Review

Der Western ist eine jedenfalls in Deutschland äußerst untrendige Angelegenheit. Weder kann sich hier die heutzutage für den cineastischen Erfolg so gern anvisierte Jugend ihrem Hormonstau ein Ventil schrauben noch Alternativkino verliebte Weltverbesserer irgendwelchen Nährboden für ihr neurotisches Austoben auf dem Feld der Gesellschaftskritik finden. Meist wird in diesen Kreisen der vor allem in den Vierzigern und Fünfzigern weltweit so beliebte, heute angeblich verstaubte Westernfilm jovial belächelt und höchstens heimlich genossen. Wären also nicht die vielen langweiligen Spießbürger, die mit Winnetou und den "Western von Gestern" oder, etwas stilvoller, mit John Wayne, Gary Cooper, Gregory Peck, James Stewart und dann schlußendlich mit deren US-italienischen Pseudoepigonen um Clint Eastwood und Charles Bronson aufgewachsen sind - es gäbe keinen Western mehr! Denn der hat im neuen Jahrtausend in den Lichtspielhäusern nämlich wahrlich keinen leichten Stand. Zu abgegrast sind inzwischen die Weiden der westlichen Great Plains und der sich nach Westen hin auftürmenden Rocky Mountains, "zu altbacken" und apokryph wirkt das im Westernfilm überwiegend vermittelte Bild vom Neunzehnten Jahrhundert, "zu konservativ" oft die transportierten Werte und "zu stereotyp" die Protagonisten. Dort gibt es keinen HipHop, keine schnellen Autos, aber auch keine Vegetarier oder Kriegsdienstverweigerer, dafür Testosteron geschwängerte, bleihaltige Auseinandersetzungen "echter Männer", meist verabschiedet von durch staubige Straßen wabernden Schwarzpulverschwaden. Wie unzeitgemäß!

Warum aber räumen die beiden Coen Brüder dann derzeit mit einem Western an den Kinokassen ab? Wenigstens in den USA wird dieser Tage die Behauptung widerlegt, der Western sei tot. Und dabei ließen die letzten Lichtblicke im Genre pekuniär nicht gerade aufhorchen. James Mangolds starbesetzter "Todeszug nach Yuma" (Ein Remake des 1957er Originals mit Glenn Ford) ließ vor drei Jahren nicht eben ohrenbetäubend die Kinokassen klingeln - und das obwohl er ansich ein ambitionierter, vortrefflich ins Werk gesetzter Genrebeitrag geworden ist. Aber die Coens ziehen eben. Für ihre skurrile und durchaus innovative Art, ihre Ideen und Drehbücher auf Zelluloid zu bannen, wurden sie sich nicht erst seit ihrem Oscar überhäuften Neo-Western "No Country for Old Men" mit großem Lob überschüttet. Dass auch ihr neuester Rekurs auf das amerikanischste aller Filmgenres von Erfolg gekrönt sein würde, überraschte so auch nicht wirklich.

Doch worum geht es eigentlich? Die westlichen USA im letzten Drittel des Neunzehnten Jahrhunderts: US-Marshal Rooster Cogburn (Jeff Bridges) wird von der kleinen Mattie Ross (Hailee Steinfeld) angeheuert, sich ins nahegelegene Indianerreservat zu begeben, um den Mörder ihres Vaters, Tom Chaney (Josh Brolin), zu jagen und dem Henker zuzuführen. Mit von der Partie ist ein maßlos von sich selbst und seinem Berufsstand überzeugter Texas-Ranger (Matt Damon), der, fernab seiner heimatlichen Gefilde, für den Mord an einem texanischen Senator ebenfalls Chaney nachstellt. Die 14jährige, äußerst beredte Mattie muss sich nun gegen zwei ausgewachsene Brummbären durchsetzen, die nicht eben erbaut von der Forderung der Kleinen sind, sie auf den gefährlichen Trip mitzunehmen.

Was die Spezialisten für die Sechziger und Siebziger Jahre unter den Filmfreunden im Vorfeld der Veröffentlichung des Films nun brennend interessierte, war die Frage, inwieweit sich die Coens an die erste Verfilmung des Charles Portis Romans "True Grit" (Ja, es handelt sich nicht um ein Remake!) annähern würden. "John Wayne zu ersetzen war leicht" meinten zuletzt die beiden Brüder doch etwas aufgesetzt und auffallend nachdrücklich. Jeff Bridges sei hier ja geradezu prädestiniert. Außerdem ginge es diesmal sowieso viel mehr um die 14jährige Mattie und ihre eloquente Durchsetzungsfähigkeit, eben um ein neunmalkluges Mädchen, das den beiden schrullig-exzentrischen Männern ordentlich Paroli bietet. Wer's glaubt! 14jährige frühreife Mädchen, die lebenserfahrene Männer vorführen, lassen womöglich das Herz eines Feuilletonisten höher schlagen, hieven aber schwerlich den eingefleischten Westernfan aus seinem heimischen Fernsehsessel. Nein, es geht wie schon bei der 1969er John Wayne Verfilmung "Der Marshal" viel mehr um den alten Haudegen Rooster Cogburn, der zwar dauerbesoffen, doch unüberwindlich auch der größten Übermacht und der ausweglosesten Situation stoisch trotzt und sich damit den Respekt und die Zuneigung des kleinen Mädchens gewinnt.

