„Schätzchen, Titten sind inzwischen aus der Mode gekommen!“
Dem 1979 entstandenen australischen Film „Snapshot“ von Regisseur Simon Wincer („Harlekin“, „Free Willy – Ruf der Freiheit“) tat man ganz und gar keinen Gefallen damit, ihn nach John Carpenters Erfolg mit „Halloween“ als artverwandten Film zu vermarkten, denn dabei konnte er nur verlieren. „Snapshot“ ist kein Slasher, sondern vielmehr ein Thriller, der dabei durchaus gialloeske Züge aufweist, auch aber stark dem Drama verpflichtet bleibt.
Angela (Sigrid Thornton, „Nightmares and Dreamscapes“, in ihrer ersten Hauptrolle) ist ein hübsches junges Ding, jedoch etwas naiv und mit wenig Selbstbewusstsein ausgestattet. Sie verdingt sich als einfache Friseurin unter der Fuchtel eines opportunistischen Figaros. Das muss nicht so sein, denkt sich die in der Modelbranche tätige Madeline (Chantal Thornton, „Thirst“) und überredet Angela, sich einmal als Fotomodell zu versuchen. Sofort erhält sie einen Job als Modell für eine Parfüm-Werbekampagne – entgegen vorheriger Absprachen „oben ohne“, wie sie anhand der gedruckten Anzeigen feststellen muss. Ihr konservatives Elternhaus ist wenig begeistert und ihr Freund, von dem sie sich gerade getrennt hat, beginnt, ihr nachzustellen…
In schön eingefangenem End-70er-Zeitkolorit zeigt „Snapshot“ eine junge Frau, die hin- und hergerissen ist zwischen ihrem erzkonservativen, moralistischen Elternhaus, verkörpert durch die rabiate Mutter mit Haaren auf den Zähnen (Julia Blake, „Patricks Höllentrip“), und der schillernden, aufregenden, gutbezahlten Modelwelt. Angela muss nicht nur feststellen, es nicht allen recht machen zu können, sondern vielmehr auch, dass die vermeintlich heile Welt ihrer Mutter und ihres langweiligen Ex-Freunds eine trügerische Sicherheit zum Preis der Freiheit bietet, während die Scheinwelt der Modelbranche geprägt ist von Oberflächlichkeit, falschen Versprechungen und sexuell desorientierten Notgeilen. Im Prinzip hat sie also die Wahl zwischen Pest und Cholera. Vertrauen kann sie niemandem.
Mit seinem besonders in der kaum vorhersehbaren Schlusspointe angesiedelten Zynismus und seinem Fokus auf die Welt der Reichen und Schönen erinnert „Snapshot“ an das Giallo-Genre, insbesondere an Carlo Vanzinas „The Last Shot“, der allerdings erst 1985 veröffentlicht wurde – ohne dabei jedoch visuell besonders in Szene gerückte Morde zu seinen Handlungselementen zu zählen. Als zusammenhaltendes Element dient ein Wohnungsbrand, dessen Überreste anfänglich gezeigt werden und auf den die Handlung wieder zusteuert. Leider fiel den Drehbuchautoren nicht sonderlich viel ein, womit man den Film stattdessen spannend gestalten hätte können. Trotz Angelas aus Sicht ihres Umfelds ins Paranoide gleitende Befürchtungen, Beobachtungen und Erfahrungen machen sich ein paar Längen bemerkbar. Zudem wirkt der Film bisweilen, als würde Prüderie betrieben, indem ein Riesenbrimborium um ein paar Tittenfotos veranstaltet wird (was ein sleazegewohntes Genrepublikum arg irritieren dürfte). Dadurch bekommt der Film aber natürlich seine exploitative Note, denn selbstverständlich wird Angela auch für den Zuschauer attraktiv und erotisch fotografiert.
Einige kreative Kamerakniffe sowie ein hörenswerter Soundtrack bestehend aus einem tollen Titelthema und zeitgenössischem funkigem Discosound mit Bläsern, für den Brian May verantwortlich zeichnet, sowie Auftritte des tuntigen australischen Nachtclub-Alleinunterhalters Bob „Captain Rock“ Brown, der Unglaubliches mit seiner Oberlippe anstellen kann, tragen positiv zur Auflockerung und zum Unterhaltungsfaktor des Films bei. Unterm Strich ist „Snapshot“ ein leider etwas unausgegorenes, aber nicht uninteressantes Stück australische Exploitation-Film-Geschichte, das insbesondere Freunde der beiden Hauptdarstellerinnen sowie Fans des 70er-Thrillers, denen es wenn überhaupt nur sekundär auf den Gewaltgehalt ankommt, ansprechen dürfte.