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Der Filmtitel "Our idiot brother" deutet auf eine übliche Debilen-Komödie Hollywoodscher Prägung hin, in der der Hauptdarsteller sämtliche Verhaltensweisen auftischen darf, die gemeinhin als uncool, trashig und nerdig gelten, natürlich unter Vermeidung jeden Anzeichens von gutem, genormten Geschmack. Der Sinn einer solchen Exoten-Schau liegt in einer Mischung aus Mitleid, Abscheu und Schadenfreude, die beim Publikum vor allem das Gefühl erzeugen soll, selbst mit diesem Individuum auf der Leinwand nichts zu tun zu haben.

Auch auf Ned (Paul Rudd) scheinen sämtliche dieser Attribute zuzutreffen. Nicht nur, das er aussieht wie ein Althippie, auch der Verkauf von Marihuana an einen Polizisten in Uniform, zeugt nicht von besonderer Intelligenz, weshalb seine Freundin auch schon einen neuen Lover hat, als Ned wieder aus dem Gefängnis entlassen wird. So landet der antriebslos wirkende Mittdreißiger wieder bei seiner Mutter (Shirley Knight), wo er von seinen drei erfolgreichen und attraktiven Schwestern beim gemeinsamen sonntäglichen Mittagessen mit einer Mischung aus Mitleid und Spott bedacht wird. Allerdings begeht Neds Schwester Liz (Emily Mortimer) den Fehler, ihm anzubieten, jederzeit zu ihr vorbei kommen zu dürfen, was Ned schon bald wörtlich nimmt - mit den entsprechend unvorhersehbaren Folgen für die zweifache Mutter und ihren Mann Dylan (Steve Coogan), einen engagierten Dokumentarfilmer.

Tatsächlich ist Ned ein Idiot, aber wie sich zunehmend herausstellt, vor allem aus dem Blickwinkel seiner normalen Mitmenschen. Ned ist weder dumm, noch unkommunikativ, sondern authentisch und ohne Hintergedanken. Schon in der ersten Szene, als er naiv auf das vertrauliche Getue des Polizisten herein fällt, wird deutlich, das es ihm darin fehlt, den eigenen Vorteil einer Situation zu erkennen - eine Fähigkeit, über die seine sonstigen Mitbürger reichlich verfügen. Angesichts einer solchen Konstellation, besteht die Gefahr einer Umkehrung - die Hauptfigur wird in diesem Fall nicht mehr der Lächerlichkeit preisgegeben, sondern idealisiert im Gegensatz zu seiner egomanen Umgebung.

Darin, das sich der launige, nie auf primitiven Humor setzende Film diesem Klischee meistens verweigert, liegt sein größter Verdienst. In seinen besten Momente wird deutlich, das die kleinen Lügen und Tricks, die seine drei grundverschiedenen Schwestern im Alltag anwenden, jedem Betrachter vertraut sein dürften. Ob Liz die Augen davor verschließt, das ihre Ehe schon lange ohne Emotionen verläuft, ob die quirlige Natalie (Zooey Deschanel) Schwierigkeiten mit der Treue hat und Miranda (Elizabeth Banks) versucht, bei ihrer Karriereplanung als Journalistin zu tricksen - wer will behaupten, ihr Verhalten nicht nachvollziehen zu können? - Und auch Ned wird nicht plötzlich zum angesagten Typen, nur weil er sich als grundehrlich erweist. Als er das Vertrauen einer von Miranda erfolglos befragten attraktiven Frau gewinnt, und er sie darauf hin um ein Date bittet, lehnt sie ab - ein optischer Waldschrat ist Ned schließlich immer noch.

Leider kann es auch "Our idiot brother" letztlich nicht lassen, die Mär der Erkenntnis zu singen, die am Ende zumindest Neds Schwestern erreicht, aber darüber hinaus verzichtet er auf branchenübliche Anpassungen. Ned kann bleiben wie er ist und der Film darf - ohne mit dem gehobenen Zeigefinger daher zu kommen - ein wenig an der Voreingenommenheit der Zuschauer rütteln (7/10).

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