgeht, um das ernste Thema ohne ständigen Weichspüler zu behandeln.
Zwar gelingt die Einführung der Figuren recht gut, doch Fiesling Dennis erhält für seine aggressiven Ausbrüche kaum einen Hintergrund, wobei man nicht mitbekommt, in welcher Form er seinen Sohn überhaupt misshandelt.
Hinzu kommen die manchmal etwas holprig ins Spiel geworfenen Fluchtstationen, welche zuweilen etwas überkonstruierte Situationen entstehen lassen, wie der Wettlauf gegen eintreffende Cops oder eine zeitgleiche Ankunft beim Zwischenstopp an einer Tankstelle.
Auf der anderen Seite können die Figuren Sympathien erwecken, schon allein auf moralischer Ebene, aber auch durch ihren glaubhaften Umgang miteinander. Vor allem das Zusammenspiel zwischen Jocelyn und ihrem Fluchthelfer Jim fördert ein paar charmante Momente zutage, Emotionen zwischen Mitgefühl, zaghaftem Vertrauen und kleinen Humoreinschüben, die zu keiner Zeit ins Kitschige abdriften. Auch Jims gekonnter Umgang mit Sohn DJ und Tochter Mary Sue wird glaubhaft und sympathisch transportiert, nur die Aktionen von Ex Dennis wirken insgesamt zu klischeebehaftet, auch wenn ihnen zuweilen ein zynischer Unterton mitschwingt.
Was der Atmosphäre zugute kommt, ist die Winterlandschaft der verschiedenen Stationen, was die Isolation von Jocelyns Lage angemessen unterstreicht. Ob in einem abgelegenen Farmhaus, einer Scheune abseits eines Bauernhofes oder einfach nur auf der Straße, - die Kamera arbeitet stets routiniert, der Score liefert ordentliches Material ab, während ruhige Passagen und Temposzenen eine ausgeglichene Melange liefern.
Nur kommt bei alledem zu selten Spannung auf, zumal der Twist früh erahnbar ist und weitere Überraschungen Fehlanzeige sind. Das unterstreicht auch der etwas fade Showdown, bei dem zwar ein wenig Action aufkommt, das wahre Mitfiebern jedoch ausbleibt.
So kann man den Streifen letztlich als fast schon massentaugliche TV-Routine betrachten, deren Prämisse zwar Hochspannung verspricht, am Ende jedoch nur für einige spannende Einlagen taugt. Darstellerisch wird ein recht ordentliches Niveau geboten, wodurch die Figuren funktionieren und ein Mitfiebern zumindest phasenweise gegeben ist.
Die Geschichte offenbart jedoch keine sonderlichen Überraschungen, noch geht sie übermäßig in die Tiefe, lediglich das Zusammenspiel der Sympathieträger bildet ein paar emotionale Spitzen.
Am Ende unterhält „Ticket Out“ als eine Mischung aus Drama und Thriller ganz solide, doch etwas mehr Einfallsreichtum hätte der Erzählung gut getan, um eindeutig aus der Masse ähnlicher Produktionen hervorzustechen, was schlussendlich keiner wirklichen Empfehlung entspricht.
Knapp
6 von 10