Ende der 90er Jahre des 19.Jahrhunderts führt der Schüler Francois Seurel in dem Provinzstädtchen Sainte-Agathe als Sohn des örtlichen Lehrers ein beschauliches, ereignisloses Leben - bis eines Tages der 17jährige Augustin Meaulnes von seiner Mutter als Gastschüler in den Ort gebracht wird und Unterkunft im Familienhaushalt der Seurels findet. Schnell hat sich Augustin den Beinamen „Le Grand Meaulnes“ eingehandelt und sich zum Anführer der Schülerschaft aufgeschwungen, zudem eine enge Freundschaft mit dem eher zurückgezogenen Francois geknüpft, der aufgrund einer Gehbehinderung sein bisher Leben vorwiegend abenteuerlos verbrachte. Meaulnes indes zieht die Abenteuer an wie das Licht die Motten. Eigenmächtig macht er sich auf, Francois Großeltern, die zu Besuch nach Sainte-Agathe kommen wollen, vom Bahnhof der nächsten Stadt abzuholen, bleibt dann aber mehrere Tage verschwunden. Francois merkt schnell, dass sein Freund nach seiner Rückkehr irgendein Geheimnis mit sich herumträgt. Nachts beugt er sich über Karten der örtlichen Gegend, verliert jedoch kein Wort darüber, was er in den Tagen seiner Abwesenheit erlebte, ergeht sich in Andeutungen und versteckten Hinweisen. Eines Nachts weiht Augustin ihn allerdings doch in sein Geheimnis ein. Nachdem er mit dem Wagen, den er sich unter einem falschen Vorwand von einem der Dorfbewohner lieh, vom Weg abkam und ihm auch noch das Pferd durchging, verirrte Augustin sich vollends in der schwermütigen Landschaft außerhalb Sainte-Agathes. Reiner Zufall brachte ihn zu einem Fest, das auf einem prachtvollen Anwesen abgehalten wurde, besucht fast nur von Greisen und Kindern, eine Hochzeit, die zwischen dem Sohn der Familie und seiner jungen Braut von außerhalb geknüpft werden sollte, die sich indes noch nicht haben sehen lassen, weshalb die Festgesellschaft schon ohne sie mit dem Feiern begann. Es tummeln sich Pierrots, Zauberkünstler, adrett gekleidete Kinder und betrunkene Alte auf der Festlichkeit. Ein geschmückter Saal reiht sich an den nächsten, ausgestopft mit bunten Lichtern und Festbanketten. In opulent verzierten Barken fährt man auf den nahen See hinaus oder lustwandelt im Wald, der das Anwesen umgibt. Augustin verlor sich völlig in diesem Rausch für alle Sinne, und erreichte seinen persönlichen Höhepunkt bei der Begegnung mit einem jungen Mädchen namens Yvonne de Galais, der Schwester des bisher fehlenden Bräutigams, in die er sich sofort Hals über Kopf verliebte. Leider nahm das Fest ein bitteres Ende. Augustin traf Frantz de Galais ohne seine Braut, von der er nur sagte, dass sie ihm davongelaufen sei. Anschließend flüchtete der verwirrte Mann vor der Festgesellschaft, die sich, des langen Wartens überdrüssig, schon aufzulösen und sich in alle Winde zu zerstreuen begann. Schweren Herzens, ohne Yvonne ein letztes Mal gesehen zu haben, bestieg Augustin eine der Kutschen und ist seitdem besessen von dem Gedanken, das Gut und Yvonne wiederzufinden. Francois, den Geruch des Abenteuers in der Nase, verspricht ihm, bei der Suche behilflich zu sein. Als eine Zigeneuertruppe mit ihrem Wanderzirkus in die Ortschaft kommt, scheint es allerdings eher so, dass sie gar nicht in die Ferne schweifen müssen, um das Rätsel des verlorenen Guts aufklären zu können…
Selten habe ich eine Literaturverfilmung gesehen, die sich derart dicht an ihre Vorlage hält wie Jean-Gabriel Albicoccos LE GRAND MEAULNES. Unterscheide zwischen dem 1967 entstandenen Film und dem 1913 erschienen Roman des 1914 in Verdun gefallenen Schriftstellers Alain-Fournier lassen sich, was die rein inhaltliche Ebene betrifft, kaum feststellen, höchstens einige wenige Details wurden dem Drehbuch ferngehalten, um die Handlung zu straffen, ansonsten folgt der Film dem Buch akribisch, übernimmt teilweise die Originaldialoge eins zu eins, zeichnet noch die beiläufigste Nebenfigur exakt so wie sie in der Vorlage auftritt. Es verwundert mich da nicht, dass die besten Szenen des Romans, nämlich das rauschende Fest, in das Augustin Meaulnes aufgrund mehrerer Schicksalsfügungen stolpert, auch in der Filmversion die Szenen darstellen, an die man sich wohl am nachhaltigsten erinnern wird. Mittels optischer Verfremdungen, bewusster Unschärfe oder gar Vaseline auf der Kameralinse, hat Albicocco diese Passage zu einem pulsierenden Traum werden lassen. Meaulnes bewegt sich verblüfft wie der Zuschauer selbst durch eine bunte, laute Welt voller Wunder, die in Bildern präsentiert wird, die nicht selten an impressionistische Gemälde erinnern. Klare Formen gibt es kaum noch, alles verschwimmt ineinander, ein weißer, hagerer Pierrot stakst durch eine Farbenlandschaft, bei der es unmöglich ist, genau festzustellen, wo die eine Farbe beginnt und wo die andere aufhört. Ein beständiger Nebel scheint über dem Geschehen zu liegen, nichts mehr ist eindeutig, die Farben laufen ineinander. Auch wenn dieses Stilmittel, das man im Grunde kaum mit Worten beschreiben kann, sondern gesehen haben muss, in späteren Rückblenden noch vereinzelt in reduzierterer Form eingesetzt wird, und auch dem Restfilm eine traumhafte Atmosphäre eigen ist, stehen gerade die Festszenen, die wohl etwa fünfzehn bis zwanzig Minuten einnehmen, wie ein eigener Film im Film im Mittelpunkt des Werks, tragen kaum etwas zur eigentlichen Handlung bei, scheinen keine Ambitionen zu haben, als ihre eigenwillige, befremdliche, fieberhafte, märchenhafte Stimmung zu versprühen.
