„Unknown Identity" (2011) entpuppt sich als äußerst positive Kino-Überraschung. Wähnt man sich als Zuschauer anfangs noch in sehr konventionellen Verschwörungsthriller-Gefilden, gerät vor allem die Auflösung des raffiniert gestrickten Plots rund um die verlorene Identität von Liam Neeson überraschend originell und tatsächlich vollkommen schlüssig. Die konzentrierte Regie lässt zudem genug Raum für einige markante Nebenfiguren, von denen vor allem Bruno Ganz in Erinnerung bleibt.Der renommierte US-Wissenschaftler Martin Harris (Liam Neeson) reist mit seiner Frau Elizabeth (January Jones) nach Berlin, um den Nobelpreisträger Professor Bressler (Sebastian Koch) im Rahmen einer Biotechnologie-Konferenz zu treffen. Als er nach einem plötzlichen Unfall aus einem mehrtägigen Koma erwacht, erinnert sich weder seine Frau, noch sein direktes Umfeld an ihn. Harris wittert eine Verschwörung und ist entschlossen, seine Identität zurückzuerlangen. Unterstützung erhält er von der bosnischen Taxifahrerin Gina (Diane Krüger) sowie dem Ex-Stasioffizier Ernst Jürgen (Bruno Ganz).
Ein normaler Bürger wird abseits vertrauter Strukturen Opfer einer Intrige. Da ihm selbst offizielle Behörden keinen Glauben schenken, obliegt es schließlich ihm allein, sich seinen Widersachern zu stellen und die Verschwörung aufzudecken. Seitdem Alfred Hitchcock diese Eckpfeiler ab den 1950er-Jahren mit Filme wie „Der Mann, der zu viel wusste" (1956), „Der falsche Mann" (1956) und „Der unsichtbare Dritte" (1959) eingeschlagen hatte, gelten sie für den Verschwörungsfilm. In der Tradition dieses Thriller-Subgenres steht auch „Unknown Identity" (2011) dessen junger Regisseur Jaume Collet-Serra, eher Horrorfans („House of Wax", „The Orphan") ein Begriff sein dürfte. Stärker als Hitchcock lehnt Collet-Serra seinen Thriller inhaltlich aber an Roman Polanskis „Frantic" (1987) an. Das europäische Setting, der Hotelschauplatz, die mysteriöse fremde Frau, der wissenschaftliche Background des Protagonisten und sogar das auslösende Element des fehlenden Koffers sind direkte Verweise auf Polanskis Film, der sich seinerseits als Hitchcock-Hommage versteht.
Sklavisch, beinahe zu sklavisch hakt Collett-Serra zu Beginn auch brav hinlänglich bekannte Plotpoints ab, die das Genre im letzten halben Jahrhundert hervorgebracht hat. Selbst die Tatsache, dass seine eigene Frau ihn nicht mehr zu erkennen scheint, schockiert den genreerfahrenen Zuschauer in diesem Zusammenhang eher mittelmäßig. Dann schon eher die zaghaft eingestreuten Versuche Collet-Serras, mit der Erwartungshaltung des Publikums und den Konventionen des Genres zu spielen. Ob bewusst oder nicht, die hinlänglich bekannte Grundsituation lädt den Zuschauer von Beginn an ein, seine Genreschablone auf den Plot zu legen und mitzurätseln, was es mit der Intrige um Martin Harris auf sich hat. Auf diesem Level fesselt die straff geschrieben und inszenierte Geschichte von Anfang an. Zum Vorteil gereicht diesem Aspekt auch das moderate Erzähltempo. Nicht nur lässt es dem Zuschauer jederzeit genug Raum für eigene Überlegungen, es verhindert auch, dass die Geschichte nicht atemlos von Plot-Höhepunkt zu Plot-Höhepunkt hetzt, sondern seine Pointen sorgsam vorbereiten und effektiv ausspielen kann. Innerhalb der ersten beiden Akte ist „Unknown Identity" vor allem perfekt erzähltes Spannungskino mit