Und wehe, ich höre hier was von Euro-Pudding....
Ein Thriller mit internationaler Besetzung, der über die volle Laufzeit in Berlin spielt und auf dessen Co-Produktionsliste nicht weniger als sechs verschiedene Länder aus drei Kontinenten stehen, kann schon mal leicht in Verdacht geraten, daß man sich da mit einem Star-Import und ähnlichen Anbiederungen an den großen amerikanischen Traditionsthriller jenseits des Atlantiks beliebt machen will. Gut, es kann sein, daß ein Film, der vornehmlich in Europa spielt und NICHT Paris oder London als Handlungsort, nicht eben Beliebtheitspreise beim US-Publikum gewinnen wird, noch dazu wenn über die volle Laufzeit grauster Winter herrscht, aber das muß ja nicht immer gleich etwas über die generelle Qualität des Films aussagen. Und so ist die Sechs-Länder-Liste bei "Unknown Identity" mit dem ironischen Zusatz eines spanischen Regisseurs (Spanien war nicht auf der Liste) auch lediglich ein kleiner Treppenwitz - mag auch der Realismus nicht eben Triumphe feiern, für ein, zwei spannende Stündchen in good old germany taugt die Reise schon.
Grundrezept: man mische zwei Teile Hitchcock mit einem Teil "Total Recall" - oder doch besser, man klebe diese Teile am besten aneinander und hoffe, daß niemand über Wahrscheinlichkeiten nachdenkt. Auf der Basis eines französischen Romans hat das Autorenduo aus der Vorlage ein hübsch klassische Story destilliert: ein Ehepaar reist nach Berlin, um auf einer Konferenz zu sprechen, doch nachdem man einen Koffer am Flughafen zurückgelassen hat, nimmt der Mann eine erneute Taxifahrt zurück in Kauf, um dann mitsamt dem Taxi per Unfall in die Spree zu schleudern. Eine wackere Rettung durch die illegal eingereiste Taxifahrerin und vier Tage Koma später, ist er zwar wieder oben auf, aber im Oberstübchen gibts noch Defizite, vor allem weil ihn im Hotel niemand kennt und der Platz an der Seite seiner Gattin schon von einem anderen Herrn mit gleichem Namen eingenommen wurde. Eine Identitätskrise? Eine Verschwörung?
Gestrandet in einer fremden Stadt, ohne Papiere und bei weitem nicht genug Geld, gilt es jetzt, dem Mysterium auf die Spur zu kommen.
Schön zu sehen, daß Jaume Collet-Serra, sonst nicht immer geschmackssicherer Genreregisseur aus südlichen Gefilden ("Goal 2"), der aber im Thrillgenre so seine Meriten verdient hat ("Orphan"; "House of Wax"), in der Lage ist, eine klassische Hitchcock-Situation auszubauen, ohne das es langweilig wird. Mit dem engagiert aufspielenden Liam Neeson bei der Hand (dessen atemloser Aktionismus allerdings manchmal etwas unruhig macht), wird die Notlage des isolierten und verunsicherten Individuums in der Fremde richtig spür- und greifbar, vor allem weil gerade bei uns diese Fremde recht bekannt ist. Natürlich ist etwas faul in der Hauptstadt, aber bis es soweit ist, den Vorhang zu lüften, irritiert das Skript erst einmal mit einigen bekannten Winkelzügen, bis dann plötzlich aus dem Verlassenen ein Verfolgter wird, dem man ordnungsgemäß nach dem Leben trachtet. Das macht die Suche nach der Wahrheit dann natürlich noch forcierter und da sucht man sich dann notgedrungen Hilfe: die unwillige Taxifahrerin und einen alten Privatdetektiv, der jedem, der es nicht hören will, von seiner Stasi-Vergangenheit berichtet...
Wem das jetzt ein wenig old school und 80er-like vorkommt, der liegt richtig, die Konstellationen, die Figurenzeichnung, das ganze Konstrukt hat ein bißchen was vom B-Movie-Gold vergangener Zeiten, aber da man heute eigentlich nur noch dem finalen Twist hinterher jagt, macht etwas "alte Schule" durchaus mal wieder Spaß, denn man hat endlich mal eine Figur am Start, mit der man ordentlich mitfiebert, weil eben nicht sofort offensichtlich wird, worum es hier eigentlich gehen soll, obwohl genügend Fingerzeige auf mögliche Handlungsstränge ausgestreut werden.
Erst im letzten Drittel kippt der Plot noch ein wenig mehr in das Unwahrscheinlich-Abstruse, präsentiert mögliche Auflösungen und wählt dann ständig die unrealistischsten Varianten, bleibt dabei aber im Kontext noch einigermaßen schlüssig, weil man eben keine überschweren Klischees aufs Brot geschmiert bekommt und die wahren Vorgänge dann doch noch etwas überraschen können.
Hat sich also nichts mit dem berühmt-berüchtigten deutsch-nüchternen Realismus, das hier ist ein klassisch-unrealistischer Hollywoodreißer, wie er gleichmäßig spannender nicht sein könnte, außer man legt nun mal Wert auf die dauerhafte Befeuerung mit unglaublichen Actionszenen, die "Unknown Identity" eher selten einsetzt, dann aber durchaus mit nachhaltiger Wirkung, denn so hübsche Verfolgungsjagden schienen bisher in Berlin nicht möglich. Handgreiflichkeiten, wie vielleicht manche "96 Hours"-Fans auch von diesem Film erwarten, gibts erst ganz zum Schluß (und dann mal wieder hektisch verwackelt), hier wird mehr auf innere Spannung gesetzt und weitestgehend gewonnen. Wie sonst wäre es zu erklären, daß Diane Krüger endlich mal nicht nervt (man mußte sie statt als Blondchen nur mal als kosovarische Illegale mit Piercing casten) und Bruno Ganz seinen Ex-Stasimann mit der greisen Gemütlichkeit eines Todgeweihten angehen kann und man trotz aller Langsamkeit aus dem Glucksen gar nicht mehr rauskommt. Der deutsche Zuschauer freut sich überdies über viele bekannte Gesichter (allen voran Sebastian Koch und Karl "Stocki" Markovics) und hat neben Neesons engagierter Leistung auch noch routiniertes längeres Cameo von Frank Langella zu bestaunen.
Natürlich ist nicht alles Kalifornien und eitel Sonnenschein mit dicken Wummen, "Unknown" ist harsch, kalt, eckig und vor allem in allen Grauschattierungen gehalten, aber Collet-Serra schafft es, ein bißchen Metropolenfeeling genauso unterzubringen wie etwas Multikulti-Undergroundkultur. Sicherlich nicht die ganz große Offenbarung und ganz schön unterkühlt, aber wenn schon vor der eigenen Haustür mal so richtig in die Vollen gegangen wird, dann kann man auch mal zuschauen. Das gibts deutlich Peinlicheres. (7/10)