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Auf dem Papier klingt "Take Shelter" schon mal enorm gut: eine Hybridfilm irgendwo zwischen einer sich anbahnenden möglichen Apokalypse und dem Portrait eines psychisch kranken Menschen schwankend, der den Zuschauer die meiste Zeit über im Unklaren läßt, welche Lösung zu präferieren wäre.
Allerdings muß man solch clevere Ratespielchen auch dementsprechend zuende denken, wenn man das Publikum mittels Wendungen und Twists nicht brüskieren will, anstatt sie positiv zu überraschen.

Bei "Take Shelter" wirkt dieses Vorhaben am Anfang noch recht ausbalanciert: der Familienvater Curtis lebt mit Frau und tauber Tochter in einer ländlichen Gegend, wo das Wetter enorme Kapriolen schlägt, Sonne und Regen wechseln sich recht häufig ab. Doch dann ereilen Curtis monströse Wetterphänomene und beunruhigende Visionen, die sonst niemand wahrnimmt, die ihm aber den Nachtschlaf nachhaltig vergällen. Öliger Regen fällt, der Hund dreht durch, Unbekannte schleichen ums Haus oder attackieren ihn samt Tochter im Auto, das Mobiliar erhebt sich wie nach enormen Einschlägen in die Luft, schließlich droht seine Frau in der Küche ein langes Messer zu zweckentfremden. So etwas geht natürlich auf die Psyche, wenn die eigene Mutter paranoid-schizophren seit einem Vierteljahrhundert einsitzt und man den Gehirndefekt ggf. geerbt haben könnte. Schweigsam wie Curtis ist, bastelt er an einer eigenen Lösung, gibt den Hund weg und bastelt sich in der Befürchtung, ein apokalyptischer Sturm könnte kommen, einen ausgebauten Sturmkeller im Garten, woraufhin ihn bald alle für total gaga halten, da er sich verschuldet und später auch noch seinen Job dafür verliert.

Halten sich die Argumente für Wahnsinn gegen Visionen am Anfang jedoch noch gut ausbalanciert die Waage, mutiert Jeff Nichols Film nach und nach immer mehr zum Portrait eines psychisch Kranken, der sich nur durch seine introvertierte Schweigsamkeit vom Durchdrehen abhält. Gegen alle (soften) Widerstände macht er den Keller zu seinem Projekt und seine Familie zieht trotz aller Schwierigkeiten mit, was zunehmend unrealistisch erscheint.
Doch der Film zieht diesen Prozess in epische Breite und gefällt sich darin, aus dem Mystery-Thriller ein Krankendrama zu generieren, ein sehr intimes Portrait eines möglicherweise kranken Mannes, der mit sich, seiner Situation und seinen Lebensumständen an den Grenzen seiner Kraft klar kommen muß. Solange man den Film so im Fokus hat, liefert Michael Shannon eine sperrige, aber sehr stimmige Leistung ab, die jedoch normalen Sehgewohnheiten zuwider läuft, denn so ruhig, selbstbezogen und atmosphärisch Nichols hier auch arbeitet, die Sequenzen scheinen manchmal einfach der Spannungskurve entgegen zu arbeiten.
Bei einem 112-Minüter dieser Bauart weiß man einfach nach einer knappen Stunde, wie der Hase läuft und fokussiert zunehmend auf die Frage, wann die Figuren endlich in den Bunker gehen und was dort passiert, "Take Shelter" schreit in dieser endlosen Exposition geradezu nach seinem Schlußtwist Marke "Twilight Zone", der sowieso unausweichlich erscheint.
Daß die Visionen mit zunehmender Filmzeit immer mehr in den Hintergrund treten, indem sie nicht mehr so oft visualisiert werden und Michael einfach nur noch von ihnen berichtet (was den Film einiges von seiner verstörenden Wirkung kostet), helfen da auch nicht weiter. Das Skript hält den "Er ist krank, aber..."-Kurs leider viel zu lange aufrecht, weil dieser Schluß einfach nicht alles sein KANN und wird so zur berechenbaren Twiststory.

Man kann sich dann nur noch an Shannons gutem, verkniffenen Spiel des Überbelasteten festhalten, der zunehmend die Fassung verliert, jedoch in seiner Schweigsamkeit und vorahnenden Angst irgendwann nervt, weil er den Drive des Films ausbremsen muß. Doch Nichols zieht das konsequent durch, auch als die Figuren schließlich auf dem Höhepunkt endlich im Schutzkeller landen, bleibt er seinen Figuren treu. Er tut den Darstellern einen Gefallen, dem Publikum weniger, das durch das wendehälsige Skript längst nervös nach der Pointe hascht und die emotionale Bandbreite der psychischen Auswirkungen gar nicht mehr richtig zu schätzen weiß.

Schlußendlich liefert er dann aber doch erwartbar nach und nach dem ganzen komplexen Plotaufbau wirkt der Schlußgag wie ein Schlag ins Gesicht, der vieles des Gesehenen nachträglich entwertet. Es ist eine Pointe für einen kleinen Thriller mit Reißermotiven, nicht für einen sensiblen Film über die Ohnmacht der Psyche und wirft den Film auf das Unterhaltungsniveau zurück, das Nichols zuvor sensibel vermied.
Das kann schon mal zu Unverständnis führen, da es bei der ruhigen und sehr zähen Erzählweise eh keinen äußeren, sondern nur einen inneren Spannungsbogen gibt.
"Take Shelter" ist dennoch kein schlechter Film nur falsch konzipiert und mit einigen Elemeten ergänzt, die ihm nicht eben zu einer künstlerischen Einheit verhelfen. Man sollte gut ausgeschlafen sein, um die guten Seiten deswegen erst richtig zu schätzen zu wissen. (6/10)

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