Trotz allen Fiebers, trotz aller Räusche, trotz einer komplexen, verstrickten Geschichte (von der ich mir vorstellen kann, dass es jemandem, der den Roman nicht gelesen hat, äußerst schwerfallen könnte, ihr zu folgen und alle Zusammenhänge sofort zu verstehen, da der Film keine Zugeständnisse an ein Publikum macht, das mit dem zugrundeliegenden Buch nicht vertraut ist), ist die Grundstimmung von LE GRAND MEAULNES eine ruhige, stille, was umso erstaunlicher ist, da der Film seine vielen kurzen Szenen nahezu hektisch aneinanderreiht. In LE GRAND MEAULNES passiert dauernd etwas. Viele Szenen sind nicht mal eine Minute lang, ständig wechseln die Schauplätze, eine Storyentwicklung wird von der nächsten überrollt. Die Kamera steht kaum still, umkreist die Schauspieler, bewegt sich parallel zu ihnen oder in schrägen Winkeln von ihnen weg. Dennoch lässt sich der Film selbst nicht aus der Ruhe bringen. Die Figuren können sich noch so hysterisch verhalten, das Geschehen kann noch so dramatische Wendungen nehmen, trotzdem fließt alles in geordneten Bahnen dahin, der Rahmen, in dem sich das alles abspielt, bleibt einer aus festem Holz, da können die Bilder, die in ihn gefasst werden, noch so verrückt und aufregend werden. Vielleicht liegt es daran, dass ich persönlich nie einen Zugang zu den Protagonisten gefunden habe. Es bleibt schlicht nicht die Zeit, sich mit ihren Gefühlen, ihren Gedanken zu beschäftigen. Da der Film sich auf die reine Handlung des Romans konzentriert und die Passagen, in denen Francois, der Ich-Erzähler der Vorlage, Dinge schildert, die sich in ihm selbst abspielen, naturgemäß fehlen, hat er sich voll und ganz seiner teilweise ordentlich verworrenen Handlung verschrieben, die wiederum in ihrer ganzen komplizierten Pracht nicht wirklich dazu einlädt, sich in ihre Akteure hineinfühlen zu können. Wo der Film mit seinen wunderschönen Landschaftsaufnahmen, seinen optischen Spielereien, seinen prachtvollen Kostümen und vielen Verzierungen am Rande es schafft, einen in die fremde, zauberhafte Welt des Romans zu entführen, scheitert er leider daran, die Figuren, die sich in dieser Welt bewegen, mit genügend Leben zu füllen. LE GRAND MEAULNES ist für mich ein Film fürs Auge, nicht fürs Herz, und zeigt, dass selbst die akkurateste Literaturverfilmung dem zugrundeliegenden Roman nicht in allen Bereichen das Wasser reichen kann. Was jedoch nicht heißt, dass LE GRAND MEAULNES nicht doch einige wirklich großartige Momente hat. Wenn Augustin und Yvonne sich das erste Mal treffen ist das ein Moment, der kitschig hätte wirken können, hätte man sich nur etwas mehr zurückgenommen, in der völlig überzogenen Art und Weise wie man ihn gedreht hat, geht er jedoch über plumpen Kitsch hinaus und wird zu Poesie. Auch der Moment, in dem Francois die verstorbene Yvonne die Treppe hinunterträgt, und die Orchestermusik plötzlich zu unerwarteter Lautstärke anschwillt, hat mich ehrlich berührt. Bezeichnend ist aber auch hier, dass diese Szenen mich wohl auch außerhalb des Films, in dem sie stattfinden, bewegt hätten. Es könnte irgendein Mann sein, der irgendeine tote Frau die Treppe hinunterträgt. Es könnte irgendein Liebespaar sein, das sich in einem Waldstück über den Weg läuft. Dass ich einige Szenen wirklich großartig fand, hat wohl mehr mit ihrer Machart zu tun als damit, dass der Film es schaffte, mich durch seine Charaktere und seine Story zu bewegen. Vor allem im Vergleich zur Vorlage stellt sich das Gefühl ein: irgendetwas fehlt.