Auf den ersten Blick könnte man fast meinen, bei „Across the Line: The Exodus of Charlie Wright“ (2010) würde es sich um die Fortsetzung des 2009er Crime-Thrillers „La Linea“ handeln – schließlich sind beide Werke demselben Genre angehörig, kommen jeweils in der mexikanischen Grenzstadt Tijuana angesiedelt daher und weisen außerdem gleich mehrere übereinstimmende Cast&Crew-Mitglieder auf. Dass dem allerdings nicht so ist, beweist allein schon die Gegebenheit, dass die „wiederkehrenden Akteure“ (wie Andy Garcia, Gary Daniels oder Geoffrey Ross) im Vorliegenden ganz andere Charaktere spielen. Nichtsdestotrotz teilen sich die zwei Filme verschiedene inhaltliche wie stilistische Gemeinsamkeiten, die einfach nicht zu verkennen sind – was mit Sicherheit darauf zurückzuführen ist, dass beide von R. Ellis Frazier verfasst und produziert wurden, welcher dieses Mal aber auch noch zusätzlich den Posten des Regisseurs übernahm. Besetzt mit einem überraschend namhaften B-Movie-Ensemble, präsentiert er dem Publikum (hier nun) eine vom Fall des amerikanischen „Mega-Betrügers“ Bernard Lawrence Madoff inspirierte Geschichte (u.a.) über Reue, Verlust, Wiedergutmachung sowie die seit jeher bestehende Macht des Geldes...
Dank eines findigen Pyramiden- bzw. Schneeballsystems ist es dem Investmentbroker Charlie Wright (Aidan Quinn) geglückt, leichtgläubige Schrägstrich ahnungslose Investoren um die stattliche Summe von 11 Milliarden Dollar zu „erleichtern“. Aktuell ist der Schwindel jedoch gerade dabei, in zunehmendem Umfang an die Öffentlichkeit zu gelangen – und so entschließt sich Charlie erst einmal dazu, unterzutauchen sowie einige seiner persönlichen Angelegenheiten zu ordnen, noch ehe der zuständige FBI-Ermittler Hobbs (Mario van Peebles) die Chance erhält, in ihn Gewahrsam zu nehmen. Da er den anrückenden Agents nur „um Haaresbreite“ entkommen konnte, steht letzterer nun unter besonders mächtigem Druck seitens seines Vorgesetzten (Corbin Bernsen) – denn allen ist klar: Mit geschätzten 1,6 Milliarden noch immer „unauffindbar“ an einem geheimen Ort deponiert, könnte der Flüchtige im Prinzip überall hin verschwinden. Statt Europa, Südamerika oder die Karibik markiert Charlie´s tatsächliches Ziel allerdings das eher ärmliche Tijuana: In seiner derzeitigen Situation ist es ihm nämlich endlich mal bedeutsam geworden, seine Tochter ausfindig zu machen, die er im Grunde noch nie gesehen hat und deren Mutter früher in eben jener Stadt (direkt südlich der US-Grenze) wohnhaft war...
Im Rahmen seiner Suche lernt er irgendwann die Prostituierte Mary (Claudia Ferri) kennen, die ihm im Folgenden bei seinen Bemühungen behilflich ist – bloß dauert es im Anschluss nicht allzu lange, bis sich Informationen hinsichtlich seines Aufenthaltsorts in „speziellen Kreisen“ zu verbreiten anfangen, wodurch nicht nur Hobbs auf den Plan gerufen wird, sondern auch zwei weitere Parteien, die jeweils ein bestimmtes Interesse an seiner Person haben: Zum einen wäre da Jorge Garza (Garcia) zu nennen, der Kopf des örtlichen Crime-Kartells, welcher aktuell in großen finanziellen Schwierigkeiten (gegenüber einigen noch mächtigeren Gangstern in Mexico City) steckt und daher zusammen mit seinem Bruder Gabriel (Danny Pino) fortan hinter Charlie her ist, um seine Schulden mit dessen Geld begleichen zu können – zum anderen zwei in L.A. ansässige russische Mobster (Elya Baskin und Raymond J. Barry), die von Wright um 100 Millionen betrogen wurden und nun sowohl ihren „besten Mann“ Damon (Luke Goss) als auch drei angeheuerte Söldner (Daniels, Ross und Bokeem Woodbine) damit beauftragen, ihn so schnell wie möglich (zu ihnen) zurück in die Stadt der Engel zu holen. Ein Wettlauf gegen die Zeit setzt ein – im Zuge dessen es nicht lange dauert, bis sich die einzelnen Pfade zu kreuzen beginnen....
