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„Ich habe noch einen Koffer in Berlin“ sang einst Hildegard Knef und gleiches gilt im vorliegenden Streifen auch für Liam Neeson, obgleich der sich an kaum etwas erinnern kann, nachdem er mit Diane Krüger per Taxi in die Spree stürzte.
Der Spanier Jaume Collet-Serra weiß die deutsche Hauptstadt wahrlich galant und rasant in Szene zu setzen und ein kurzweilig perfides Spiel mit seiner Hauptfigur zu veranstalten.

Es sollte eigentlich ein erfolgreicher Kongress für den Wissenschaftler Dr. Martin Harris (Liam Neeson) in Berlin werden, doch vier Tage Koma nach besagtem Unfall sorgen für eine Amnesie, die Teil eines perfiden Spiels zu sein scheint: Selbst seine Frau will Martin nicht kennen und es gibt sogar einen zweiten Martin Harris an ihrer Seite. Mithilfe der Taxifahrerin Gina (Diane Kruger) und dem ehemaligen Stasi-Spezialisten Jürgen (Bruno Ganz) will er Licht ins Dunkel der Erinnerungen bringen…

Die spannendsten Parts finden sich innerhalb der ersten Hälfte, als man noch völlig ahnungslos miträtselt, wie Harris in diese Situation kommen konnte und was eigentlich vorgefallen ist. Ist er ein anderer? Wird er in eine Falle gelockt? Wer hat etwas davon und gibt es überhaupt einen Beweis für seine wahre Identität?
Der Stoff ist optimal auf seine Figuren zugeschnitten, Neeson ist in erstklassiger Spiellaune, Bruno Ganz gibt den helfenden Agenten in Top-Form und Diane Kruger überzeugt als bosnische Taxifahrerin, nur dass ihr Dialekt eher italienisch klingt, zumal in Bosnien kaum jemand Gina heißt.
Als man so langsam ahnt, was es mit Harris auf sich haben könnte, geht dem Stoff ein wenig die Puste aus, auch wenn er nur wenig von seinem Unterhaltungswert einbüßt, denn final haben wir es eher mit einem konventionellen Agenten-Thriller zu tun, bei dem einige Figuren für kleine Twists sorgen.

Dennoch bietet der Streifen im Gesamtbild, neben der hochinteressanten Prämisse, einige recht temporeiche Passagen quer durch Berlin. Es gibt eine Verfolgungsjagd durch die Friedrichsstraße, eine Flucht in die U-Bahn, eine heftige Keilerei in einer kleinen Wohnung, den verzweifelten Versuch trotz fixierter Hände an eine Schere zu gelangen und eine Hatz durch Krankenhausflure.
Das Timing ist optimal und auch wenn Berlin oft nur bruchstückartig ins Bild gerückt wird, so verströmt sie doch eine zeitgenössische und gleichermaßen bodenständige Aura, die offenbar eine Reise wert ist.

Die stimmige Inszenierung und die optimal ins Licht gerückten Figuren schaffen eine ungeheure Präsenz und ein latentes Mitfiebern, denn neben Neeson kommen bekannte Gesichter wie Frank Langella, Sebastian Koch und Aidan Quinn zum Einsatz, welche allesamt überzeugen können.
Darüber hinaus interessiert natürlich immer noch die Frage, welche Identität nun wirklich hinter der Hauptfigur steckt und ob er jemals sämtliche Erinnerungslücken schließen kann und wenn ja, wie er damit umgeht.

„Unknown Identity“ steckt voller spannender Momente, furios inszenierter Actionszenen in stimmungsvoller Optik. Zwar heißen hier keine jungen Krankenschwestern Gretchen und Martinshörner werden nur selten aus Amerika importiert, doch wer als Ausländer in Berlin mutterseelenallein handeln muss und allem beraubt scheint, was vertraut erschien, kann sich diese Situation lebhaft vorstellen.
Eine gut ausgewogene Mischung zwischen Machtlosigkeit und Ohnmacht, argen Selbstzweifeln und vagen Hoffnungsschimmern bis hin zum letzten Aufbäumen und dem Gefühl, ohnehin nichts mehr verlieren zu können.
Trotz kleiner Makel ein starkes Ding.
8 von 10

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