sparsam eingestreuten Actioneinlagen. Der zweite Akt gipfelt in einer Auflösung der Intrige, die zwar im Prinzip nur die bekannte Super-Ultra-Geheimorganisation-Deus-Ex-Machina aus dem Hut zaubert, aber dabei gleichzeitig die Regeln des Genres komplett auf den Kopf stellt und damit recht einzigartig sein dürfte. Tatsächlich ist der Held in diesem Moment den identitätskrisen-geplagten Protagonisten des legendären Sci-Fi-Autoren Phillip K. Dicks (Vorlagen zu „Blade Runner", „Total Recall", „The Impostor", „Minority Report") näher als Alfred Hitchcock. Umso erstaunlicher ist, dass „Unknown Identitiy" (2011) die Handlungsfäden dabei vollkommen logisch und glaubhaft zusammenführen und auflösen kann. Als Nachschlag werden Liam Neeson im finalen Akt noch einige Actionmomente gegönnt werden, mit denen er seinen aktuellen Status als Rentner-Rambo pflegen darf.Auch ansonsten verkörpert Neeson den gehetzten Normalo sehr routiniert. January Jones als Ehefrau ist eher hübsches Beiwerk und darf finale im Mad-Men-Gedächtnis-Outfit vor allem Schönheit versprühen. Daneben kommen eine ganze Reihe deutscher Schauspielgrößen zum Einsatz (u.a. Sebastian Koch, Stipe Erceg, Karl Markovics), die ihre mehr oder weniger großen Parts souverän absolvieren. Die größte Screentime erhält dabei Hollywood-Export Diane Krüger, die sich als illegale Immigrantin aus Bosnien recht brauchbar schlägt, ohne nachhaltigen Eindruck hinterlassen zu können. Das trifft schon eher auf Bruno Ganz zu, der als pensionierter Stasi-Offizier nicht nur den interessantesten Nebencharakter spielt, sondern dessen Aufeinandertreffen mit Frank Langella (Kurzauftritt) zu den Highlights des Films zählt.
Achja, „Unknown Identity" (2011) spielt in Berlin, was einheimische Kritiker dazu veranlasste, dem Schauplatz ein besonderes, beinahe übersteigertes Augenmerk zu schenken. Letztendlich beschränkten sich die Kommentare der Kollegen aber auf eine Art indigenen Erbsenzählerei, indem sich über das recht wahllose Schauplatz-Hopping und die zahlreichen OZ-Graffitis halb belustigt echauffiert wird. Dieser krampfig-deutsche Reflex, seine Anflüge von Nationalstolz bzw. Lokalpatriotismus politisch korrekt mit Sarkasmus und Ironie zu überspielen, hat mit einer ernsthaften Auseinandersetzung selbstredend eher weniger zu tun. Tatsächlich ist der Schauplatz für einen Film allerdings extrem wichtig und Berlin und speziell dessen Inszenierung erweist sich als Glücksfall. Die schneematschige Version der Hauptstadt unterstreicht nicht nur die feindlich und kühle Grundstimmung des Verschwörungsplots, sondern vor allem auch das Schmudellimage Berlin. Soll doch das ZDF zwei Stunden das Adlon-Kempinski in Szene setzen. Jaume Collet-Serra traut sich dankbarerweise auch in die weniger schönen Ecken und zeigt angeranzte Currywurstbuden, heruntergekommene Werkstätten, slumartige Wohnblöcken und graffitibeschmierte U-Bahnhöfe.Wähnt man sich zu Beginn noch in einem Best-Of-hinlänglich bekannter Verschwörungsthriller, so entwickelt „Unknown Identiy" (2011) schon nach kurzer Zeit eine recht eigenständige Handschrift und mündet in einer Pointe, die selbst das finale Actionfinale in den Schatten stellen kann. Damit gelingt Collet-Serra nicht mehr und nicht weniger als der beste Thriller des Kinojahres 2011.
Daran werde ich mich erinnern: Die gelungene Auflösung der Verschwörung.