Einer der Hauptvorwürfe, die sich „Across the Line: The Exodus of Charlie Wright“ gefallen lassen muss, ist dass der Film einige seiner zentralen Protagonisten aus einem „beengten“ Blickwinkel heraus beleuchtet, der fraglos als „manipulativ“ zu charakterisieren ist. Charlie´s dargebotene Schritte in Richtung Buße und Erlösung beschränken sich nahezu vollständig auf seine eigene „persönliche Ebene“: Die kriminellen Machenschaften sind aufgeflogen, er ist gesundheitlich angeschlagen und möchte jetzt (abschließend) zumindest mal seine Tochter zu sehen bekommen bzw. vielleicht sogar kennen lernen, mit deren Mutter er vor rund 20 Jahren eine (keineswegs gefühlsarme, wohl aber perspektivlose) Affäre hatte. Abgesehen von den geprellten russischen Unterweltlern, markieren die vielen Opfer seiner Betrügereien, welche er hintergangen und um ihre Ersparnisse gebracht hat, jedoch kaum mehr als eine Randnotiz innerhalb der Story – auch eine Art, die Figur nicht zu unsympathisch dastehen zu lassen. Es ist schwer, mit einem mitzufiebern, der eigentlich kein (aufrechtes) Mitleid, sondern eher eine gehörige Gefängnisstrafe verdient. Ähnlich verhält es sich mit den „Sorgen und Problemen“ von Jorge Garza und seiner Familie: Ein interessanter und nicht minder „emotional aufgeladener“ Plot-Strang – nur ist das Leben und Handeln der Personen in diesem Teil der Geschichte ebenfalls nachhaltig (inzwischen schon mehrere Generationen umfassend) von illegalen Aktivitäten geprägt. Bleibt noch Hobbs und seine Gewilltheit, Wright daran zu hindern, ungestraft davon zu kommen – doch leider ist ausgerechnet seine Rolle eine ziemlich konventionell gestrickte...
Trotz einer (seitens des Skripts) durchweg nicht optimal ausgeloteten Charaktertiefe sowie der Abwesenheit einer augenfälligen Identifikationsfigur, ist es dem Zuschauer aber dennoch möglich, eine „ausreichende Verbindung“ zu eben jenen Individuen aufzubauen, welche die aufgezeigten Geschehnisse maßgeblich bestimmen – eine in erster Linie dem engagierten Einsatz der gecasteten Akteure zu verdankende Gegebenheit, aus deren Reihen die meisten schlichtweg das Beste aus dem ihnen vorgelegten Material herauszuholen vermochten. Aidan Quinn („Benny & Joon“) gebührt Anerkennung und Lob für seine Darbietung eines Mannes, dessen Zeit allmählich abläuft: Im fortschreitenden Verlauf wird bei ihm das ganze Ausmaß des über die Jahre hinweg in sich hinein gefressenen Schmerzes immer deutlicher – seine nach außen hin gewahrte Fassade bleibt dabei zwar überwiegend intakt, doch verraten seine Blicke zunehmend, was wirklich so alles in ihm vorgeht. Quinn und der hier einen „Hemingway-Bart“ zur Schau tragende Andy Garcia („Smokin' Aces“) liefern beide hervorragende Performances ab, die sich wahrlich sehen lassen können. Letzterer spielt einen „gescheiterten“ Crime-Boss, der Wright sozusagen als seine finale Chance ansieht, das ihm drohende Schicksal eventuell noch abzuwenden – wobei er im Falle eines Fehlschlagens seines Plans aber auch dazu bereit wäre, sich den entsprechenden Konsequenzen zu stellen. Als gleichermaßen erfahrener wie entschlossener FBI-Agent Hobbs, dessen Karriere seit der erfolgreichen Flucht Charlies nun (unverkennbar) auf der Kippe steht, ruft Mario van Peebles („Ali“) keinerlei Anlass zur Klage hervor – einige zusätzliche, weniger stereotype Eigenschaften hätten seinem Part jedoch gut getan...
