„Wer ist Jason Bourne?“ fragten die Kinoplakate 2002, „Wer ist Evelyn Salt?“ 2010 und 2011 tut es sogar der deutsche Filmtitel „Wer ist Hanna?“.
Dabei ist Hannas Identität wesentlich unklarer als die von Bourne und Salt, ausführlich stellt die Exposition seine Hauptfigur und eindrucksvolle visuelle Konzept des Films: In perfekt durchkomponierten Bildern erscheint die Eislandschaft Finnlands, in der sich eigenartige weiße Gebilde auf dem Wasser als Schwäne, die den Kopf unter Wasser steckten, erweisen, in der die 16jährige Hanna (Saoirse Ronan) auf die Jagd geht, Trainingskämpfe mit ihrem Vater Erik (Eric Bana) absolviert und von ihm in allen Dingen unterrichtet wird. Auf einigen Gebieten ist sie eine Expertin (Waffen, Nahkampf, Fremdsprachen), in anderen Disziplinen ein Laie, der Musik oder soziale Kontakte nur aus Büchern kennt.
Als Hanna zu ihrem Vater „I am ready“ sagt, lässt dieser ihr die Wahl einen Peilsender einzuschalten – wofür Hanna bereit ist ahnt der Zuschauer nur. Denn kaum ist der Sender an, kriegt Geheimdienstlerin Marissa (Cate Blanchett), deren Loft nicht weniger kalt als Finnlands Eiswüste wirkt, eine Nachricht und schickt ein Team los, um Erik festzunehmen. Der ist jedoch schon weg, stattdessen findet man Hanna vor. Die Killerin mit dem Engelsgesicht lässt sich festnehmen, eine perfekte Infiltratorin, die nach Marissa verlangt – der deutsche Werbespruch „Jung. Süß. Unschuldig. Tödlich.“ ist zwar etwas reißerisch, aber fasst ein Faszinosum der Figur doch sehr gut zusammen.
Marissa schickt eine Doppelgängerin, welche Hanna liquidiert ehe sie aus der Gefangenschaft ausbricht. Nach Erledigung dieses Auftrages will sie sich mit ihrem Vater in Berlin treffen – unwissend, dass Marissa noch lebt und ihre Killer auf Vater und Tochter ansetzt…
Joe Wright ist kein Genreregisseur, was ihm einen durchaus unverstellten Blick auf den Actionfilm ermöglicht und eine neue Herangehensweise. Insofern ist „Hanna“ alles andere als ein reinrassiger Actionthriller, der in bekannten Bourne-Gefilden wildert, sondern eine Mischung aus Coming-of-Age-Drama und Agentenfilm. Insofern fallen die Konfrontationen kurz aus, bieten aber schön realistische Nahkampfaction von Bourne-Choreograph Jeff Imada, warten mit Ideen auf (die Verwendung eines Containerkrans während einer Actionszenen) und haben nette inszenatorische Spielereien wie in einem Take gefilmte Fights zu bieten. Nur gelegentlich hätte man inszenatorisch noch mehr rausholen können als die typische Bourne-Optik, die stellenweise etwas sehr verwackelt und zerschnitten daherkommt.
Doch die Hauptattraktion ist Hanna. Dabei ist weniger die Frage interessant, wer sie denn nun ist, deutscher Titel hin oder her, denn bereits nach Hannas Gefangenschaft ist klar, wer sie ist bzw. woher sie kommt, und auch bei der folgenden Hatz gen Berlin ist recht klar, wie der Hase wohl läuft. Was aber kein großer Kritikpunkt sein soll, denn auch wenn die eine oder andere Wendung „Hanna“ sicher nicht schlecht bekommen wäre, so ist der Film in seinem Tempo und seiner Gradlinigkeit ausgesprochen packend, wobei Wright nicht mit visuellen Ideen und Märchenbezügen geizt: Neben dem Finale in einem alten Freizeitpark voller Märchenfiguren (Showdown im Wolfsmaul) schreibt Hanna nach vermeintlicher Erledigung ihres Auftrages „The witch is dead“ an ihren Vater, ein Killer brüllt einem Opfer „Run, little piggie, run“ hinterher und schon die Hütte Hannas und Eriks im Wald könnte aus Grimms Märchen stammen, auf die „Hanna“ immer wieder verweist.
Erfrischend skurril sind die Figuren, gerade Marissas Handlanger Isaacs (Tom Hollander), ein schwuler Nachtclubbesitzer mit Faible für hässliche Freizeitkleidung und einer kräftigen Portion Sadismus sticht hervor – und als Handlanger hat er nicht etwa geschniegelte Agenten, sondern zwei Skinheads dabei. Marissa hingegen treibt als Ordnungsfanatikerin mit Fetisch für Zahnhygiene die Klischees pedantischer Geheimdienstler auf die Spitze, auch wenn man sich bei dieser Figur vielleicht ein wenig mehr Background wünschen würde als pure Pflichterfüllung. *SPOILER* War sie von Erik persönlich enttäuscht oder hatte gar Gefühle für ihn? Ihre Mimik in einer Rückblende deutet es an. Oder ist sie doch im Nachhinein stolz auf das Projekt, das sie einst so rigoros abbrach? *SPOILER ENDE*
Hanna bildet jedoch den Kern des Films, nicht nur auf Handlungs-, sondern auch auf emotionaler Ebene. Auf der einen Seite komplett erwachsen (in ihrer Funktion als Soldatin/Agentin), zum anderen kindlich und weltfremd: Küsse kennt sie in der Theorie, der Junge, der in die Praxis gehen will, wird von Hannas antrainierten Reflexen niedergestreckt. Als Katalysator von Hanna Entwicklung, einem Coming-of-Age im High-Speed-Modus, dient eine britische Urlauberfamilie mit der sie eine Weile reist, über die sie das normale Leben kennenlernt – gerade ein nächtliches, unter einer Decke geführtes Gespräch über Freundschaft zwischen Hanna und Sophie (Jessica Barden) bildet den wohl ergreifendsten Moment des Films. Gleichzeitig sind Sophies Hippie-Eltern, die Hannas alleinige Reise für einen Ausdruck besonderen Freiraumlassens durch ihren Vater sehen, für ein paar auflockernde lustige Momente des Films da. Allerdings *SPOILER* lässt das Script das Verbleiben der Familie am Ende offen – ein eventuelles Ableben wollte man den Zuschauern scheinbar nicht zumuten, unwahrscheinlich ist es angesichts von Marissas und Isaacs‘ Vorgehen aber nicht. *SPOILER ENDE*
So wie Hanna auf Plotebene die Hauptattraktion ist, so ist es Saoirse Ronan auf darstellerischer Seite: Gleichzeitig tough und verletzlich, kindlich und abgeklärt fängt sie alle Facetten ihrer Figur phänomenal ein. Cate Blanchett verkörpert die Geheimdienstlerin mit greifbarer Kälte, während Eric Bana den nonchalanten Support für seine Leading Ladies lässt und in seiner Zurückgenommenheit punktet. Famos ist auch Tom Hollander als wahrlich hassenswerter Schurke, während die Darsteller der britischen Urlauberfamilie da nicht ganz mithalten können.
„Hannah“ ist alles andere als gewöhnliche Thrillerkost, vielleicht eine Spur zu gradlinig und hier und da mit kleinen Makeln, aber ansonsten ein packender, temporeicher und vor allem einfallsreich inszenierter Actionthriller der abseits des Mainstream. Nicht zuletzt wegen der famosen Hauptdarstellerin, des grandiosen Soundtracks der Chemical Brothers und der schön skurrilen Figuren ein echtes Erlebnis.