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Um ehrlich zu sein, bräuchte ich sicherlich nicht sehr lange um alle türkischen Spielfilme die ich mit Namen kenne, geschweige denn gesehen habe, aufzuzählen. Und sollen diese auch noch gut sein, fallen mit "Tal der Wölfe" ein propagandistisches Katastrophenwerk und in „Turkish Star Wars“ eine Trashgranate sondersgleichen schonmal weg und außer dem empfehlenswerten brillianten Epos "Yol - Der Weg" fällt mir auch schon nicht mehr viel ein. Umso interessierter war ich aus diesem uns Deutschen gewissermaßen doch recht nahe stehenden Land, das - gelinde gesagt - nicht unbedingt die besten Arbeitsbedingungen für Filmschaffende bot (und allgemein kritischen Kulturschaffenden noch bietet), mal wieder einen gehaltvollen Beitrag zu sehen. Da kam mir die Ausstrahlung des Rachedramas "Eskiya - Der Bandit", das 1996 mit gut zweieinhalb Millionen Kinogängern am Bosporus ein echter Kassenschlager war, wie gerufen und siehe da, prompt hatte sich "mein" Repertoire um ein gelungenes Werk erweitert.

Baran, ehemaliges Mitglied einer Banditenbande, hat 35 Jahre im Gefängnis gesessen und nun, als alter Mann, am Tag seiner Entlassung in die Freiheit, sinnt er auf Rache an seinem ehemaligen Gefährten der ihn damals verraten und obendrein noch die Frau geraubt hat. Sein Dorf ist mittlerweile zerstört und so steht sein Plan fest: Der Halunke muss sterben und seine Liebe zurückerobert werden. Doch er hat nur die Namen und den Ort: Istanbul. Nichts leichter als das, so jemanden in einer derartigen Metropole ohne Anhaltspunkt und ohne Ortskentnisse zu finden, meint auch ironisch der junge umtriebige Gauner Cumali, den der Zufall mit Baran, dem Banditen vom alten Schlag, zusammenführt.

Die beiden bauen eine Art Vater-Sohn Verhältnis auf und finden sich alsbald in turbulenten wie gefährlichen Szenen wieder, in denen stets Verrat und Hass der Anlass, Liebe und Ehre der Antrieb sind. Wer will, kann hie und da gar tarantinoeske Züge erkennen oder sich in einem Großstadtwestern wähnen. In seiner Darstellung angemessen, nicht selbstzweckhaft drastisch, aber auch nicht gekünstelt zurückhaltend in einschlägigen Szenen, gefällt die Bildkomposition und neben der Geschichte bekommt man noch einen kleinen Einblick in das hektische Leben Istanbuls. Besonders zu Beginn, als für Baran, immerhin für 35 Jahre lang nur Zellenblock und davor die Berge gewohnt, die Stadt ein einziger undurchschaubarer Dschungel ist, wird die Metropole aus seiner Sicht eher als miefendes Verkehrschaos und Labyrint angesehen, in dem er sich auch fortwährend als running Gag verirrt und auch die familiären Strukturen der Clique um Cumali und die Probleme und Problemchen werden nebenbei geschildert und verhelfen zwar nicht zu einer atemberaubenden Charaktertiefe, aber doch zu einer besseren Schärfung.

Wenn die Macher auch - und mit ihnen sicher gern das türkische Publikum - in seichter Melancholie und kitschigen Ehrbegriff-Formulierungen schwelgen und somit der Film in einigen wenigen Längen den Drive zu verlieren droht, so kippt diese Neigung selbst für wertneutrale eher pragmatische Naturen nie ins Ärgerliche und kann mit einem gönnenden Schmunzeln ebenso toleriert werden wie die untermalende Saz-Musik mit dem dazugehörigen typischen klagenden Gesang. Denn was ist schon ein echter Rachethriller ohne die seelischen Leidenstorturen seiner Helden? Eben! Und so geht der Film mit Eskiya weiter seinen Weg und gipfelt in einem wunderbar konsequenten wie traurigen Ende, und tritt als ebensolcher Stoff für derartige Lieder ab, die mit inbrünstiger Schwermut zelebriert werden. (8/10)

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