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Hanna (Saoirse Ronan) wächst in einer Märchenwelt auf. Allein mit ihrem Vater Erik (Eric Bana) lebt sie in einem Holzhaus, mitten in der unendlich scheinenden finnischen Einöde. Weit weg von jeder medialen Beeinflussung, kennt sie das Leben nur aus Büchern, spricht mehrere Sprachen fließend, und hat gelernt, an einem solchen Ort zu überleben. Dank der Hilfe ihres Vaters, beherrscht die inzwischen 16jährige nicht nur Waffen und Nahkampftechnik, sondern ist auch sonst außergewöhnlich gut körperlich trainiert. Denn draußen wartet noch die Hexe, wie sie sie aus den "Grimms Märchen" kennt, und damit ihre Aufgabe - sie soll die Hexe töten.

An Figuren, die von der Diskrepanz zwischen äußerlicher Harmlosigkeit und den Fähigkeiten einer rigorosen Tötungsmaschine leben, gibt es in der Filmgeschichte genügend Beispiele. Sie alle eint der Moment, indem schwer bewaffnete, sich überlegen fühlende Männer auf einen offensichtlich Unterlegenen treffen, von dem sie in Sekunden liquidiert werden. Auch in "Hanna" gibt es diesen Augenblick, aber nur einmal, denn Hannas Äußeres, dass in ihrer jugendlichen blond-blassen Zartheit kaum gegensätzlicher zu ihren Fähigkeiten sein könnte, kann ihre tatsächlichen Gegner nicht täuschen, weshalb sie nie mehr unterschätzt, geschweige denn, geschont werden wird.

Es sind die beiden weiblichen Protagonisten, die den Unterschied zu gängiger Genre-Ware ausmachen, denn sie lassen erst gar nicht den Eindruck einer männlich geprägten Welt entstehen, die sich sexistisch an attraktiven weiblichen Kampfmaschinen delektiert. Die Männer spielen dementsprechend in "Hanna" nur die Nebenrollen, werden fast ausschließlich als Erfüllungsgehilfen der CIA-Agentin Marissa (Cate Blanchett) eingesetzt, und selbst Eric Bana, der als Trainer für Hannas Fähigkeiten zuständig war, bleibt vor allem als fähiger Einzelkämpfer in Erinnerung, dessen gewonnene Schlachten letztlich ohne Wirkung bleiben.

Dagegen gelingt es Saoirse Ronan ihrer künstlichen, märchenhaften Figur Leben einzuhauchen. Geschickt wechselt der Film zwischen mit harter, rhythmischer Musik untermalten Action-Szenen und dem normalen Leben eines Teenagers, als Hanna auf die gleichaltrige Sophie (Jessica Barden) trifft, die mit ihren alternativ angehauchten Eltern in Nordafrika unterwegs ist. Diese Szenen leben zwar auch von der Weltfremdheit der in der Abgeschiedenheit aufgewachsenen Hanna, aber sie übertreiben es nicht, sondern bleiben in der Entdeckung des Erwachsenwerdens ganz real, wenn vielleicht auch etwas verspätet. Diese in die Künstlichkeit des Agententhrillers eingebettete Normalität, nimmt dem Film die übertriebene Stilisierung, die Einseitigkeit einer hoch gepushten, nur auf die finale Auseinandersetzung ausgerichteten Kampfhandlung, wozu noch Hannas Optik beiträgt, die nie voyeuristische Bedürfnisse befriedigt.

Das gilt auch für Cate Blanchett, die als Marissa nochmal die ostdeutsche Kaderkommunistin im Kampf gegen den Klassenfeind aufleben lässt, wenn jetzt auch im Dienst der CIA. Mit Betonfrisur und noch härterem Mundzug - besonders wenn sich dieser zu einem Lächeln verzerrt - kennt sie kein Palaver, Rücksichten oder sonstige Gefühligkeiten, weshalb sie sich auch keinen Augenblick von dem harmlosen Äußeren Hannas täuschen lässt. Selbst die alten ideologischen Ideen von der Entwicklung einer überlegenen Menschenrasse, hat sie längst hinter sich gelassen und lebt nur noch im Hier und Jetzt, indem es gilt, unangenehme Hinterlassenschaften zu beseitigen.

In Hanna und Marissa begegnen sich letztlich Gretel und die Hexe auf Augenhöhe, während Hänsel - wie schon in Grimms Märchen - nur eine Nebenrolle zukommt. Selbst der Wolf darf nur sein Maul öffnen, um ein Show-Down einzuleiten, dass keine Fragen beantworten will, sondern nur die Rollenverteilung klärt. Wie es dann in der Realität weiter geht, interessiert bei den Gebrüdern Grimm auch keinen (8/10).

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