Marshal Cogburn wirkt diesmal - den Coens sei Dank - wahrlich wie ein Zeitgenosse der "Kriege" gegen die eingeborenen Uramerikaner. Indianerkinder werden von ihm aus Spaß durch die Gegend geschubst, ohne dass der Film dazu irgendeinen Zweck, eine ethisch-moralische Zielsetzung oder einen Kommentar mitliefert, außer dem, dass wir uns eben im Neunzehnten Jahrhundert befinden. So skurril oder unverständlich das manchem heutigen Zeitgenossen (oder Rezensenten) auch anmuten mag, der sich natürlich sofort anschickt, in dem eben Gesehenen einen Sinn zu konstruieren, so deutlich führt es dem modernen Betrachter die Andersartigkeit und mangelnde Aufklärung der damaligen Gesellschaft vor Augen. Hier nach einem tieferen Sinn zu suchen schlägt ebenso fehl wie im neuesten Streich der Coens irgendwelche Gesellschaftskritik auszumachen oder gar einen Schwanengesang auf den althergebrachten Western zu erspähen. Das Gegenteil ist der Fall! Die Coens liefern einen waschechten Western für Westernfans ab, der nur aufgrund seiner authentischen Ausstattung und modernen Regie neu wirkt. Die beiden Brüder kredenzen letztendlich eine liebevolle, ehrlich gemeinte Hommage an ein längst unter ferner liefen vor sich hindümpelndes Genre, das ja einst Straßenfeger war. Ihren sonst so gekonnt verarbeiteten Hang zum Sonderbaren, leicht Abgedrehten halten die beiden übrigens diesmal im Zaum. Zwar werden hier ein wenig lakonisch Leichen malträtiert und da ein wenig sinnlos Bärenköpfe als Wetterschutz missbraucht, doch verstößt man absichtlich nicht - wie etwa 1995 Jim Jarmusch mit dem "Dead Man" Johnny Depp - gegen Genrekonventionen. Expressionismus würde dem Wesen ihres Werks diesmal widersprechen.

Der 2010er "True Grit" hält sich, was das Plot und das Setting angeht, ein wenig mehr an die Romanvorlage als der "Der Marshal" (Im Englischen damals schon "True Grit") mit John Wayne von 1969. Und welche ist nun die bessere Verfilmung? Darauf muss jeder selbst seine Antwort finden. Für mich und viele andere kann ein Jeff Bridges - so amüsant und schauspielerisch exzellent er auch brilliert - einfach keinen John Wayne mit seiner wesentlich authentischeren Art ersetzen, so ähnlich die beiden rein äußerlich auch bei ungenauerem Hinsehen wirken mögen. Der "Duke" schlägt den "Dude". Sicherlich werden das viele anders sehen und das ist gut so. Es ist nämlich reine Geschmacksache. Waynes dauerbesoffener Cogburn ist auf jeden Fall der Sympathischere. Der würde nämlich keine Indianerkinder triezen. Aufrechte Kerle sind sie, trotz ihrer Schrullen, aber beide. Allerdings muss Matt Damon und natürlich der kleinen Hailee Steinfeld ein besonderes Lob ausgesprochen werden. Beide machen ihre Sache um Längen besser als ihre Vorgänger vor vierzig Jahren. Die hier zwar bisweilen nervige kleine Mattie wurde damals von der nicht nur im Film wesentlich nervigeren, sondern auch im wahren Leben ungemein anstrengenden Kim Darby dargestellt, die sich am Set als Einzige Starallüren zugestand. Altmeister Henry Hathaway und Publikumsliebling John Wayne nahmen es nicht immer nur mit Humor. Auch Musiker Glen Campbell, der den Texas-Ranger gab, blieb so blass, dass es auch nicht weiter störte, dass er das 69er Plot nicht überlebte. Einzig Robert Duvall war ein kleiner Lichtblick. Aber das war und ist er sowieso meistens. Übrigens entspricht die Kulisse des Coen Films wesentlich eher dem Buch als die von Hathaway - zum großen Nachteil des Schauwerts der neueren Verfilmung. Fing Hathaway 1969 noch ein atemberaubend farbenprächtiges Colorado ein, kleben die Coens zu sehr an der Vorlage und setzen ihre Protagonisten in ein fahles, Raureif überzogenes Grau. Schade, denn das hätte überhaupt nicht sein müssen. Auch der Score, so gut und passend er auch ist, erreicht nicht die Qualität der damaligen Filmmusik Elmer Bernsteins. Die unterschiedlich verteilten Vor- und Nachteile der beiden Interpretationen ließen sich hier fortführen.

Die Coens liefern hier jedenfalls wieder einen gelungenen Film ab, der einmal mehr zeigt, wozu die beiden beruflich fähig sind. Ob diesmal allerdings wieder Oscars herausspringen, so wie damals bei John Wayne, der für den "Marshal" völlig verdient den (übrigens einzigen) Oscar (seiner langen Karriere) abstaubte, darf bezweifelt werden, ist aber keinesfalls ausgeschlossen. Doch das ist auch gar nicht nötig. "True Grit" erinnert uns irgendwie wohlig daran, wie schön es damals in der Kindheit mit den Western war - und wie schön es auch heute noch sein kann. Darf man auch ruhig zugeben!

Details
Ähnliche Filme