„Wenn eine Atombombe auf die Erde fällt, werden nur Lemmy und die Kakerlaken überleben!“
Das ist ein Zitat aus dem Dokumentarfilm „Lemmy“ von Greg Olliver und Wes Orshoski aus dem Jahre 2010 über eben jene schon zu Lebzeiten zur Legende gewordenen Rock’n’Roll-Ikone. Die Rede ist natürlich vom Sänger und Bassisten der britischen Band Motörhead, die die internationale Musikszene seit 1977 beständig mit einem dreckigem Sound beehrt, der seine Wurzeln im klassischen Rock’n’Roll, Beat und Blues-/Hardrock hat, aufgrund der Vehemenz, mit der er vorgetragen wird, seiner je nach Song Schwere oder Geschwindigkeit und der oftmals ausgefeilten Lead-Gitarren-Arbeit gern auch der Heavy-Metal-Sparte zugeordnet wird. Motörhead ist eines der Originale, das all die Jahrzehnte überlebt und unzählige andere Künstler inspiriert hat. Motörhead ist eine Marke, die für ehrlichen, rauen Rock’n’Roll und eine unpeinliche Variante des „Sex, Drugs & Rock’n’Roll“-Klischees steht. Kopf der Band ist eben jener Lemmy Kilmister, der vorher Beatmusik mit „The Rocking Vicars“ und psychedelischen Space-Trip-Rock mit „Hawkwind“ machte und als seine Lieblingsbands stets die alten Rock’n’Roll-Helden der 1950er sowie die Beatles angibt. Als er von „Hawkwind“ gefeuert wurde, gründete er Motörhead – und wurde erfolgreicher als all seine vorherigen Bands.
Ollivers und Orshoskis Film porträtiert jedoch nicht etwa die Band Motörhead, sondern eben ihren Frontmann. Dieser lebt in einer Mietswohnung in unmittelbarer Nachbarschaft seiner Lieblingskneipe in Los Angeles und vertreibt sich die Zeit zwischen Touren und Albumaufnahmen anscheinend in der Regel mit Whiskey-Cola und Glücksspielautomaten. Der Film bestätigt das Bild des altersweise wirkenden, mit einem trockenen Humor gesegneten Altrockers, der auf erstaunlich unaufgeregte Weise seinem Lebensstil frönt, statt am laufenden Band „Skandale“ zu produzieren/zu inszenieren, und sich an ihm gemessen trotz seines fortgeschrittenen Alters einer recht guten Konstitution erfreut. Anstelle eines Schlosses, eines Palasts oder eines Luxusanwesens bewohnt er ein bezahlbares Appartement, das bis unter die Decke vollgestopft ist mit teils bizarren Erinnerungsstücken, die ein bewegtes Leben ebenso wie eine ausgeprägte sentimentale Ader widerspiegeln. Auf die Präsentation von Lemmys Weltkriegs-Devotionalien muss der deutsche Zuschauer übrigens verzichten, das erschien dann anscheinend zu provokant und wurde kurzerhand herauszensiert. Ehrfurchts- und respektvoll nähern sich Olliver und Orshoski Mr. Kilmister und halten sich weitestgehend im Hintergrund. Kritische Interviews oder dergleichen darf man also nicht erwarten, aber das wird auch nicht die Intention des Films gewesen sein. Stattdessen filmt man Lemmy während eines Radio-Interviews, beim Einkauf von Beatles-Platten, beim Einspielen eines Chuck-Berry-Songs („Run Rudolph Run“) zusammen mit „Foo Fighter“ Dave Grohl und beim Musizieren mit Metallica, mit seiner Rockabilly-Band Headcat und natürlich auf Tour mit Motörfuckin’head! Man bekommt Einblicke in die berüchtigte „Roadcrew“ – und lernt seinen Sohn kennen, wodurch sich tatsächlich recht intime Einblicke ergeben, denn auch wenn die Vater-Sohn-Beziehung der Beiden sicherlich unkonventioneller Natur ist, so sind auch einem Lemmy Vatergefühle nicht fremd. Zwischendurch werden einige Archivaufnahmen eingestreut und natürlich zahlreiche aktuelle und ehemalige Weggefährten vor die Kamera geholt, die ein paar Worte über Lemmy verlieren dürfen, darunter Musiker wie Henry Rollins, Slash, Steve Vai, Ozzy Osbourne, Joan Jett, Scott Ian, Dee Snider und Captain Sensible, die Tätowiererin Kat von D, der Wrestler Triple H, sein Stiefelhersteller etc. Am interessantesten sind indes die Gespräche mit ehemaligen Bandkollegen der Rocking Vicars sowie vor allem von Hawkwind, denn Lemmys Rauswurf scheint noch immer zwischen Lemmy und letzteren zu stehen und an Lemmy zu nagen.
Krawallig oder laut wird der Film dennoch nur während der eingespielten Songs; dazwischen sind es die leiseren Töne und Details, auf die es zu achten gilt – etwa wenn Lemmy einmal mehr eine Ehrerbietung an die Beatles formuliert und sie sogar als die authentischere Rock’n’Roll-Band der Arbeiterklasse als die Rolling Stones betrachtet (was in der Regel diejenigen Musikfreunde überrascht, die sich von Image und Klischees blenden lassen), wenn das Augenmerk auf bestimmte „Einrichtungsgegenstände“ seiner Wohnung gelenkt wird, wie beispielsweise den „Don’t Worry, Be Happy“ singenden Fisch im Badezimmer, oder wenn er sich nach einem Konzert allein Wasser ins Gesicht spritzt und kurz innehält. So entsteht ein Bild eines Mannes, der nach wie vor für, aber auch vom Rock’n’Roll lebt, dabei mit beiden Beinen auf dem Boden geblieben ist, selbstironisch sein selbstgewähltes Schicksal als einem der Letzten einer aussterbenden Gattung akzeptiert und sich bewusst für eine außerhalb des Musikzirkusses und -geschäfts trotz vieler Freunde und Fans eher einsame, einzelgängerische Lebensweise entschieden hat, die ebenso wie ganz konventionelle Lebensentwürfe ihren Alltag und ihre Routine mit sich bringt. Insofern ist „Lemmy“ wie so viele gelungene Musik-Dokumentationen und -Biographien auch ein gutes Stück weit inspirierend, nimmt keinerlei Wertung vor, verzichtet auf jeden eigenen Kommentar seitens der Filmmacher und gefällt besonders durch seine Entmystifizierung und -glorifizierung, die den freien, niemals pietätlos-voyeuristischen oder vorführenden Blick auf eine Kult- und Vorbildfigur, vor allem aber auf eine reife Rockmusiker-Persönlichkeit erlaubt. Unschön ist lediglich, dass fürs Ende ausgerechnet eine nicht sonderlich gelungene Live-Darbietung des Motörhead-Hits „Overkill“ gewählt wurde, die dadurch alles andere als repräsentativ für die nach wie vor gegebene Live-Power der Band ist.