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"Für ein anständiges Begräbnis hätten sie sich im Sommer töten lassen müssen."

Der kaltblütige Mord an dem Vater von Mattie Ross (Hailee Steinfeld) bleibt ungesühnt. Daher beschließt die 14-jährige den Mörder Tom Chaney (Josh Brolin) mit eigenen Mitteln seiner gerechten Strafe zuzuführen. Für 100 Dollar Kopfgeld engagiert sie den trunksüchtigen U.S. Marshal Rooster Cogburn (Jeff Bridges), der es trotz seines Ranges mit dem Gesetz nicht so genau nimmt. Mattie überredet ihn außerdem sie mit auf die Jagd zu nehmen. Hinzu stößt Texas Ranger LaBoeuf (Matt Damon), der es auf das Kopfgeld des flüchtigen Chaney abgesehen hat. Während des Ritts durch die Prärie kommt es zwischen den Dreien jedoch immer wieder zu Diskussionen, da Cogburn und LaBoeuf vorrangig am schnell verdienten Geld interessiert sind, Mattie den Mörder ihres Vaters aber hängen sehen will.

Western. Während sie früher in Hollywood am Fließband produziert wurden, sind sie heute eine aussterbende Spezies, abgelöst durch das Mainstream- und Blockbuster-Kino. Als Teil der Filmgeschichte, als wichtige populäre Stütze der amerikanischen Selbstvergewisserung, als spannende Stories von harten Männern auf Pferden in offenen Landschaften sind Western im Allgemeinen nur noch Nostalgikern von Interesse.
Mit "True Grit" nehmen sich die Coen-Brüder ("No Country for Old Men") genau diesem Kassengift an. Die Geschichte basiert auf dem gleichnamigen Roman des amerikanischen Autors Charles Portis und wurde bereits in den Sechzigern mit John Wayne verfilmt. In klassischster Räuber und Gendarm Manier erzählt der Film eine lineare Jagd nach einem Mörder durch zwei Gesetzeshüter und einem weiteren, ungewöhnlichen Hauptcharakter. Für Cowboys und Indianer ist in dem neuzeitlichen Western kein Platz.

"True Grit" lässt sich Zeit. Ungeduldige Geister dürften in der ersten Filmhälfte zunehmend unruhig auf ihren Sesseln hin und her rutschen, denn zunächst stellt der Western seine Hauptcharaktere ausführlich vor. Gerade diese erfahren eine starke Zeichnung, vielschichtig und klar, kernig, mit großem eigenen Willen.
Ungewohnt an der Geschichte ist wohl vor allem, dass ein kleines Mädchen die stärkste Präsenz in dieser von starken, kaltherzigen und groben Männern regierten Welt hat. Aber die durchweg pfiffige, etwas vorlaute Mattie weiß sich verbal zu wehren und die starken Männer in die Schranken zu verweisen. Eine gute und vor allem erfrischende Wahl jedoch, denn der Marshall sowie der Texas Ranger erweisen sich als klischeehafte Gesetzeshüter. In ihrem Benehmen ungeschickt, ungehobelt und rau, so wie man sie auch erwartet. Ebenso auch die Gegenseite in Form von farblosen, sterotypen Gesetzlosen, denen eine  bessere Ausarbeitung gut getan hätte.

Wider erwarten ist diese erste Hälfte nicht langatmig. Die Dialoge sind hervorragend ausgearbeitet und individuell an die Charaktere angepasst. Die freche Art mit der Mattie andere völligst überrumpelt, der grimmige Witz, seltsame Figuren sowie der stets raue Umgang miteinander macht selbst das belanglose Geschehen interessant zu verfolgen.
Kontrovers dazu stehen die nur wenigen, nicht gerade zimperlichen Schießereien. In der zweiten Hälfte zeigt "True Grit" immer wieder schonungslos das Leben und Sterben im wilden Westen und scheut noch nicht einmal dicke Einschusslöcher. Einen realistischen Eindruck hinterlässt die konsequente Art und weise, wie die Coen-Brüder hier inszenieren.

Die Kulissen wirken aufwendig und tragen einen hohen Teil zur gelungenen Atmosphäre des Films bei. Ebenso die dezente musikalische Untermalung. Ein wenig mehr hätte es dafür im Bereich der Landschaftsbilder sein dürfen, die zwar vom Kamerateam gekonnt eingefangen werden, jedoch eher selten wahrgenommen werden.

Keine Kritik lassen dafür die Schauspieler zu. Jeff Bridges ("Tron"-Reihe) massige, ungepflegte Statur erzeugt eine passende, raubeinige Illusion eines Gesetzeshüters, der eher einem guten Tropfen etwas abhaben kann, anstatt sich mit kriminalistischer Spurensuche zu befassen. Josh Brolin ("Jonah Hex", "Planet Terror") und Matt Damon ("Good Will Hunting", "Bourne"-Reihe) haben wenig Spielraum in ihren sperrigen Rollen, sind optisch aber ansprechend gestylt. Eine Überraschung ist die jüngste des Cast. Hailee Steinfeld präsentiert in beinahe jeder Szene phänomenal ein pfiffiges, junges Mädchen und verweist mit ihrer ersten großen Hollywood-Rolle sämtliche Größen in ihre Schranken.

"True Grit" ist absolut klassisches Kino mit beständigem Figurenaufbau, linearer Handlung und gemächlich steigender Spannungskurve. Der Western enthält klischeehafte Charaktere wie man sie erwartet, aber auch erfrischende Ideen in diesem Bereich. Die Besetzung ist hervorragend und sehr spielfreudig, soweit es die Handlung zulässt. Atmosphäre in Form einer glaubhaften Präsentation steht vor der Action, die nur sehr kurz, dafür aber auch umso kompromissloser ausfällt. Insbesonders Dialoge und das Zusammenspiel der Charaktere sorgen dafür, dass die Unterhaltsamkeit des Films kaum einbricht. Knappe...

9 / 10

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