Während sich die drei gestandenen Männer jeweils an einem zentralen Scheideweg in ihrem Leben befinden, fungieren zwei von ihnen obendrein als ein Mentor für jemanden der „nachfolgenden Generation“: Hobbs bemüht sich, im Rahmen seiner Entscheidungen nicht auch noch der vielversprechenden Karriere seines jüngeren Partners Jimmy (ein solider agierender Jordan Belfi) zu schaden – und Jorge versucht seine Angelegenheiten möglichst so zu regeln, dass sein Bruder Gabriel (als seine Position dann einnehmendes neues Oberhaupt der Familie) nicht unter seinen Verfehlungen zu leiden hat. Jener wird von Danny Pino (TV´s „Cold Case“) überzeugend verkörpert – eine Umschreibung, die so nicht ganz auf Gina Gershon („Bound“) zutrifft, die als Jorge´s Ehefrau kaum der Rede wert ist und überdies einen nicht sonderlich authentisch klingenden Akzent zum Besten gibt. Eine vorzügliche Leistung offeriert derweil die Kanadierin Claudia Ferri („Mambo Italiano“) als alternde, allein stehende Prostituierte Mary, die es wohl noch nie allzu leicht hatte, süchtig nach einer Anti-Falten-Augencreme ist und Charly bei seiner Suche Unterstützung bietet – was in einigen starken Szenen resultiert. Routiniert treten Raymond J. Barry („Charlie Valentine”) und Elya Baskin („2010“) als Bosse einer „russischen Mafia-Sparte“ in Erscheinung – ebenso wie Luke Goss („Hellboy 2“) als ihr „ausführender Mann im Felde“ und Corbin Bernsen („the Dentist“) als aufgebrachter FBI-Chef. Ohne weder wirklich positiv noch negativ aufzufallen, sind schließlich noch Bokeem Woodbine („the Big Hit“), Geoffrey Ross („Baines“) und Gary Daniels („the Expendables“) anzuführen, welche das angeheuerte Söldner-Trio bilden…
Augenfällig orientierte sich Frazier bei seinem Herangehen an das Projekt an solch großen Vorbildern wie „Traffic“ oder „the Insider“ – ohne deren Qualität(en) jedoch unbedingt nahe zu kommen. Abgesehen von der „Reduzierung“ des begangenen Milliarden-Betrugs auf einen reinen „Plot-Katalysator“ sowie einigen Unwahrscheinlichkeiten und zu grob ausgearbeiteten Details – á la zwei brenzlige Situationen, aus denen Charlie auf nahezu „unerklärliche Weise“ zu entkommen vermag (an einer Stelle kann er sich etwa dem Zugriff der US-Behörden entziehen, an einer anderen sich inmitten eines Feuergefechts in einer Stierkampf-Arena aus der Gewalt etlicher Gangster befreien), wie auch in Anbetracht des gewaltigen Zufalls, dass der untergetauchte Flüchtige ausgerechnet Jimmy in dessen Mexiko-Urlaub auf der Straße über den Weg läuft – ist das Fundament der Story (an sich) allerdings ein verhältnismäßig kompetent beschaffenes: Dank der interessanten und gut miteinander verknüpfen Handlungsstränge, deren Reiz sich primär aus den Entscheidungen und Konflikten der einzelnen Personen heraus entwickelt, bleibt der Verlauf kontinuierlich ansprechend mitzuverfolgen, so dass man gespannt dem Ausgang des Werks entgegensieht. Schade, dass dann ausgerechnet das Finale relativ schwer enttäuscht: Als alle Parteien mit gezückten Waffen auf einem Marktplatz aufeinander treffen, wird der Showdown in Gestalt einer an Tarantino oder Tony Scott erinnernden Situation eingeleitet – welche aber leider in einem ernüchternd antiklimaktischen Ausgang mündet, bei dem sich einige Personen zudem irritierend anders als im Vorfeld eigentlich fest etabliert verhalten. Am Ende erfährt der Zuschauer letztlich noch eine wichtige Information zu Wright, die so manches in einen besser nachvollziehbaren Kontext rückt – bloß kann auch diese präsentierte inhaltliche Facette nicht mehr allzu viel daran ändern, dass im Grunde allein nur der sich um den „Garza-Clan“ rankende Teil der Geschichte einen wahrhaft zufrieden stellenden Abschluss erfährt…
