Der Filmtitel "In einer besseren Welt" spielt nicht direkt auf die Handlung an, sondern drückt einen Wunsch aus, der sich angesichts des Filmgeschehens automatisch einstellt, denn das, was Regisseurin Susanne Bier hier entwirft, spielt so unmittelbar auf die Ängste in unserer geordneten, zivilisierten Welt an, das man es weit von sich weisen möchte.
Der Beginn des Films hinterlässt noch einen anderen Eindruck, denn was Anton (Mikael Persbrandt) als engagierter Arzt in einem afrikanischen Flüchtlingslager erfährt, entspricht den Vorstellungen an eine solche Situation. Während Anton und sein internationales Team unter schwierigsten Bedingungen Leben retten, erleben sie, wie Warlords aus Wettlust schwangere Frauen aufschneiden, um nachzusehen, welches Geschlecht das Kind hat. So brutal und Menschen verachtend diese Geschehnisse auch sind, so wenig lässt man sie als Europäer an sich heran - sie scheinen weit weg.
Die Wahl dieser Rahmenhandlung in Afrika, verdeutlicht die Subtilität, mit der sich Susanne Bier der eigentlichen Thematik nähert, denn die Story hat keine Verknüpfungspunkte zum Geschehen in Dänemark, außer das Anton in beiden parallelen Welten anwesend ist. Anders als in Biers "Brødre" (Brothers), als die Auswirkungen des Krieges in Afghanistan auf die Psyche der Menschen in der Heimat im Mittelpunkt standen, gibt es in diesem Film keine Beeinflussungen der einen Welt auf die andere, sondern - im Gegenteil - um die Beschreibung der selben Verhaltensmuster unter anderen äußerlichen Vorzeichen.
Noch entscheidender im Unterschied zu "Brødre" ist hier der letztliche Verzicht auf Extreme oder übertriebene Schicksalsschläge, denn die Darstellung der Folter oder einer langen Gefangenschaft - wie in "Brødre" - als Basis für die weitere Handlung, lassen es zu, ein Drama einer kleineren Gruppierung zuzuordnen. Susanne Bier beschränkt sich in dem sehr spannenden "In einer besseren Welt" auf die Heranführung an eine Grenze, deren Überschreiten jederzeit als wahrscheinlich in Erinnerung bleiben wird, wodurch sich erst der Eindruck manifestiert, dass es sich hier um kein weit entferntes oder einer Minderheit zuzuschiebendes Drama handelt, sondern um eine jederzeit in unserer zivilisierten Welt mögliche Situation.
Geschickt ist dabei auch der Beginn der in Dänemark spielenden Haupthandlung aus dem Blickwinkel der beiden 12jährigen Jungen Elias (Markus Rygaard) und Christian (William Jøhnk Nielsen), denn entscheidend ist nicht deren Verhalten, sondern die Reaktion der Erwachsenen auf deren Situation. Elias erleidet täglich brutales Mobbing an seiner Schule durch einen älteren und kräftigeren Schüler, der zudem eine größere Menge weiterer Schüler um sich scharrt, die den Jungen morgens schon bei der Ankunft an der Schule erniedrigen, um ihm später sein Fahrrad so zu beschädigen, dass er es immer nach Hause schieben muss.
Auch wenn Elias nichts davon verrät, kann er seiner Mutter Marianne (Trine Dyrholm) nichts vormachen, weshalb sie mit dessen Vater Anton, als dieser gerade einmal in Dänemark verweilt, bei seinen Lehrern vorspricht. So wie in dieser Situation, verhalten sich sämtliche Erwachsene prinzipiell vorbildlich. Sie verschweigen nichts, versuchen die Probleme zu lösen und streben einen Konsens an. Doch mit diesen Mitteln erreichen sie nichts. Als Elias Mutter, genervt von den beschwichtigenden Lehrern, die alles zu relativieren versuchen, sich kurz aufregt und den Jungen, der ihren Sohn quält, als Psychopathen bezeichnet, muss sie sich nur ihre eigene gescheiterte Beziehung vorwerfen lassen. Schon ihr kleiner Ausbruch verständlicher Wut, erzeugte nur eine unangenehme Gegenreaktion.
Zudem erschwert dieses Gespräch zwischen Eltern und Lehrern Elias' Situation, denn die rein sprachliche Einmischung des Lehrkörpers verstärkt nur die Wut seiner Quälgeister, kann sie aber nicht abschrecken. Ganz anders dagegen funktioniert Christians Methode, der ebenfalls drangsaliert wird, weil er an seinem ersten Schultag mit Elias kommuniziert. Er war mit seinem Vater (Ulrich Thomsen) nach Dänemark zu seiner Großmutter gezogen, nachdem seine Mutter in London an Krebs gestorben war. Schon am nächsten Tag ergreift er die Chance und verprügelt den größeren Jungen mit einem Schlagstock, als dieser gerade wieder Elias quälen wollte. Zudem hält er ihm ein Messer an die Kehle und droht ihm mit dem Tod, wenn er noch einmal übergriffig werden sollte. Ein Messer würde den sofortigen Ausschluss aus der Schule bedeuten, aber keiner der drei Jungen verrät die Anwesenheit der Waffe, mit der Konsequenz, dass Elias und Christian sich befreunden und ab sofort in Ruhe gelassen werden.
Es ist nicht allein das Messer oder der Schlagstock, die hier für Frieden sorgten, sondern vor allem Christians Haltung. Dem nach dem Tod seiner Mutter sehr verbitterten Jungen, der kaum mit seinem Vater spricht, war seine Konsequenz deutlich anzumerken. Der Schutz des Schwächeren gilt als eine der größten Errungenschaften unserer Zivilisation, aber die dafür notwendige Balance ist sehr fragil und kann nicht durch die Exekutive garantiert werden, weder wenn es sich um ein Lehrerkollegium handelt, noch um eine schwer bewaffnete Armee. Als Anton einen Streit schlichten will zwischen seinem jüngeren Sohn und einem gleichaltrigen Jungen auf einem Spielplatz, gerät er an dessen aggressiven Vater (Kim Bodnia), der ihm eine Ohrfeige auch vor den Augen von Elias und Christian verpasst. Anton verhält sich vernünftig und lässt sich auf keine Prügelei ein, aber das hinterlässt bei den Jungen ein unangenehmes Gefühl, das sie nicht auf sich beruhen lassen wollen...
"In einer besseren Welt" greift die Frage nach der Reaktion auf einen persönlichen Angriff konsequent auf, und spielt damit direkt auf unser Verständnis von Zivilisation und Sozialisation an. Gerade dadurch, dass Susanne Bier die hier angedeuteten Situationen nicht bis zur letzten Konsequenz hochschraubt, erhält sie sich die Möglichkeit einer Vielzahl unterschiedlicher - auch manchmal ganz kleiner, unmerklicher - Reaktionen, die zudem wechselnden Machtkonstellationen unterliegen. Durch die Hinzuziehung der extremen afrikanischen Verhältnisse als Rahmenhandlung, enthebt Bier diese Betrachtung einer mitteleuropäischen Einordnung, und verdeutlicht damit die generelle Nähe im menschlichen Verhalten.
In Biers Film gibt es kaum eine Reaktion, die nicht unmittelbar durch den Betrachter nachempfunden werden kann. Eine Lösung kann sie nicht anbieten, nur das Gefühl erzeugen, möglichst nicht in eine solche Situation kommen zu wollen - oder den Wunsch nach einer besseren Welt (9/10).