Review

Dass Sabine (Stella Kunkat) 8 Jahre alt ist, als ihr Vater Klaus (Thomas Kretschmann) sie, ihre Mutter und ihre beiden Geschwister zu sich holt, ist für sie ein Glücksfall. Schon vorher gewohnt, weit weg von ihrer deutschen Heimat zu leben, nimmt sie das neue Leben im tiefsten Dschungel bei einem erst kürzlich entdeckten Stamm in Papua Neu Guinea mit vollen Zügen auf, begibt sich auf Entdeckungstour und beginnt unabhängig von ihrem forschenden Vater, der die unbekannte Sprache der Ureinwohner lernen will, die Menschen im Urwald kennen zu lernen.

Während ihre ältere Schwester Judith (Milena Tscharntke), schon kurz vor der Pubertät stehend, sich dort nie zu Hause fühlt, und ihr jüngerer Bruder Christian noch zu klein ist, um bewusst mit dieser Situation umzugehen, ist Sabine, auch von ihrem Naturell her, prädestiniert dafür, eine echte Bindung zu einer Umgebung aufzubauen, die auf einen Mitteleuropäer nicht fremdartiger wirken könnte. Der jungen Darstellerin Stella Kunkat ist es zu verdanken, dass diese Episode des Films, begleitet von wunderschönen Aufnahmen des Dschungels, einen bleibenden Eindruck hinterlässt. Auch dank einer ruhigen, linearen Erzählweise erschließt sich dem Betrachter so ein reales Bild des Lebens der Ureinwohner.

Es ist deshalb nicht erstaunlich, dass "Dschungelkind" nach Sabines Buch, dass sie als junge Frau schrieb, entstand. Sie fand hier ihren Lebensmittelpunkt, aber gleichzeitig beinhaltet diese Art der Autobiografie Nachteile für eine filmische Umsetzung. Im Blickwinkel des Kindes, dass ohne Vorurteile und Erwartungshaltung an diesen Ort heran geht, lag sicherlich der Reiz dieser Geschichte, aber Regisseur Roland Suso Richter hatte vielleicht unterschätzt, dass diese Grundlage für einen Spielfilm noch nicht ausreicht – ein Dokumentarfilm hätte der Thematik eher entsprochen.

Das beginnt schon mit den wenigen Charakteren, die eine tiefere Gestaltung erfahren – ihr Vater und ihre Mutter (Nadja Uhl). Vorbildlicher, sensibler und in ihrem Alltag selbstverständlicher sind zwei Menschen kaum vorstellbar. Nur einen Moment gibt es eine Auseinandersetzung, doch sonst sind ihnen Selbstzweifel, Ängste, Verlust von Autorität oder Anzeichen von Unsicherheit nicht anzumerken. Während der Vater seine Rolle als Beschützer seiner Familie immer souverän, auch in schwierigen Situationen, meistert, ist die Mutter als Heilerin und moralische Instanz gefragt. Beinahe könnte man, angesichts dieser idealisierten Menschen vergessen, dass sie viele Jahre in der Einsamkeit des Dschungels lebten. Ob diese Konstellation real war oder aus der Erinnerung entstand, sei dahin gestellt, denn es ändert nichts daran, dass "Dschungelkind" auch in dieser Hinsicht seine kindlichen Züge behält. Das ist vordergründig kein Nachteil, nimmt dem Film aber weiteres Potential, das zum schlüssigen Spannungsaufbau hätte beitragen können.

Stattdessen beginnt Richter dem Film eine Struktur überzustülpen und verleiht ihm eine erzählerische Klammer mit Sabine als junger Frau, die am Anfang und am Ende barfüssig im Schnee ihres Heimatlandes steht. Neben ihrer Stimme aus dem Off, die auch das weitere Geschehen begleitet, unterteilt Richter dieses in unterschiedlich lange Kapitel, denen er eine Überschrift gibt. In Buchform mag das angemessen sein, hier wirkt es wie das Pfeifen im dunklen Dschungel, um wenigstens so zu tun, als würde man eine Geschichte erzählen und nicht nur das ruhige Leben einer deutschen Familie abbilden, dass am Rande eines Eingeborenen-Dorfes lebt. Diese Konstellation ist nur folgerichtig, denn Sabines Vater war sich bewusst, dass ihr Vordringen an diesen Ort, Einfluss auf das Leben der Menschen hier nehmen würde, weshalb er den Kompromiss mit dem Stammes-Häuptling vereinbarte, etwas abseits zu wohnen und niemals in das Geschehen einzugreifen. Im Gegensatz dazu garantierte der Häuptling die Sicherheit seiner Gäste.

Man muss kein Insiderwissen verraten, um angesichts der Buchvorlage (die inzwischen schon eine Fortsetzung erfuhr) zu erahnen, dass in den vielen Jahren nichts wirklich Existentielles schief gegangen sein kann. Wie überall auf der Welt üblich, gibt es glückliche und unglückliche, dramatische und eintönige Momente, hier natürlich geprägt durch die archaische Lebensform. Doch anstatt diesen Zustand zu akzeptieren, begeht der Film den Fehler - im Versuch, doch ein wenig Spannung schüren zu wollen - das Leben der Eingeborenen zusätzlich zu dramatisieren. Keineswegs, indem er die Realität verändert, sondern indem er plötzlich den europäischen Blickwinkel einnimmt, aus dem das Verhalten der Eingeborenen unmenschlich und asozial wirkt. Dadurch vermittelt „Dschungelkind“ auch zeitweise den Eindruck der Gefahr für die deutsche Familie über das normale Risiko an seinem solchen Ort hinaus – letztlich ein Verrat an dem ursprünglichen Ideal, das Leben im Dschungel frei von Vorurteilen abbilden zu wollen, wie es dem Denken der 8jährigen Sabine entsprach.

Fast wirkt es so, als wäre Richter damit in seine eigene Falle getappt, denn um den möglichen Eindruck zu verwischen, die Verhältnisse bei den Eingeborenen zu negativ zu gewichten, steuert er dagegen, indem Sabine, nachdem sie als Jugendliche nach Deutschland zurückkehrt ist, kaum noch eine Gelegenheit auslässt, das „natürliche“ Leben des Dschungels gegenüber dem durchorganisierten Leben in Deutschland zu loben, bis hin zur Beurteilung der jeweiligen Einwohner. Damit endet der Film genau in der Klischeehaftigkeit, die er lange zu vermeiden versuchte.

Dabei hätte es genügend Ansätze für einen intelligenten Diskurs gegeben - etwa die Haltung von Sabines älterer Schwester, über die man in „Dschungelkind“ nichts mehr erfährt, nachdem sie sich als Jugendliche gegen den Dschungel entschieden hatte. Oder die Psyche der Eltern, ihre Erwartungshaltungen an das Leben bei den Ureinwohnern und ihren Umgang in ihrer Beziehung. Doch wenn sich Richter schon entschieden hatte, die ursprünglichen Erfahrungen einer Heranwachsenden als Grundlage für seinen Film zu nehmen, dann hätte er konsequent dabei bleiben müssen, abseits von Vergleichen und Urteilen – einfach nur Leben pur. Diese Chance verschenkte er durch den Versuch, der Story künstlich Spannung und Struktur verleihen zu wollen, wodurch er letztlich an beiden gedanklichen Ansätzen scheitert (4/10).

Details
Ähnliche Filme