Mit einer Spielzeit von nur knapp 90 Minuten ist der Film (unabhängig seines durchweg recht ruhigen Tempos) zwar sehr straff und frei von Leerlauf geraten, nichtsdestotrotz aber auch ein wenig zu kurz, um in einem optimalen Maße in die Tiefe der Materie sowie der (zahlreichen) beteiligten Figuren vorzudringen: Etwas mehr Komplexität und Raum zur Entfaltung wäre auf jeden Fall zu wünschen gewesen – z.B. hätte man unter entsprechend veränderten Umständen bestimmte (meist moralische) Erkenntnisse gewiss auf subtilere Weise „aus den Ereignissen heraus“ vermitteln können, statt sie über die Dialoge einiger Protagonisten zu transportieren. Zumindest hat Frazier in seiner Funktion als Regisseur eine Menge aus den limitierten Ressourcen herausgeholt, welche ihm für die Umsetzung des Werks nur zur Verfügung standen: Ansehnlich bebildert von Cinematographer Anthony J. Rickert-Epstein („Miss Ohio“), der die menschlichen Emotionen und Atmosphäre der einzelnen Locations gleichermaßen prima einzufangen wusste, sowie obendrein mit einem stimmigen Score Kim Carrolls („Gone Baby Gone“) unterlegt, arrangierte er die Geschehnisse (dem jeweiligen Kontext angepasst) überwiegend gritty, nüchtern und ohne dabei auf irgendwelche unnötigen „inszenatorischen Mätzchen“ zurückzugreifen. Genährt u.a. seitens der beiden Tatsachen, dass vorwiegend an Original-Schauplätzen gedreht wurde und Frazier selbst mehrere Jahre lang in Mexiko gelebt hat, erzeugt das Ergebnis ein ansprechendes Gefühl von Authentizität: Mit einem stärkeren Skript hätte die Produktion sicherlich zu einem kleinen Genre-Highlight avancieren können – so allerdings kommt sie (unterm Strich) nicht übers Mittelmaß hinaus. Im Übrigen sollte keiner (aus wer weiß welchen Gründen) eine irgendwie Action-orientierte Ausrichtung des Streifens erwarten – die betreffenden Sequenzen sind spärlich gesät und stehen nie „dominant“ im Mittelpunkt, sondern bleiben den umgebenden inhaltlichen Elementen stets untergeordnet…
Fazit: Gut besetzt, gespielt und realisiert, lässt sich „Across the Line: The Exodus of Charlie Wright“ durchaus passend als eine B-Movie-Version eines dramatischen Crime-Thrillers im Stile Michael Manns umschreiben. Unglücklicherweise krankt der Film jedoch u.a. an seinem enttäuschenden finalen Akt sowie der oberflächlich-unausgegorenen Beschaffenheit seiner Drehbuch-Vorlage, welche das Potential der ebenso interessanten wie zeitgemäßen Geschichte leider in keinem befriedigenden Maße auszuschöpfen vermochte…
„4 von 10“ – zu verorten nahe der Grenze zur „5“
Abschließend noch ein kurzer Nachtrag: Wie bereits in meiner Einleitung angerissen, handelt es sich bei dem deutschen Veröffentlichungs-Titel „La Linea 2“ im Prinzip um nicht viel mehr als einen „klassischen Etikettenschwindel“…